Warum es dort nur Plastik-Obst gibt
In den Regalen gibt es Cornflakes, Nudeln und Zucker. Die Backwaren-Abteilung hat Brötchen und Donuts. Doch wer die Paprika und Tomaten des neuen „Penny“-Markts im 18. Stock der Asklepios Klinik Altona genauer unter die Lupe nimmt, merkt: Dies ist kein normaler Supermarkt. Was es mit dem neuen Laden ganz oben in dem Krankenhaus an der Paul-Ehrlich-Straße auf sich hat. Vorsichtig schiebt Vedat Mustafa seinen Einkaufswagen vor das Regal mit den Backwaren. Der 27-Jährige ist der erste Kunde im neuen „Penny“-Markt der Asklepios Klinik Altona. Doch um ein Croissant mit der Zange aus dem Fach zu angeln und es in die Papiertüte zu bugsieren – dafür braucht Vedat Mustafa Hilfe. Neben ihm steht eine Ergotherapeutin. Neuer Spielzeug-Supermarkt in der Asklepios Klinik Altona Eine riesige Narbe zieht sich über den Hinterkopf von Vedat Mustafa. Sein linker Arm ist bandagiert und hängt schlaff an seinem Körper herab. Der junge Mann ist schwer gezeichnet von einem Unfall, der gerade einmal drei Monate zurückliegt. Damals rutschte Vedat Mustafa zu Hause in Altona-Altstadt beim Duschen aus. Sein Kopf knallte gegen die Wand. Er erlitt eine Hirnblutung und kam mit Blaulicht ins Krankenhaus. In einer Not-OP retteten die Ärzte dem 27-Jährigen das Leben, indem sie ihm die Schädeldecke abnahmen, bis die Schwellung seines Gehirns sich wieder zurückgebildet hatte. Zwei Wochen war Mustafa auf der Intensivstation. Danach kam er auf die normale Station. Nach der Entlassung ging es in die Reha. Doch der Weg zurück in sein altes Leben ist noch lange nicht zu Ende. „Penny“ im Krankenhaus: Neurologie-Patienten lernen Einkaufen „Ich habe Schwierigkeiten beim An- und Ausziehen, kann mir die Schuhe nicht zubinden und mir kein Essen zubereiten“, sagt Mustafa langsam. Doch Mustafa kämpft. Jeden Tag trainiert er und kommt dafür in das neu eröffnete Neurologische Therapiezentrum Altona der Asklepios Klinik, zu der auch der „Penny“ mit den Spielzeugwaren am Ende des Flures gehört. Hier lernen Menschen wie Vedat Mustafa Handgriffe, die früher wie selbstverständlich zu ihrem Alltag gehörten, ohne in Stress zu geraten. „Wenn einem hier mal das Kleingeld herunterfällt, ist es nicht so schlimm, wie wenn zehn nervöse Hamburger in einem echten Supermarkt hinter mir stehen“, sagt Lisa Bechstedt, Marketing-Referentin bei Asklepios. Und Dr. Robert Schulz, Chefarzt der Neurologie, erklärt: „Wenn bei der Reha schon vieles gut gelingt, genügt das oft noch nicht zur Bewältigung des Alltags.“ Teilhabe sei aber ein immens wichtiger Schritt im Genesungsprozess und Einkaufen ein Puzzleteil zur Selbstständigkeit. Die Idee zum Krankenhaus-„Penny“ kam von einem Graffiti-Künstler Für den „Penny“-Konzern ist der Laden eine Win-Win-Situation, auch wenn hier keine Produkte verkauft werden. Das leuchtende rot-gelbe Schild mit dem typischen Markenschriftzug prägt sich ein. Dennoch weist Daniel Perpeet, Vorsitzender der Geschäftsleitung von „Penny“ Nord, jegliches Werbe-Ansinnen hinter dem Projekt zurück. „Wir haben in unseren 85 Märkten in Hamburg jeden Tag Menschen, die körperlich eingeschränkt sind. Wenn wir dazu beitragen können, Menschen nach einem schweren gesundheitlichen Einschnitt ein Stück Selbstständigkeit und Lebensqualität zurückzugeben, ist das genau die Art von gesellschaftlichem Engagement, die wir gerne unterstützen.“ Bei den Möbeln handele es sich um ausrangierte Materialien aus geschlossenen Filialen, die auf diese Weise ein sinnvolles Recycling erführen. Tatsächlich kam die Idee zu dem Spielzeugmarkt auch gar nicht aus dem Hause „Penny“, sondern von dem Graffiti-Künstler Ray de la Cruz, der die Wände des Neurologischen Therapiezentrums besprüht und zuvor den „Penny“-Markt auf der Reeperbahn verziert hatte. Mit Graffiti gegen die typische Krankenhaus-Atmosphäre Wie die fachliche Leiterin des Zentrums, Meike Zastrow, erklärt, wollte man die Station bewusst so gestalten, dass sie nicht allzu sehr nach Krankenhaus aussieht. Damit die Parkinson- und MS-Patienten, Überlebenden eines Schlaganfalls oder Menschen wie Vedat Mustafa, die viele Wochen in der Klinik hinter sich haben, sich wohler fühlen. Mustafa ist dankbar für die Unterstützung, die er durch seinen eigenen Arbeitgeber erfährt: Er ist selbst Patiententransporteur bei Asklepios, kann seinen Job aber derzeit nicht ausüben. „Er macht große Fortschritte“, sagt seine Ergotherapeutin Janina Philipps. Und Mustafa selbst betont: „Wenn man seinen Job gerne macht, wie ich, ist das sehr, sehr wichtig. Ich möchte bald wieder arbeiten.“