Warum George R. R. Martin seine Fans warten lässt
Dunkelviolette Schrift vor grauem Hintergrund. Dahinter schimmern die Umrisse eines Throns aus Schwertern. Im August 1996 hat wohl niemand geahnt, dass der Fantasy-Roman mit diesem Cover und dem Titel "A Game of Thrones" eines gewissen George Raymond Richard Martin eines der größten popkulturellen Phänomene der letzten Jahrzehnte lostreten würde. 30 Jahre später ist Martins Geschichte gleichzeitig beendet und unvollendet. Die Serie hat ein Finale, die Buchreihe nicht. Seit 2011 warten die Fans auf Band sechs von sieben angekündigten. Während der Autor mit dem nächsten Band ringt, erzählen Studios und Fans Westeros ohne ihn weiter. Wie aus "A Game of Thrones" ein Milliarden-Franchise wurde Trotz des großen Erfolges der Fantasy-Saga "A Song of Ice and Fire" ("Das Lied von Eis und Feuer"), deren Auftakt "A Game of Thrones" bildet, erlangte Martin erst durch die HBO-Serienadaption des Stoffes weltweit Berühmtheit. Fünf Originalbände sind inzwischen erschienen. Die HBO-Serie endete am 19. Mai 2019 - Martins literarische Vorlage nicht. "Das Lied von Eis und Feuer" ist eine Fantasy-Saga, die im fiktiven Reich Westeros spielt. Sie folgt mehreren Königshäusern in verschränkten Handlungssträngen - eine ausufernde Erzählung über Krieg und Machtstreben. Die Buchreihe ging weltweit rund 100 Millionen Mal über den Ladentisch und ist in über 40 Sprachen erhältlich. Die FanFiction schreibt die Geschichte für sich selbst weiter Mit "House of the Dragon" und "A Knight of the Seven Kingdoms" hat HBO zwei weitere Serien im Westeros-Kosmos etabliert. Beide werden fortgesetzt. Wie viel HBO mit "Game of Thrones" tatsächlich verdient hat, hält der Sender geheim. Eine viel zitierte Modellrechnung kam für HBO 2019 auf den Gewinn von rund 2,3 Milliarden Dollar. Auch der zukünftige Wert der Serie fließt in diese Berechnung ein. Allerdings: Das gilt nur für "Game of Thrones", nicht für die Spin-offs. An den laufenden Serien, Filmen, Büchern und Spielprojekten aus Martins Welt arbeiten inzwischen mindestens 15 namentlich bekannte professionelle Autorinnen und Autoren. Die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen. Nicht alle Autorenteams sind vollständig bekannt, außerdem gibt es anonyme Beraterinnen und Berater. Aber nicht allen geht es bei der Weiterentwicklung um Geld. Neben Verlagen, Agenturen und Produktionsstudios arbeiten online weltweit Fans in der sogenannten Fan-Fiction weiter am Stoff. Auf einschlägigen Portalen wie Archive of Our Own (AO3) oder FanFiction.net finden sich Zehntausende Fan-Fiction-Geschichten aus Martins Welt. Darunter alternative Enden, neue Aufeinandertreffen von Figuren oder auch Fortsetzungen der bekannten Handlung. Warum Martin für "The Winds of Winter" keine Deadlines mehr nennt Viele Fans schreiben auch deshalb weiter, weil sie nicht länger auf den nächsten Roman warten wollen. Der Autor nimmt sich Zeit. So viel, dass er keine Deadlines mehr nennen will, wie er in mehreren Interviews sagte. Eigentlich wollte er den sechsten Roman vor Beginn der sechsten Staffel der Serie fertigstellen. Das wäre 2016 gewesen. Wie weit Martin mit "The Winds of Winter" tatsächlich ist, weiß niemand. Für Unmut sorgt bei Teilen der Fans, dass Martin nach Interview-Aussagen von Showrunner Ira Parker an neuen Geschichten aus dem "Dunk & Egg"-Strang schreibt. Das verzögert die Hauptreihe, fürchten viele Fans. Die bislang drei veröffentlichten Geschichten spielen etwa 100 Jahre vor der Haupthandlung der Ursprungs-Saga und bilden die Vorlage für die Serie "A Knight of the Seven Kingdoms". WordStar 4.0 statt moderner Schreibprogramme Martin arbeitet auf eine Weise, die inzwischen selbst zum Mythos geworden ist. Er zieht sich zum Schreiben zurück und meidet Ablenkung. Deshalb schreibt er an einem alten, nicht mit dem Internet verbundenen DOS-Computer mit dem noch älteren Textprogramm WordStar 4.0. Dass "The Winds of Winter" trotzdem auf sich warten lässt, hat die altertümlich anmutende Technik zu einem festen Bestandteil der Erzählung über den scheinbar niemals fertig werdenden Roman gemacht. Obwohl der nächste Band noch immer nicht abgeschlossen ist, äußert sich Martin seit Jahren dazu, wie das Ende aussehen könnte. Kurz nach dem Serienfinale sagte er noch, es werde dem Ende durchaus ähneln. Inzwischen charakterisiert er seine Ideen aber als deutlich verschieden von der Storyline der Serie. Zugegeben, Martin befindet sich in einer schwierigen Lage. Viele Fans waren mit dem Serienfinale unglücklich - manche sehr. Er betont, sich davon nicht beeinflussen zu lassen. Allerdings spricht der Widerstand gegen das Serienende und die ausbleibende literarische Produktion doch dafür, dass er mit sich ringt. Die unendliche Geschichte All das verstärkt sogar den Sog von "Game of Thrones" und "Das Lied von Eis und Feuer". Das Serienende war ein Aufreger. Die Fans warten jetzt seit vielen Jahren auf den neuen Roman, auch als eine Art Wiedergutmachung - und haben viel Zeit über mögliche Wendungen zu spekulieren, solange er nicht auf Papier gebannt vorliegt. In gewisser Weise hat Martin die alleinige Deutungshoheit über die Geschichte verloren. Nicht nur wegen der vielen Spin-offs, die den Kosmos teils mit anderer Autorschaft erweitern, während das Original noch nicht abgeschlossen ist. Sondern auch, weil die Geschichte in den vielen faninternen Debatten weiterlebt und so fast wie ein eigenes, lebendiges Wesen wirkt. Andere unvollendete Fantasy-Reihen Ein schwacher Trost, aber die Reihe wäre nicht die erste, die unvollendet bleibt. Der dritte Band von Patrick Rothfuss' "The Kingkiller Chronicle" ist bislang nicht erschienen. Seit Jahren warten Fans auf den nächsten Band der "Gentleman Bastard Sequence" von Scott Lynch. Und seit den 1990ern steht der dritte Band der "The Exiles Trilogy" von Melanie Rawn aus. Vielleicht liegt darin ein Teil des Erfolgsgeheimnisses der stetig wachsenden Welt von Westeros. Längst prägt sie nicht mehr Martin allein, sondern auch Serienautoren und -autorinnen, Produktionsstudios und Fans. Ob "The Winds of Winter" die Leerstelle jemals schließen wird, lässt Martin offen. Sicher ist: Solange das Ende fehlt, bleibt Westeros ein Ort für Spekulationen - und für weitere Geschichten.