DAX -0,22 % 25.099,00 Pkt 18:00:00 MDAX -0,05 % 31.965,53 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +1,14 % 6.280,94 Pkt 18:00:00 Dow Jones -0,52 % 51.947,25 Pkt 23:26:43 S&P 500 -1,16 % 7.411,98 Pkt 23:26:35 Nasdaq -2,78 % 24.975,82 Pkt 23:15:59 Nikkei -0,10 % 64.547,92 Pkt 02:25:05 Gold +0,78 % 4.099,30 USD 02:30:06 Silber +2,26 % 59,98 USD 02:30:03 Brent -5,20 % 91,75 USD 02:30:03 WTI -5,41 % 84,48 USD 02:30:05 Bitcoin -0,41 % 65.067,21 USD 02:40:00 EUR/USD +0,27 % 1,14080 USD 02:39:24 EUR/GBP -0,09 % 0,85380 GBP 02:40:08 EUR/CHF -0,02 % 0,92910 CHF 02:40:07 EUR/JPY +0,10 % 186,567 JPY 02:40:08

Warum Schüler immer schlechter werden

Wissenschaft

Deutschlands Schulen im freien Fall: Ein Viertel der Neuntklässler scheitert an mathematischen Mindeststandards und die Pisa-Ergebnisse kennen seit 2012 nur eine Richtung – nach unten. Doch während die Politik nach immer mehr Digitalisierung ruft, warnt der Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer vor einer „Ideologie der Gleichheit“, die den Leistungsgedanken systematisch aushöhlt. Im Interview spricht er darüber, warum der Versuch, Bildungsergebnisse zu erzwingen, in einer „Blödheit für alle“ zu enden droht, weshalb das finnische Vorbild wankt und warum deutsche Schulen eine Rückkehr zu Leistung und Anstrengung benötigen. Herr Zierer, der gerade erschienene Bildungsbericht kommt mit neuen Meldungen zum Bildungsnotstand in Deutschland: Die durchschnittlichen Leistungen der Schüler sind in den letzten zehn Jahren deutlich gesunken. In der neunten Jahrgangsstufe etwa verfehlt ein Viertel den Mindeststandard in Mathematik, 15 Prozent erfüllen die Anforderungen für den niedrigsten Schulabschluss nicht. Die Liste ließe sich fortsetzen. Wie ist das passiert? Die Gründe sind vielfältig. Einer ist sicherlich in der Migration zu sehen, der zweite in der verfehlten Digitalisierungspolitik und der dritte in der Ideologie, aufgrund derer wir seit Jahren den Leistungsanspruch aus dem Bildungssystem nehmen. Ich habe das zusammen mit Matthias Brodkorb, dem ehemaligen Kultusminister von Mecklenburg-Vorpommern, in unserem Buch „Tyrannei der Gleichheit“ beschrieben. Wer keine Leistung fordert, wird auch keine bekommen. Was hat die Migration mit dem Bildungsnotstand zu tun? Deutschland ist ein Einwanderungsland. Wir brauchen Migration, schon damit wir unseren Wohlstand behalten. Bloß führt diese Migration im Bildungssystem zu Herausforderungen, auf die es nicht vorbereitet ist. In Berlin zum Beispiel haben wir bei den Schuleingangsuntersuchungen feststellen müssen, dass 30 bis 40 Prozent der Erstklässler die Sprachkompetenz nicht haben, um eingeschult werden zu können. Es gibt Beispiele aus Düsseldorf und Ludwigshafen, die besagen, dass 40 Prozent der Erstklässler sitzenbleiben, weil sie das schulische Ziel nicht erreichen. Auch das hat mit den Deutschkenntnissen zu tun. Bildung funktioniert also nicht mehr so, wie sie bisher funktioniert hat. Und das hat letztlich negative Auswirkungen auf alle Kinder. Es gibt eine Gruppe von Migranten, die sämtliche Bildungsforschung zu widerlegen scheinen. Den Kindern wird abends nicht vorgelesen, im Haushalt gibt es so gut wie keine Bücher, und trotzdem sind die Kinder ganz vorne, auch in den Gymnasien. Ich spreche von den Vietnamesen. Darum differenziere ich bei Migration: Der kulturelle Hintergrund hat einen wesentlichen Einfluss. Asiatische Länder sind starke Bildungskulturen. Leistung, Anstrengung, Gewissenhaftigkeit stehen dort auf der Tagesordnung, es ist selbstverständlich, dass das Kind sich in der Schule anstrengt. Wir haben aber Kulturkreise, die keine Bildungskulturen, sondern Religionskulturen sind, wo der Glaube eine zentrale Rolle spielt, aber nicht Leistung. Diese Menschen sind da, und das ist gut, aber wir müssen uns kümmern. Könnte das Bildungssystem sich nicht darauf einstellen? Man hätte das längst machen müssen. Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen. Wir haben mittlerweile an den Schulen so hohe Burnout-Raten, dass das übrige Personal das kaum mehr stemmen kann. Wir bräuchten einen ungeheuren Turbo an qualifizierten Lehrkräften, an Sprachkursen, an Integrationskursen. Das ist kurzfristig kaum leistbar. Aber wir müssen dieses Problem doch lösen. Wenn man diese Anstrengung nicht macht, verliert man viele junge Menschen. In der Bildungspolitik konzentriert man sich leider auf Nebenschauplätze. Im Grunde müsste alles, was jetzt an Potenzial da ist, genau an der Stelle eingesetzt werden, denn es kommt darauf an, diese Menschen im schulischen System aufzufangen und bestmöglich zu qualifizieren. Aber Bildung ist nicht im Fokus. Momentan bin ich pessimistisch, ob wir es hinbekommen, wieder ein Land der Dichter und Denker zu werden, dass Bildung wieder unsere wichtigste Ressource ist, unser größtes Potenzial. Dahin müssen wir zurück. Der Bundeskanzler hätte längst einen Bildungsgipfel einberufen müssen. Stattdessen sieht man ihn im Ausland, da für ein Foto, dort für ein Foto. Das Problem ist nicht auf seiner Agenda. Es gibt bei den Schulleistungen nur eine Richtung: nach unten Dabei ist Bildung die Grundlage für alles, oder? Und diese schwindet. Man sieht es an den Pisa-Ergebnissen seit 2012. Es gibt ja bloß eine Richtung: nach unten. Lernleistungen werden schlechter, Depressionen und Vereinsamung nehmen zu, Resilienz nimmt ab. In die Digitalisierung ist ungeheuer viel Geld geflossen, aber allein die Technik macht noch lange keinen guten Unterricht oder gute Bildung. Leider ist man immer noch in dem naiven Modus: Je mehr und je früher Technik, desto besser. Das ist aus empirischer Sicht Käse. Sie haben zusammen mit Matthias Brodkorb das Buch „Tyrannei der Gleichheit“ geschrieben. Was genau meinen Sie damit? In unserem Schulsystem steckt Ideologie, auch wenn das manche leugnen. Wir vergleichen etwa bestehende Unterschiede wie Migrationshintergrund oder den sozioökonomischen Status von Schülerinnen und Schülern mit den schulischen Ergebnissen. Und dann stellt man fest, dass die Ungleichheiten sich in den Ergebnissen niederschlagen, dass etwa Kinder aus bildungsfernen Milieus seltener einen höheren Bildungsabschluss haben als Kinder aus bildungsnahen Milieus. Das Ziel ist aber Ergebnisgleichheit. Und das wird nie funktionieren. Warum nicht? Weil diese Unterschiede – die kulturellen und auch die Unterschiede, was das Elternhaus angeht – Einfluss darauf haben, wie sich ein Mensch entwickelt, wie er sich bildet und wie er die Autorschaft für das eigene Leben übernehmen kann. Im Startchancenprogramm heißt es, dass man den Bildungserfolg vollständig vom Elternhaus entkoppeln möchte. Das ist Ideologie, denn das ist völlig realitätsfern. Das ist Pippi-Langstrumpf-Denken. Denn um das zu erreichen, müsste man entweder die Schwachen so stark fördern, dass sie mit die Besten werden, oder man schwächt die Stärkeren, sodass sie auf das Niveau der Schwächeren fallen. Letzteres ist das, was aktuell geschieht, wenn wir beispielsweise die Leistungsansprüche senken, wenn Tests ausgehebelt werden sollen, wenn Sitzenbleiben abgeschafft und ein „Easy-Goethe“ eingeführt wird: Das ist dann zwar Gleichheit für alle, aber auf Kosten von Blödheit für alle, wie Matthias Brodkorb und ich zugespitzt formuliert haben. Es ist die zentrale Aussage des Bildungsberichts, dass der Bildungserfolg in Deutschland stark vom Elternhaus