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Warum Langeweile ein wichtiges Warnsignal ist

Wissenschaft

Im Wartezimmer, an der Bushaltestelle, in der Supermarktschlange: Kaum entsteht ein Moment des Leerlaufs, greifen wir zum Smartphone. Eine Psychologin erklärt, warum Langeweile ein unangenehmes Gefühl ist – und trotzdem so wichtig ist.

Ein Interview

von Lena Ruppert

Frau Krauss, was ist eigentlich Langeweile?

Sabrina Krauss: Langeweile ist das unangenehme Gefühl, eine zufriedenstellende Tätigkeit ausführen zu wollen, aber nicht zu können. Per Definition ist die Langeweile daher immer unangenehm. Wäre das Gefühl nicht unangenehm, wäre es keine Langeweile, sondern eher Entspannung oder Freizeit.

Und wann kann man Langeweile haben?

Langeweile kann man haben, wenn man in einem Meeting ist, das sich stundenlang zieht. Manche Menschen haben Langeweile beim Spülen, bei der Gartenarbeit, beim Kinderbeobachten. Langeweile heißt nicht, dass man dann nichts zu tun hat.

Gerade bei Kindern sagt man häufig, dass Langeweile positiv sein kann. Angeblich werden kreative Ideen oft aus der Langeweile heraus geboren. Gibt es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Langeweile und Kreativität?

Wenn Kinder kommen und sagen, ihnen sei langweilig, dann ist die psychologische Empfehlung, nicht immer sofort darauf zu reagieren. Denn sonst können die Kinder nicht lernen, selbstwirksam zu werden. Wenn Kinder lernen, dass sie immer ihre Eltern oder eine andere Person brauchen, damit ihre Bedürfnisse befriedigt werden, dann ist das ungünstig. Deswegen ist es schon gut, dem Kind bei Langeweile zu sagen, dass es etwas daraus machen kann. So kann das Kind lernen, dass es selbst in der Lage ist, sich zu beschäftigen.

Dann macht Langeweile also tatsächlich kreativ?

Nein. Man muss genau überlegen, was man mit kreativ meint, denn da gehen die Definitionen sehr weit auseinander. Es gibt Leute, die sagen, ein Objekt sei kreativ oder eine Arbeitsatmosphäre sei kreativ. Es gibt auch Ansätze, die sagen, dass Kreativität mit Intelligenz verknüpft ist, weil man bei einer gewissen Intelligenz besondere Ideen zur Problemlösung hat. Durch Langeweile werden wir jedoch weder klüger, noch werden wir plötzlich zu Picasso oder zu Mozart oder Beethoven. Hier kommt es meistens zu einer Verwechslung zwischen Langeweile und Nichtstun.

Worin besteht dieser Irrtum genau?

Wenn man total gestresst ist, entstehen keine guten Ideen mehr. Unter Stress und Druck kann man nicht kreativ sein. Wenn man aber durchatmet und eine Weile nichts tut beziehungsweise eine Pause macht oder schöne Dinge unternimmt, dann hat man plötzlich unter der Dusche oder beim Joggen die besten Ideen. Es ist aber nicht die Langeweile, die diese Kreativität hervorruft, sondern das Nichtstun beziehungsweise die Pause und das Gefühl, nicht permanent unter Druck zu stehen.

Wenn wir zu dem Beispiel mit dem langen Meeting zurückkehren, dann leuchtet es ein, dass aus dieser Situation heraus nicht die kreativsten Ideen geboren werden.

Genau. Wenn man immer Termine hat, sich aber eigentlich etwas Schönes und Kreatives für einen runden Geburtstag überlegen möchte, dann kommt man nicht dazu, weil ständig Termine sind, die unsere Aufmerksamkeit binden. Das kann man mit dem Bild einer kognitiven Küche verdeutlichen: Wir stellen uns vor, dass unser Gehirn eine Küche ist und alles, was wir sehen, und alles, was wir hören, sind quasi Einkaufstüten voller Dinge, die wir in diese Küche stellen. Wir nehmen den ganzen Tag Reize auf und die Küche ist komplett vollgestellt mit vollen Tüten. Wenn man Pause macht und keine Termine hat, kann man anfangen, diese Einkäufe aus den Tüten in die Schränke zu sortieren. Wenn man dazu jedoch nie kommt, dann entsteht in der kognitiven Küche im Gehirn eine Unordnung. Dann hat man das Gefühl, dass nichts mehr geordnet ist. Das Gehirn benötigt Leerlaufzeit, um sich zu sortieren.

