Warum die Siemens Energy-Aktie mit nach unten gezogen wird
Heiße US-Inflation befeuert die Sorge vor weiteren Zinserhöhungen der Fed
Höhere Zinsen treffen Bewertung und Finanzierung des KI-Ausbaus zugleich
Siemens Energy verliert an Wert, obwohl das Geschäft weiter rund läuft
Die Aktie von Siemens Energy hat am Mittwoch im XETRA-Handel mehr als fünf Prozent verloren und zeigt sich auch im Donnerstagshandel mit Verlusten. Im Handelsverlauf sackt die Aktie weitere 6,12 Prozent auf 127,00 Euro ab. Eine Unternehmensmeldung gibt es nicht. Auslöser sind laut Dow Jones Zinssorgen nach überraschend hohen US-Inflationsdaten, die vor allem KI-Werte trafen. Genau dort verortet der Markt den Münchner Energietechnikkonzern inzwischen, denn ein wachsender Teil seiner Aufträge hängt am Strombedarf neuer Rechenzentren.
Heiße US-Inflation schürt Zinssorgen
Die US-Verbraucherpreise lagen im September um 3,7 Prozent über dem Vorjahr, erwartet worden waren 3,6 Prozent nach 3,4 Prozent im August. Auch die Kernrate ohne Energie und Nahrungsmittel fiel mit 2,6 Prozent höher aus als die prognostizierten 2,5 Prozent. Die Fed hatte bereits im September erstmals seit mehr als drei Jahren den Leitzins angehoben, auf eine Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent. Nach den Daten stieg die am Terminmarkt eingepreiste Wahrscheinlichkeit eines weiteren Schritts auf der Sitzung am 27. und 28. Oktober zeitweise auf gut 50 Prozent.
Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen sprang kurz nach der Veröffentlichung auf über 5,3 Prozent, gab bis zum Abend aber auf rund 5,19 Prozent nach. Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, mahnte laut Dow Jones zur Zurückhaltung: „Von klaren Zweitrundeneffekten kann bislang immer noch nicht die Rede sein.“
Drei Wege, wie höhere Zinsen den KI-Ausbau und die Siemens Energy-Aktie treffen
Der erste Weg führt über die Bewertung. Aktien, deren Kursniveau stark auf Gewinnen späterer Jahre beruht, verlieren bei steigenden Zinsen überproportional, weil künftige Erträge stärker abgezinst werden. Das gilt für Chipwerte ebenso wie für Siemens Energy, deren Aufträge sich über viele Jahre in Umsatz verwandeln.
Der zweite Weg ist die Finanzierung, und er wog am Mittwoch schwerer. Der Rechenzentrumsbetreiber CoreWeave sackte um rund 15 Prozent ab, nachdem auch seine Anleihen unter Druck geraten waren. Anleger fürchten, dass Teile der Branche den KI-Ausbau zu stark mit Schulden bezahlen. Aufschlussreich ist der Tagesverlauf: Die Anleiherenditen kamen bis zum Abend wieder zurück, die KI-Werte erholten sich dennoch nicht. Der Markt preist also nicht nur einen höheren Diskontsatz ein, sondern vor allem teurere Kredite.
Der dritte Weg führt zu den Kunden. Wer Rechenzentren, Kraftwerke oder Netze baut, kalkuliert mit Kapitalkosten. Steigen diese, rechnen sich Projekte später oder gar nicht, und genau davon leben Zulieferer wie Siemens Energy.
Siemens Energy: Operativ läuft das Geschäft weiter rund
In den Zahlen des Konzerns findet sich davon bislang nichts. Im dritten Geschäftsquartal stieg der Auftragseingang auf vergleichbarer Basis um 8,5 Prozent auf den Rekordwert von 17,9 Milliarden Euro, die Marge vor Sondereffekten erreichte 14,2 Prozent. Für das Geschäftsjahr 2026 erwartet das Management ein vergleichbares Umsatzplus von 14 bis 16 Prozent und eine Marge am oberen Ende der Spanne von 10 bis 12 Prozent.
Im Pre-Close-Call am 30. September nannte das Management Rechenzentren einen wichtigen zusätzlichen Treiber, nicht aber die Grundlage des Ausblicks. Stornierungen habe man nicht beobachtet, Reservierungsgebühren und Anzahlungen böten Schutz. Bemerkenswert ist eine andere Aussage: Den eigentlichen Engpass sieht der Konzern nicht in der Nachfrage, sondern im Tempo von Genehmigung, Finanzierung und Bau. Mit der Finanzierung steht damit ausgerechnet jener Faktor auf der Liste, den steigende Zinsen unmittelbar verschärfen.
Fed-Entscheidung und Quartalszahlen als nächste Prüfsteine
Am 28. Oktober entscheidet die Fed über den nächsten Zinsschritt, rund zwei Wochen später legt Siemens Energy die Zahlen zum Schlussquartal vor, zusammen mit dem Ausblick auf das Geschäftsjahr 2027 und neuen Zielen bis 2030. Ob Kunden wegen höherer Kapitalkosten bei Rechenzentren zögern, lässt sich dann erstmals an den Bestellungen ablesen.
Claudia Stephan, Bettina Schneider, Redaktion finanzen.net
Dieser Text dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine Anlageempfehlung dar. Die finanzen.net GmbH schließt jegliche Regressansprüche aus.