abhängt, angeblich viel stärker als in anderen Ländern. Und es ist ja nichts Falsches, Chancengleichheit zu fordern, oder? Dass am Ende niemals die gleichen Bildungsergebnisse herauskommen, müsste eigentlich jedem klar sein. Wir sollten nicht von Chancengleichheit sprechen, sondern von Chancengerechtigkeit. Dass also dieselbe Leistung zur selben Chance führt. Bildung produziert Ungleichheit. Und diese ist gerecht, weil es unterschiedliche Voraussetzungen gibt, und ich versuche, jedes Kind seinen Möglichkeiten nach bestmöglich zu fördern. Differenziertheit wäre Ausdruck eines starken Bildungssystems. Doch stattdessen prangert die Bildungspolitik an, dass Kinder aus bildungsfernen Milieus weniger häufig Abitur machen als Kinder aus bildungsnahen Milieus. Das ist aber in allen westlichen Ländern so. Nur in Entwicklungsländern mit einem sehr geringen Bildungsniveau spielt selbst das Elternhaus kaum eine Rolle. Aber in allen leistungsfähigen Bildungssystemen ist der Zusammenhang da. Deshalb müssen wir die bildungsfernen Familien stärken, ihnen klarmachen, welch wichtige Rolle sie für ihre Kinder haben. Handy wischen und Kinderwagen schieben oder auch beim gemeinsamen Essen an den Handys rumspielen und nicht mit den Kindern sprechen, das geht nicht. Jede Familie, unabhängig von ihrer Lage, kann da wirklich etwas bewegen. Bayern und Sachsen haben eine klare Leistungsdifferenzierung Vor zehn Jahren hätte ich Ihnen noch entgegengehalten, dass in Finnland ein extrem inklusives Schulsystem sehr gut funktioniert. Die Finnen lernen bis zur neunten Klasse zusammen und waren damit lange Zeit sehr erfolgreich. Aber in den letzten Jahren hat Finnland deutliche Leistungseinbußen zu verzeichnen. Wissen Sie, wie das passiert ist? Dort ist man wie in Deutschland weg von der klaren Instruktion hin zu offenen und selbstgesteuerten Lernsettings gegangen. Das kann man bei dem Pädagogen Pasi Sahlberg nachlesen, dem Architekten des finnischen Bildungsmodells. Jetzt sieht man ein, dass das der falsche Weg ist. In Deutschland untersucht beispielsweise Hartmut Esser immer wieder die Bildungssysteme in den einzelnen Bundesländern in Hinblick auf Leistungsfähigkeit und Gerechtigkeit. Da schneidet Bayern immer am besten ab. Er begründet das damit, dass im bayerischen System der Leistungsgedanke stärker verankert ist und dadurch der elterliche Einfluss reduziert wird. Deshalb bin ich für Differenzierung, für verschiedene Bildungswege, gekoppelt mit einem klaren Leistungsanspruch. Das ist auch im Hinblick auf Gerechtigkeit der entscheidende Weg. Doch in der Debatte wird das völlig ausgeklammert. Stattdessen glaubt man, ein Gesamtschulsystem sei leistungsförderlicher. Doch die empirischen Daten geben das nicht her. Gibt es Unterschiede zwischen den östlichen und den westlichen Bundesländern, was den Leistungsanspruch angeht? Es geht nicht unbedingt um Osten oder Westen. Bayern und Sachsen haben eine klare Leistungsdifferenzierung und liegen in allen deutschlandweiten Vergleichstests vorne, wohingegen Bremen relativ weit hinten ist. Auch Baden-Württemberg ist mit der Gesamtschule abgestürzt. Ist diese Leistungsorientierung auch im finnischen System verankert? Im Kern hat Finnland ein sehr stark leistungsorientiertes System, und sie sind auch wieder auf dem Weg dorthin. Auch die Digitalisierung wird dort massiv zurückgefahren, wie übrigens in allen skandinavischen Ländern. Man hat lange Zeit geglaubt, man müsse da Vorreiter sein. Heute weiß man es besser. Leider hat man das in Deutschland nicht zur Kenntnis genommen. Warum hat Leistungsorientierung eigentlich so einen schlechten Ruf? Weil Leistung mit Anstrengung verbunden ist, mit Fehlern, mit der Möglichkeit