Warum Florian Illies findet, dass wir KI bemitleiden sollten
Der Autor Florian Illies, 55, wirbt für Mitleid mit künstlicher Intelligenz. »Ihr fehlt das Zweifeln, ihr fehlt das Zögern, ihr fehlt das Scheitern, ihr fehlt die Erfahrung«, schreibt er in einem Essay in der Wochenzeitung »Die Zeit«. Ihr fehle, »dass ihre Texte durch einen Körper gegangen sind, durch eine Seele, nicht nur durch eine Datenleitung«. Illies fragt: »Ist es nicht tröstlich, dass genau dies den Maschinen immer fehlen wird? Wir sollten anfangen, sie dafür zu bemitleiden.« Behalten Sie den Überblick: Jeden Werktag gegen 18 Uhr beantworten SPIEGEL-Autorinnen und -Autoren die wichtigsten Fragen des Tages im Newsletter »Die Lage am Abend« – hintergründig, kompakt, kostenlos. Hier bestellen Sie Ihr News-Briefing als Mail. Der KI, so schreibt Illies in dem Beitrag , fehle »die Unterbrechung durch das aufgewachte Kind oder die piepende Waschmaschine, ihr fehlt das Abschweifen der Gedanken zurück in einen lange vergangenen Sommer«. Der Autor und »Zeit«-Herausgeber führt aus, dass KI »keine wild wuchernden menschlichen Synapsen« habe, »sondern lineare künstliche«. »Die KI-Anbieter versuchen, uns genau das als Gewinn zu verkaufen. Wer bei ChatGPT, bei Claude oder bei Google Gemini ein Thema eingibt, der bekommt einen Text in gewünschter Länge schneller geliefert, als er für das Eintippen der Frage gebraucht hat. Die größte Verheißung der KI ist also die Geschwindigkeit, mit der sie aus unzähligen Daten ein zählbares Ergebnis erstellt.« Der Dauergestus der KI laute »Kein Problem«, schreibt Illies. »Sie ist auf unmenschliche Weise immer bereit. Und nie erschöpft. Wann auch immer man fragt: Es gibt in Bruchteilen von Sekunden eine Rede, ein Gedicht, einen Kommentar. Aber wer so schnell schreibt wie die KI, der kann nicht am Leben sein.« Illies gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftstellern unserer Zeit. Im Jahr 2000 erschien der Bestseller »Generation Golf« über eine westdeutsche Jugend in den Achtzigerjahren und machte den Autor berühmt. Es folgten zahlreiche weitere Werke, darunter 2021 »Liebe in Zeiten des Hasses« (eine Videorezension von Elke Heidenreich finden Sie hier) und im vergangenen Jahr »Wenn die Sonne untergeht – Familie Mann in Sanary«. In dem erzählenden historischen Sachbuch nähert sich Illies dem Leben der Familie von Thomas Mann im französischen Exil im Sommer 1933 (mehr darüber, zu welchem Preis die Vergangenheit lebendig werden soll, erfahren Sie hier ). Zuletzt erschien »Träume aus Feuer«: Darin beschreibt Illies den Aufstieg und Fall des Alchimisten Johannes Kunckel am preußischen Hof im 17. Jahrhundert.