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Nach Suizid in Breitbrunn: Was treibt Menschen dazu, ihren Tod online zu streamen?

Von: Heidi Geyer

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Der Gründer des Onlinespiels „Stick Run“ hat am Dienstagabend (20. Oktober 2026) seinem Leben bei einem Feuer in Breitbrunn ein Ende gesetzt. Seine letzten Minuten übertrug er im Livestream ins Internet. Was sind die Beweggründe für einen solchen dramatischen Schritt?

Breitbrunn – Sogar das People Magazine in den USA hat inzwischen berichtet: Manuel O. (30) ist am Dienstagabend bei einem Wohnungsbrand in Breitbrunn verstorben. Der Online-Spielentwickler hat sich selbst getötet und dies auf der Plattform Twitch live übertragen. Sein Spiel „Stick Run“ hat der Mann schon in seiner Schulzeit programmiert. Aus einem Hobby wurde ein Geschäftsmodell mit 43 Millionen Nutzern.

Auf der Facebook-Seite von Stick Run wurde die Bestätigung des Todes von über 50.000 Nutzern kommentiert. Dort heißt es: „Mit schwerem Herzen bestätigen wir den Tod unseres Gründers und Entwicklers und Stick Runner Manuel O.“ Stick Run sei mehr als nur ein Spiel gewesen. Für viele Menschen sei das Spiel eine Kindheitserinnerung. Mit Beileidserklärungen an die Familie und Freunde von Manuel O., aber auch an all jene, deren Leben er berührt habe, schließt das Statement.

Ein Nutzer kommentiert den Beitrag, dass Manuel O. sein Kindheitsidol gewesen sei und er wegen ihm Softwareentwickler geworden sei. Viele Nutzer bedauern den Tod von Manuel O. Doch es gibt auch kritische Zuschriften, besonders über die Tatsache, warum er seinen Tod übertragen habe. Mehrere User fragen explizit nach den Aufnahmen.

Zu den Hintergründen des Suizids ist weiterhin nichts bekannt. Ende März hatte O. online bekannt gegeben, er müsse bei der Spielentwicklung pausieren, weil er eine Krebserkrankung habe. Ob das auch der Fall war, ist nicht bestätigt. Ebenso unklar ist, warum O. seinen Tod öffentlich übertragen hat.

Twitch hat zwar die Videos binnen kurzer Zeit gelöscht, allerdings sind unter anderem auf Facebook noch Kopien und Screenshots im Umlauf. Laut Meta-Gemeinschaftsstandards sind selbstverletzende Inhalte zwar verboten, aber die Plattform ist schon lange in der Kritik, weil problematische Inhalte nicht schnell genug gelöscht werden. Tatsächlich weist Facebook mit der Warnung „sensible Inhalte“ vor dem Abspielen des Videos darauf hin, was folgt. Eine Anfrage unserer Redaktion an Meta wurde mit der Frage nach den Links, auf die sich unsere Redaktion beziehe, beantwortet.

Rosenheimer Experte mit Rat an Eltern

Warum entscheidet sich jemand dafür, sich vor Publikum im Netz zu töten? Dazu gibt es noch wenig wissenschaftliche Erkenntnisse. Eine indische Studie aus dem Jahr 2023 hat das Phänomen der live gestreamten Suizide untersucht. Dass suizidale Gedanken in den Sozialen Medien gepostet werden, kommt laut Forschern häufig vor. Während ein Großteil der Nutzer, die so etwas lesen, schnell und unterstützend reagiert, kommt es bei einem Fünftel vor, dass sie den Suizid sogar begünstigen. Zum Teil bestätigen oder ermuntern sie die Menschen sogar in ihrer Absicht, sich töten zu wollen.

Benjamin Grünbichler von der Neon Präventions- und Suchtberatungsstelle in Rosenheim betont, dass Menschen, die ihren Suizid ankündigen, oft noch nach einer Lösung suchen. „Bei dem Fall ist noch nicht viel bekannt, daher kann ich dazu nichts sagen“, sagt Grünbichler über die Beweggründe von O..

Was für ihn jetzt die wichtige Frage ist: „Was macht das mit den Zusehern? Es ist ja furchtbar, wenn ein Jugendlicher oder Teenager so etwas sieht.“ Seiner Erfahrung nach kann das Ansehen psychische Belastungen hervorrufen und jemanden, der schon psychisch angeschlagen ist, zusätzlich triggern. „Man kann aber nicht sagen, dass alle, die das Video angesehen haben, eine Störung entwickeln.“ Er rät Eltern dazu, mit Kindern und Jugendlichen, die das Video gesehen haben, zu sprechen. Grünbichler sieht auch eine Verantwortung bei den Plattformen, die solche Inhalte schneller löschen müssten, sodass sie sich nicht noch verbreiten. „Es wäre in so einem Fall auch wichtig, dass die Nutzer, die das gesehen haben, kontaktiert werden.“ Zudem könne man nicht ausschließen, dass es Nachahmer geben könnte.

Ein Abschied von den Liebsten

Immer öfter sei laut der Studie weltweit der Fall, dass sich Menschen entscheiden, auch den tatsächlichen Akt des Suizids live im Netz zu übertragen. Die Gründe dafür können vielfältig sein. In einem Fall, den die Forscher schildern, wollte der Mann sich offenbar von seinen Liebsten verabschieden und ihnen einen Einblick in seine Gefühlslage geben – ohne darüber zu sprechen.

Oft komme es laut der indischen Studie vor, dass der Wunsch nach einem größeren Publikum für den Akt dahinterstehe. Facebook wird häufig gewählt, weil es eine der ältesten Plattformen ist und daher auch mit Menschen verbindet, die man vielleicht im Laufe der Zeit aus den Augen verloren hat. Man könne dieses Vorgehen als Schrei nach Aufmerksamkeit und Hilfe interpretieren, womöglich auch als Aufruf, einzuschreiten und den Suizid zu verhindern, so die Studie. Das Fazit der Forscher ist jedoch insgesamt, dass noch vieles an dem Phänomen unklar sei.

Generell berichten weder Polizei noch wir über Selbsttötungen, damit solche Fälle mögliche Nachahmer nicht ermutigen. Im vorliegenden Fall überwiegt jedoch das öffentliche Informationsinteresse. Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existenziellen Lebenskrise oder Depressionen leidet, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter der Nummer: 0800-1110111. Hilfe bieten auch die Krisendienste Bayern täglich unter 0800 / 655 3000 – rund um die Uhr kostenfrei innerhalb Bayerns, auch an Sonn- und Feiertagen – an. Weitere Infos finden Sie auf der Webseite www.krisendienst-psychiatrie.de.

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