des Scheiterns. Wenn Leistung gefragt ist, stellt der Mensch fest, was er kann und was er halt auch nicht kann. Ein „Pubertier“, wie Matthias Brodkorb gerne sagt, ist nicht so leicht aus der Reserve zu locken. Aber das ist die Kernaufgabe der Pädagogik: den Menschen herauszulocken und an seine Leistungsgrenzen heranzuführen. Offene Lernsettings funktionieren nicht immer und überall. Denn nicht jeder Mensch möchte alles lernen und ist permanent motiviert. Wir brauchen klare Motivierung, Instruktionsphasen, um den Schülern die Augen zu öffnen, sie auf Neues aufmerksam zu machen, was sie zunächst vielleicht nicht so spannend finden, und ihnen dann zu zeigen, dass das spannend sein kann. Das ist die Aufgabe von Erziehung und Unterricht, dann kann Bildung passieren. Was würden Sie am Schulsystem selbst ändern? Viel wichtiger als die Systemfrage ist, was die Akteure im System machen. Haben die Lehrkräfte die richtige Haltung, bringen sie Kompetenz mit, setzen sie diese leistungsorientiert um? Haben sie eine positive Fehlerkultur? Sind sie in der Lage, eine Feedbackkultur in beiden Richtungen, also vom Schüler zum Lehrer und vom Lehrer zum Schüler, zu implementieren? Einen Systemwechsel durchzuziehen, kostet viel Geld, bringt Irritationen mit sich und dauert mindestens zehn Jahre, vielleicht auch 20. Die Zeit haben wir aktuell gar nicht. Deshalb hat sich Matthias Brodkorb als Bildungsminister seinerzeit um einen zehnjährigen Schulfrieden bemüht und gesagt: Lasst uns nicht über das System diskutieren, sondern machen wir das Beste aus dem System, das wir haben. Die Lehrerausbildung an den Universitäten ist katastrophal Wenn ein Systemwechsel nicht so aufwendig wäre, wie würde Ihr ideales Schulsystem aussehen? Ich war Grundschullehrer und weiß, wie stark die Lernleistungen in der vierten Klasse auseinandergehen. Deshalb bin ich Verfechter einer frühen Differenzierung. Ob ich eine Differenzierte Gesamtschule mache oder ob ich, wie es im ländlichen Raum vielleicht notwendig sein wird, eine Mittelschule, eine Realschule, ein Gymnasium habe wie in Bayern, ist nicht so wichtig. Ein differenziertes System mit vielen Möglichkeiten, mit vielen Anschlüssen nach jedem Abschluss, in dem Leistung über die Wege entscheidet – das ist für mich das, was Kinder brauchen und was vor allem auch der Standort Deutschland braucht. Wenn die Systemfrage ohnehin nicht so wichtig ist, sondern viel vom Lehrpersonal abhängt – was können Sie über die Ausbildung dieses Lehrpersonals an den Universitäten und Hochschulen sagen? Kurz und knapp: eine Katastrophe. Der Pädagoge John Hattie bezeichnet sie als die notleidendsten Institutionen weltweit. Ich bin selbst Teil des Systems und würde sagen, die erste Phase an der Universität geht vielfach am Ziel vorbei, weil man die jungen Lehrkräfte zu Pseudowissenschaftlern machen will, weil wir viele Inhalte vermitteln, die nullkommanull mit dem späteren Schulalltag zu tun haben. Dabei möchte ich nicht einem Utilitarismus Tür und Tor öffnen, dass ich nur lehre, was später gebraucht wird. Aber wenn der Großteil dessen, was an den Universitäten passiert, später keine Bedeutung hat, dann müssen wir nachjustieren. Ich erzähle in dem Zusammenhang gern eine Anekdote: Als ich ins Referendariat gekommen bin, hat mich die Seminarleitung mit den Worten begrüßt: „Jetzt vergessen Sie bitte alles, was Sie an der Universität gelernt haben. Jetzt beginnt das wahre Leben.