DAX -0,22 % 25.099,00 Pkt 18:00:00 MDAX -0,05 % 31.965,53 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +1,14 % 6.280,94 Pkt 18:00:00 Dow Jones -0,52 % 51.947,25 Pkt 23:26:43 S&P 500 -1,16 % 7.411,98 Pkt 23:26:35 Nasdaq -2,78 % 24.975,82 Pkt 23:15:59 Nikkei -2,73 % 64.611,15 Pkt 08:45:03 Gold +0,08 % 4.070,80 USD 22:59:59 Silber +0,43 % 58,91 USD 22:59:55 Brent 0,00 % 96,78 USD 22:59:55 WTI 0,00 % 89,31 USD 22:59:59 Bitcoin +0,02 % 64.323,00 USD 08:09:33 EUR/USD -0,32 % 1,13750 USD 23:29:21 EUR/GBP 0,00 % 0,85320 GBP 06:49:20 EUR/CHF +0,06 % 0,92970 CHF 06:49:20 EUR/JPY +0,08 % 186,245 JPY 23:29:21

Warum Putin-Gas keine Rettung wäre

Wissenschaft

Startseite Wirtschaft „Deindustrialisierung findet statt“: Deutschlands Chemie verliert Jobs – doch Putin-Gas wäre keine Rettung Von: Marcel Reich Uns auf Google folgen Evonik streicht Stellen, der VCI warnt vor Deindustrialisierung: Hohe Energiepreise setzen die Chemie unter Druck – doch Putin-Gas wäre keine Lösung. Essen/Witten/Marl – Die Krise der deutschen Chemieindustrie hat jetzt konkrete Adressen: Witten, Marl, Essen. Dort wird sichtbar, was lange nach abstrakter Standortdebatte klang. Evonik streicht Stellen, die Branche warnt vor Deindustrialisierung, die Bundesregierung verspricht Entlastung. Und über allem steht eine unbequeme Frage: Zahlt Deutschlands Industrie den Preis dafür, dass russisches Gas weggefallen ist? Bei Evonik geht es um Tausende Jobs. Der Spezialchemiekonzern will bis 2029 weitere Stellen streichen. Besonders konkret sind die Folgen bereits im Polyester-Geschäft: In Witten sind nach Unternehmensangaben 266 Mitarbeitende betroffen, in Marl 45. Wie sich die übrigen Einschnitte auf einzelne Standorte verteilen, werde noch erarbeitet, teilte Evonik auf Anfrage von Ippen.Media mit. Evonik streicht Stellen: Chemieindustrie warnt vor Deindustrialisierung Die Begründung des Unternehmens klingt nüchtern, hat aber Sprengkraft: Evonik verweist auf das anhaltend schwache Wirtschaftswachstum und einen zunehmend härter werdenden internationalen Wettbewerb. Der internationale Wettbewerbsdruck sei „teilweise auf strukturelle Nachteile in Deutschland und Europa zurückzuführen“. Damit steht Evonik exemplarisch für eine Branche, die seit Jahren warnt: Deutschland verliert bei energieintensiver Produktion an Wettbewerbsfähigkeit. Doch die naheliegende Forderung nach einer Rückkehr zu billigem russischem Gas führt in die Irre. Evonik-Stellenabbau: Energiekosten werden zum Standortproblem Für die Chemieindustrie sind Strom und Gas nicht einfach nur Kostenblöcke. Sie entscheiden darüber, ob Produktion in Deutschland noch wettbewerbsfähig ist. Gas wird in der Branche nicht nur als Energieträger genutzt, sondern auch stofflich weiterverarbeitet. Evonik formuliert es so: „Die Chemie ist eine energieintensive Branche. Daher bestimmen Energiekosten maßgeblich mit, wie wettbewerbsfähig in Deutschland hergestellte Produkte sind.“ Gerade bei Gas sei zusätzlich zum Preis auch die zuverlässige Verfügbarkeit wichtig. Besonders deutlich wird der Standortnachteil im internationalen Vergleich. Gegenüber den USA betrage der aktuelle Wettbewerbsnachteil europäischer Standorte bei Energiekosten derzeit 50 bis 70 Prozent, teilt Evonik mit. Gegenüber China liege er typischerweise bei 20 bis 40 Prozent. Damit wird die energiepolitische Debatte konkret. Wenn ein Konzern über Investitionen entscheidet, geht es nicht nur um Regulierung, Subventionen oder Löhne. Es geht auch darum, ob Energie dauerhaft bezahlbar und planbar ist. Auf die Frage, ob niedrigere Strom- und Gaspreise Standortentscheidungen in Deutschland verändern würden, antwortet Evonik entsprechend klar: Dauerhaft niedrigere Preise würden Deutschland wettbewerbsfähiger machen und damit die Chancen auf neue Produktionsstätten, Erweiterungen oder den Weiterbetrieb bestehender Anlagen erhöhen. Chemieindustrie in Deutschland: VCI warnt vor Deindustrialisierung Der Verband der Chemischen Industrie sieht den Fall