Warum die Zahl der Listerien-Infektionen steigt
Die 62 Jahre alte Frau aus Deutschland hätte wohl nie gedacht, dass die Ferien auf den Kanaren ihr Leben so einschränken würden. Die bisher gesunde Lehrerin bekam dort auf einmal starke Kopfschmerzen, ihr wurde übel, und sie musste sich übergeben. Sie hatte Glück, dass die Ärzte im Krankenhaus sofort auf die Idee kamen, ihr Nervenwasser zu untersuchen. Es war sehr viel Eiweiß darin und zu viele weiße Blutkörperchen, vor allem Granulozyten. Die Frau hatte eine Hirnhautentzündung – Meningitis – durch Bakterien. Sofort ordneten die Ärzte hoch dosierte Antibiotika an. Im Nervenwasser fand sich das Bakterium Listeria monocytogenes. Eine Listeriose zieht man sich über Lebensmittel zu. Menschen mit gesundem Abwehrsystem erkranken selten, und wenn, verläuft die Krankheit meist leicht, mit fieberhaftem Brechdurchfall. Gefährlich ist Listeriose für Schwangere, Neugeborene, alte Menschen und solche mit einem schwachen Immunsystem. Die Keime können sich im Blut ausbreiten, und es können sich Hirnhäute und Gehirn entzünden. Schwangere können die Krankheit auf ihr ungeborenes Kind übertragen, und das Baby kann im Mutterleib sterben oder schwer krank zur Welt kommen. Die Lehrerin hatte sich vermutlich über Ziegenkäse aus roher Milch infiziert. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Sie hatte zwar Glück, dass sie überlebte. Allerdings infizierten sich die Hohlräume in ihrem Gehirn in den folgenden Jahren zweimal mit anderen Bakterien. Die Frau hatte starke Gedächtnisprobleme. An alles, was länger her lag, erinnerte sie sich gut: Sie konnte Texte auf Rechtschreibfehler und Grammatik korrigieren, Kreuzworträtsel lösen und den Inhalt von Büchern wiedergeben. Doch in unbekannter Umgebung bekam sie Angst und war orientierungslos; ohne ihren Mann kam sie nicht zurecht. In einer Magnetresonanztomographie sahen die Ärzte, dass der Hippocampus auf beiden Seiten erheblich geschrumpft war. Dieser Hirnbereich ist dafür verantwortlich, dass Gemerktes aus dem Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis überführt wird. Ohne Hippocampus kann man sich im Extremfall selbst den Weg zur Toilette nicht merken, obwohl man zuvor dort gewesen war. „Der Hauptschaden kam vermutlich durch die Listeriose“, sagt Roland Nau. Der emeritierte Professor leitet die Arbeitsgruppe Geriatrische Neuroinfektiologie in der Uniklinik Göttingen, hat die Frau behandelt und den Fall im „Journal of Medical Case Reports“ beschrieben. Fertigessen als Infektionsrisiko Listeriose ist selten, aber die europäische Seuchenbehörde ECDC warnt, dass ernste Infektionen zugenommen haben. 2020 waren es 1887, im Jahr 2024 schon 3041. Jeder zwölfte Infizierte starb, die meisten waren älter als 65. Auch in Deutschland werden dem Robert Koch-Institut seit 2001 mehr Listeriosen gemeldet: damals 216, im Jahr 2025 fast dreimal so viele. „Vermutlich sind es in Wirklichkeit viel mehr“, sagt Winfried Kern. Der emeritierte Professor leitete 20 Jahre lang die Abteilung für Infektiologie in der Uniklinik Freiburg. „Wer nur eine milde Listeriose bekommt mit fieberhaftem Durchfall, geht deshalb nicht zum Arzt. Dann wird die Infektion statistisch nicht erfasst.“ Der europaweite Anstieg könne gemäß ECDC verschiedene Gründe haben. Zum einen werden die Menschen immer älter, und es ist bekannt, dass mit zunehmendem Alter die Immunabwehr nachlässt. Zum anderen könnte es an veränderten Essgewohnheiten liegen – mehr bequemes, vorgefertigtes Essen statt selbst zubereitetes – oder unhygienische Verhältnisse bei der Lebensmittelzubereitung und -lagerung. In den letzten Jahren gab es in Deutschland immer mal wieder Ausbrüche, so wie 2023 durch geräucherten oder gebeizten Lachs, 2020/2021 durch geräucherte Regenbogenforelle oder 2018/2019 durch Blutwurst. „Mit der heutigen Massenproduktion ist das nicht zu vermeiden“, sagt Winfried Kern. Kein gesunder Mensch müsse jedoch Panik vor Listerien haben. „Die übliche Lebensmittelhygiene reicht. Übertreiben Sie es nicht mit Bioprodukten aus unpasteurisierter Milch, und essen Sie möglichst wenig vorgefertigte Speisen. Und auch wenn es mühselig ist: Machen Sie sich Salat und Smoothies lieber selbst, als fertig geschnippelten in der Tüte oder fertig gepresste im Plastikbecher zu kaufen.“ Schwangeren und Menschen mit Abwehrschwäche rät das Bundesinstitut für Risikoforschung von bestimmten Lebensmitteln ab, unter anderem Rohmilchkäse, rohem Fleisch und rohem Fisch.