Gehen Langeweile und Nichtstun manchmal auch Hand in Hand? Zum Beispiel beim Warten in der Supermarktschlange. Das ist eine langweilige Situation, aber auch eine, die Raum für Leerlauf bietet. Sabotieren wir uns selbst, wenn wir den Leerlauf, der auch die Chance bietet, zur Ruhe zu kommen, nicht mehr zulassen, sondern sofort unser Smartphone zücken?

Ja, oder auch das Wartezimmer beim Arzt. Da könnte man auch einfach mal die Gedanken schweifen lassen. Aber man ist es schon gewohnt, diese Ruhepausen nicht zuzulassen, sondern möglichst schnell zu überbrücken. Das kann das psychische Wohlbefinden beeinträchtigen, weil man nie mal einfach nichts tut.

Was sind denn die gesundheitlichen Risiken, wenn man das Nichtstun nicht mehr zulässt?

Eine ständige Reizaufnahme, ohne dass etwas verarbeitet werden kann, birgt die Gefahr, dass man sich unwohl fühlt. Es kann auch sein, dass sich manche Menschen mit irgendetwas nicht konfrontieren möchten. Vielleicht ist etwas Schmerzhaftes passiert, eine Trennung oder ein Konflikt, und da lenkt man sich die ganze Zeit ab. So kann das Problem nicht bearbeitet werden. Menschen können dann diesen Moment der Stille nicht mehr aushalten, weil sie wissen, dass die negative Emotion, die sie nicht fühlen möchten, hochkommt. Aber das ist leider eine Abwärtsspirale, weil diese Emotionen gefühlt werden wollen. Wenn man sie vor sich herschiebt, dann werden sie im Zweifel nur größer und überwältigen einen irgendwann.

Und warum zücken wir immer schneller das Smartphone und halten Pausen immer weniger gut aus?

Wir verstehen eine Neigung zur Langeweile in erster Linie als Persönlichkeitsmerkmal. Es gibt einige Personen, die haben eine sehr große Neigung zur Langeweile. Diese Menschen langweilen sich sehr schnell. Und es gibt Menschen, die haben eine geringe Neigung zur Langeweile. Aber grundsätzlich haben wir natürlich auch gesellschaftliche Entwicklungen, die es uns beispielsweise möglich machen, rund um die Uhr Fernsehen zu gucken und rund um die Uhr einzukaufen. Früher hatten wir Zwangspausen, die wir heute nicht mehr haben. Es erfordert Selbstkontrolle, nicht die ganze Zeit diese Dinge, die möglich sind, zu machen, sondern sich auch mal hinzusetzen und sich mit Problemen und Emotionen auseinanderzusetzen.

Leben wir auch unseren Kindern vor, dass Langeweile möglichst schnell überbrückt werden muss? Im Restaurant etwa dürfen die Kinder schnell etwas anschauen, während man auf das Essen wartet oder auch wenn die Autofahrt zäh wird ...

Es gibt mittlerweile erste Studien dazu, was das elterliche Handyverhalten mit Kindern macht. Es ist ja nicht nur so, dass Kinder immer das Handy benutzen möchten, sondern es gibt viele Eltern, die den ganzen Tag auf das Display gucken. Da sind mir bislang keine positiven Auswirkungen bekannt. Das fällt eher in den Bereich des Risikoverhaltens. Natürlich ist es nicht schlimm, das Handy mal zu benutzen, aber ständig am Bildschirm zu sein und dem Kind nicht ins Gesicht zu gucken, das hat keine positiven Auswirkungen.

Wenn wir sagen, man hat Langeweile verlernt, welche Schritte kann man unternehmen, um dieses unangenehme Gefühl wieder besser auszuhalten?

Am besten ist es, wenn wir die Langeweile bewusst wahrnehmen und sie als Signal verstehen. Die Langeweile sagt uns, dass irgendetwas gerade nicht in Ordnung ist und wir etwas anderes machen sollten. Langeweile ist quasi ein Warnschmerz. Deswegen können wir sie streng genommen auch nicht verlernen, weil dieser Warnschmerz in uns drinnen ist. Dann ist es wichtig, wie wir damit umgehen.

Es gibt viele Studien, die eine Korrelation zeigen zwischen Langeweile und irgendwelchen dysfunktionalen Verhaltensweisen, wie Handy, zu viel essen oder Glücksspiel. Wer das Signal Langeweile wahrnimmt, kann dann etwas machen, was einem wirklich guttut. Natürlich muss man durch gewisse Tätigkeiten auch durch, etwa durch das Meeting, die Excel-Tabelle oder den Wäscheberg, um voranzukommen.

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Es sind manchmal die kleinen Dinge, die man sich vornehmen kann, etwa in der Supermarktschlange oder im Wartezimmer nicht auf sein Handy zu gucken. Es kann sein, dass sich drei Minuten dann wie drei Stunden anfühlen, da Langeweile die Zeitwahrnehmung verändert.

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