Evonik nicht als Einzelfall. Die Lage sei und bleibe sehr angespannt, eine Erholung werde in diesem Jahr nicht erwartet. Die Branche stehe „unter Dauerfeuer“: hohe Energiekosten, lähmende Bürokratie und neue geopolitische Schocks setzten den Standort massiv unter Druck. Die Anlagen seien nicht rentabel ausgelastet, der Stellenabbau setze sich fort. Besonders betroffen ist nach Einschätzung des VCI die energieintensive Grundstoffchemie. Sie steht am Anfang vieler Wertschöpfungsketten und produziert Basischemikalien, die für zahlreiche andere Industrien gebraucht werden. Der Verband geht in seiner Diagnose noch weiter: „Die Deindustrialisierung droht nicht, sie findet bereits statt.“ Die Industrieproduktion sei seit acht Jahren rückläufig, die Exportstärke schwinde. In der europäischen Chemie seien in den vergangenen vier Jahren fast zehn Prozent der Produktionskapazitäten stillgelegt worden, ein Viertel davon allein in Deutschland. Für den VCI ist die Chemie nicht irgendeine Branche. Ihre Produkte stecken in fast allen industriellen Wertschöpfungsketten: in Autos, Maschinen, Baustoffen, Arzneimitteln, Elektronik, Batterien, Wärmepumpen, Windrädern und Solaranlagen. Wenn die Grundstoffchemie unter Druck gerät, betrifft das also nicht nur einzelne Werke, sondern ganze industrielle Netzwerke. Hohe Gaspreise belasten deutsche Chemie im internationalen Wettbewerb Der VCI verweist darauf, dass Gas in Deutschland inzwischen in etwa den globalen Preisen für Flüssiggas entspricht, wie sie auch in Asien gezahlt werden. Die USA und Länder im Nahen Osten profitierten dagegen von heimischer Förderung und deutlich niedrigeren Gaspreisen. In Deutschland sei Gas zum Beispiel vier- bis fünfmal teurer als in den USA. Auch beim Strom sieht der Verband Nachteile. In Deutschland seien die Preise generell höher als in wichtigen Wettbewerbsregionen wie den USA oder China. Zudem belasteten hohe Systemkosten, Netzentgelte, CO2-Zertifikate sowie Kosten für Netzbetrieb, Ausbau, Speicher und Reservekapazitäten. Innerhalb Europas seien die Gasmarktpreise zwar fast identisch. Unterschiede gebe es aber bei Nebenkosten wie Netzentgelten und Umlagen. Beim Strom seien die Unterschiede noch größer: Nordeuropa profitiere von günstiger Wasserkraft, Frankreich von der Kernkraftflotte. Deutschland habe dagegen hohe Netzkosten und stark schwankende Strompreise. Damit verschiebt sich die eigentliche Frage. Es geht nicht allein darum, ob Deutschland noch russisches Gas bekommt. Es geht darum, ob Deutschland im neuen Energiesystem dauerhaft wettbewerbsfähige Preise organisieren kann. Putin-Gas als Rettung? Die These greift zu kurz Seit Beginn der Energiekrise hält sich eine zugespitzte These: Deutschland habe sich besonders konsequent von russischem Gas getrennt, während andere EU-Länder weiter russisches LNG oder Pipeline-Gas nutzten – und die deutsche Industrie zahle nun den Preis. An diesem Vorwurf ist ein wahrer Kern: Deutschland bezieht direkt kein russisches Gas mehr. In Teilen Europas spielen russische Lieferungen über Übergangsregelungen weiterhin eine Rolle. Auch die EU hat den Ausstieg aus russischem Gas nicht von einem Tag auf den anderen vollzogen. Doch daraus folgt nicht automatisch, dass deutsche Unternehmen wegen eines nationalen Sonderwegs massiv höhere Gaspreise zahlen als Wettbewerber in anderen EU-Ländern. Europäischer Gasmarkt: Warum Deutschland nicht isoliert zahlt Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft verweist darauf, dass der europäische Gasmarkt eng verbunden ist. Der Leitindex der europäischen Gasmärkte sei der niederländische TTF. Physisches Gas in Deutschland werde über den virtuellen Handelspunkt THE gehandelt. Die Preisdifferenz zwischen THE und TTF sei gering und spiegele vor allem Transportkosten im Fernleitungsnetz wider. Der Großhandelspreis für Erdgas in Deutschland werde deshalb maßgeblich vom TTF bestimmt. Auch die Herkunft von LNG ist nach Einschätzung des BDEW für das europäische Gaspreisniveau nicht entscheidend. LNG-Tanker entladen dort, wo sie die höchsten Preise erzielen können. Sobald Erdgas oder LNG in das europäische Gasnetz eingespeist ist, sei seine Herkunft ökonomisch und regulatorisch irrelevant. Die Vorstellung, einzelne Länder könnten dauerhaft billig russisches Gas nutzen, während Deutschland isoliert den teuren Weltmarktpreis zahlt, ist deshalb zu schlicht. Russisches Gas: Agora warnt vor Rückkehr in die Abhängigkeit Auch Agora Energiewende, ein auf Energiepolitik spezialisierter Thinktank, warnt vor einer verkürzten Gas-Debatte. Fabian Huneke, Projektleiter Energiewende im Stromsektor, sagt: „Der Gasmarkt ist zwischen den EU-Mitgliedstaaten stark vernetzt. Preisausschläge auf den Weltmärkten wirken sich daher auf den gesamten europäischen Markt aus – hier sitzen alle europäischen Länder im selben Boot.“ Eine Rückkehr zu russischem Gas wäre aus seiner Sicht keine stabile Lösung. „Eine Rückkehr zu russischem Erdgas bedeutet eine Rückkehr in die Abhängigkeit, mit allen geopolitischen Risiken – sei es durch die Verwendung von Gaslieferungen als politisches Druckmittel oder durch fossile Preisschocks.“ Auch Evonik selbst erwartet keine Rückkehr in die alte Gaswelt. „Die Marktsignale sind eindeutig, keine Marktprognose zu Preisen und Kosten weist darauf hin, dass es eine Rückkehr zu russischen Erdgaslieferungen nach Europa geben wird“, teilt der Konzern mit. Europa werde sich auf ein „new normal“ bei den Energiekosten einstellen müssen. Der VCI argumentiert ähnlich vorsichtig. Deutschland und Europa seien auf verlässliche Partner angewiesen, „die uns nicht von heute auf morgen den Hahn abdrehen“. Man solle nicht in alte, vermeintlich bequeme Gewohnheiten zurückfallen und übermäßige Abhängigkeiten von einzelnen Ländern vermeiden. Bundesregierung schließt Rückkehr zu russischem Gas aus Auch die Bundesregierung will die Debatte nicht in Richtung Rückkehr zu russischem Gas öffnen. Das Bundeswirtschaftsministerium verweist darauf, dass Russland im September 2022 „einseitig und ohne Grund“ die Lieferung von Gas eingestellt habe. 2021 sei Russland mit 65 Prozent noch Hauptlieferant gewesen. Inzwischen lande kein russisches LNG an deutschen Terminals an. Deutschland sei seit Beginn der Energiekrise den Weg der Diversifizierung gegangen und unabhängig von russischem Gas. Rund die Hälfte des deutschen Bedarfs komme aus Norwegen. Eigene LNG-Terminals trügen zur Stabilität der Versorgung bei. Eine politische Kehrtwende schließt das Ministerium aus. Gegen den russischen Energiesektor seien Sanktionen beschlossen worden. „Es besteht kein Anlass, über ein Ende der Sanktionen nachzudenken“, heißt es aus dem Ministerium. Russland führe den Angriffskrieg mit unverminderter Brutalität fort. Die Sanktionen seien weiterhin zentraler Bestandteil der Reaktion darauf. Damit ist klar: Selbst wenn günstigeres Gas der Industrie helfen würde, ist eine Rückkehr zu russischen Lieferungen politisch ausgeschlossen – und nach Einschätzung von Energieexperten auch ökonomisch riskant. Industriestrompreis und Entlastungen: Was die Regierung plant Gleichzeitig räumt das Bundeswirtschaftsministerium ein, dass energieintensive Branchen in einer schwierigen Lage sind. Sie stünden unter starkem internationalen Wettbewerb, hohe Energiepreise erhöhten den Druck. Wichtig seien verlässliche, planbare und international wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen. Die Bundesregierung verweist auf mehrere Entlastungsmaßnahmen: die Verstetigung der Stromsteuerentlastung für Unternehmen des produzierenden Gewerbes sowie der Land- und Forstwirtschaft, den Zuschuss zu den Übertragungsnetzkosten, die Abschaffung der Gasspeicherumlage und die weitere Finanzierung der EEG-Kosten über den Bundeshaushalt. Zudem soll die Strompreiskompensation rückwirkend für das Jahr 2025 ausgeweitet werden. Für die Jahre 2026 bis 2028 soll ergänzend ein Industriestrompreis eingeführt werden. Damit wolle man besonders strom- und handelsintensive Unternehmen entlasten. Doch aus Sicht der Industrie reicht das bisher nicht. Evonik fordert politische Unterstützung unter anderem beim Industriestrompreis, bei der Strompreiskompensation und bei den Netzentgelten. Die Maßnahmen müssten dauerhaft wirken, außerdem brauche es weitere strukturelle Verbesserungen. Das Potenzial dafür sei „noch längst nicht ausgeschöpft“. VCI fordert Reformen bei Energiepreisen, Bürokratie und Emissionshandel Auch der VCI drängt auf umfassendere Reformen. Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands, sagt: „Unsere Wirtschaft muss wieder in die erste Liga – und das funktioniert nur mit einem Gesamtpaket für die Wettbewerbsfähigkeit. Wir müssen die Potenziale des Standorts wieder freilegen. Konkret: Runter mit den Kosten – vor allem bei Energie, beim Emissionshandel und bei Bürokratie.“ An einzelnen Schräubchen zu drehen, reiche nicht mehr. Der Umbau sei alternativlos, wenn Wohlstand erhalten werden solle. Dafür brauche es strukturelle Veränderungen und „wuchtige Reformen“. Hier liegt der eigentliche Konflikt. Die Bundesregierung verweist auf beschlossene und geplante Entlastungen. Unternehmen und Verband halten die Standortbedingungen trotzdem für nicht wettbewerbsfähig genug. Energieexperten wiederum warnen davor, die Lösung in einer Rückkehr zu fossilen Abhängigkeiten zu suchen. Agora-Experte Huneke sieht die Alternative in einer modernen, stärker strombasierten Energieversorgung. „Als größter Gasverbraucher in der EU trägt Deutschland eine besondere Verantwortung, Gasimporte zu reduzieren: Erst, wenn die Bundesregierung konsequent auf eine moderne, strombasierte Energieversorgung setzt, kann sich die gesamte EU unabhängiger von fossilen Importen machen.“ Energiepreise sind nicht der einzige Grund für die Chemiekrise Trotzdem wäre es zu einfach, die Krise der Chemie allein mit Energiepreisen zu erklären. Evonik nennt neben Energiekosten auch schwaches Wachstum und härteren internationalen Wettbewerb. Der VCI verweist auf Bürokratie, geopolitische Schocks und schwache Auslastung. BDEW macht deutlich, dass Energiekosten nicht nur aus Großhandelspreisen bestehen, sondern auch aus Netzentgelten, Steuern, Abgaben und CO2-Kosten. Hinzu kommt die globale Konkurrenz. In China sind in den vergangenen Jahren enorme zusätzliche Produktionskapazitäten entstanden. Gleichzeitig schwächelt die Nachfrage in Europa. Für deutsche Standorte bedeutet das: Sie müssen sich in einem Markt behaupten, in dem Energie teuer, Regulierung komplex und die Konkurrenz oft kostengünstiger produziert. Gerade die Grundstoffchemie ist davon besonders betroffen. Sie braucht viel Energie, steht stark im internationalen Wettbewerb und kann höhere Kosten oft schlechter weitergeben als spezialisierte Sparten der Chemie. Wenn dort Kapazitäten verschwinden, hat das Folgen für nachgelagerte Industrien. Deutschlands Chemie braucht Standortpolitik statt Putin-Gas Evoniks Stellenabbau zeigt, wie konkret diese Entwicklung wird. Es geht nicht mehr nur um abstrakte Warnungen vor Deindustrialisierung. Es geht um Beschäftigte in Witten und Marl, um Investitionsentscheidungen, um Produktionsketten und um die Frage, welche Industrie Deutschland halten will. Damit bleibt eine unbequeme Wahrheit: Die deutsche Chemie braucht Entlastung, aber Putin-Gas wäre keine tragfähige Rettung. Deutschland muss Energiepreise senken, Netze modernisieren, Bürokratie abbauen und Investitionen ermöglichen – ohne sich erneut abhängig zu machen von einem Lieferanten, der Energie bereits als politisches Druckmittel eingesetzt hat. Ob das gelingt, entscheidet nicht nur über Evonik. Es entscheidet darüber, wie viel energieintensive Industrie in Deutschland künftig noch eine Heimat hat. (Verwendete Quellen: Evonik, Verband der Chemischen Industrie, Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, Agora Energiewende, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie)

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