“ Eine fatale Botschaft, obwohl oder gerade weil die Seminarleitung eine sehr gute war. Meine Tochter, die sich an der Freien Universität zur Grundschullehrerin ausbilden lässt, würde Ihnen absolut recht geben. Es gibt dort auch unglaublich viele Abbrecher. Genauso ist es. Sowohl im Studium als auch später im Referendariat. Und das können wir uns nicht leisten. Wir bräuchten jetzt die besten Leute in der Schule, und zwar so viele wie möglich, und nicht Leute, die abbrechen, weil sie sich das anders vorgestellt haben. Wenn man sich überlegt, wie wichtig Bildung ist: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum angesichts des Notstands in Deutschland nicht alle Alarmglocken losgehen? Weil wir es mittlerweile gewohnt sind, im Krisenmodus zu sein. Keine Bildungsstudie lockt auch nur einen hinter dem Ofen hervor. Es gibt auch den Spruch: Mit Bildungsthemen können Sie keine Wahlen gewinnen. Und ich habe das Gefühl, das hat sich in letzter Zeit verschärft. Bildungsthemen sind unattraktiv, darüber redet man nicht so gern, auch wenn jeder sagt, dass das Thema wichtig ist. Es geht bei Bildung um die Zukunft einzelner Menschen, aber auch um die Zukunft der Wirtschaft und nicht zuletzt der Demokratie, oder? Es gibt einen Zusammenhang zwischen sinkender Wirtschaftskraft und sinkendem Bildungsniveau. Ludger Wößmann berechnet das für Deutschland immer wieder eindrucksvoll. Auch den Zusammenhang von Bildung und Demokratie kann man an einer Reihe von Faktoren messen, z. B. an ehrenamtlicher Tätigkeit, am Wahlverhalten oder auch am Vertrauen in die Demokratie als Staatsform. Je niedriger das Bildungsniveau, desto geringer das Vertrauen in die politischen Akteure, in das politische System. Und dieses Vertrauen ist gerade auf einem historischen Tiefpunkt. Klaus Zierer zu KI: Es ist ein Kopfschuss, den wir uns gerade geben Was genau hat das sinkende Vertrauen mit schlechter Bildung zu tun? Demokratie ist nicht nur eine Staatsform, sondern auch und vor allem eine Lebensform. Demokratiefähigkeit heißt dann, dass ich selbst etwas verändern kann, mich einbringen kann, gehört werde. Und da kommt das Bildungsniveau ins Spiel. Es ermöglicht mir, mich zu engagieren, etwa ehrenamtlich, um die Gesellschaft voranzubringen, oder mich im Beruf einzubringen und festzustellen: Ich habe Selbstwirksamkeit. Habe ich den Bildungshintergrund nicht, bin ich nicht der Autor meines Lebens, und dann besteht die Gefahr, dass ich abdrifte, dass ich frustriert bin, mich zurückziehe. KI dringt gerade massiv in die Schulen ein. Geht da nicht der Weg verloren, den man zum Ergebnis zurücklegen muss? Absolut, und auf diesem Weg findet das Denken statt! Es ist ein Kopfschuss, den wir uns gerade geben, wenn KI allerorten eingesetzt wird und uns das Denken abnimmt. Es gibt eine beeindruckende MIT-Studie, die durch Gehirnmessungen aufzeigt, was in den Gehirnen geschieht, wenn ich zum Textschreiben KI verwende. Die Gehirnmessungen nach drei Monaten zeigen, dass in der Gruppe, die KI nutzt, die Lichter ausgehen. Die denken nicht mehr. Das einzige Areal, das noch aktiv ist, ist der Bereich, wo der Prompt formuliert wird, und sonst nichts mehr. Wohingegen bei der Gruppe, die keine KI hatte, beim Textschreiben ein Feuerwerk im Gehirn stattfindet. Die KI wird nicht verschwinden. Darum habe ich Digitalisierung auch als Herausforderung benannt. Wir nutzen sie derzeit als Ersatz für unsere eigene Denkfähigkeit. Aber die einzige sinnvolle Nutzung besteht darin, KI als kritischen Freund zu sehen, der mich zum Nachdenken bringt. Also etwa einen Text selbst zu schreiben und den Bot dann zu bitten, mir kritische Fragen dazu zu stellen. Aber wir lassen uns Texte ausspucken, lesen vielleicht noch mal drüber und geben sie ab. Lächerlich! Das betrifft auch den akademischen Bereich. Bei einer Untersuchung von erziehungswissenschaftlichen AAA-Journals, also hochrangigen akademischen Publikationen, im vergangenen Jahr hat man festgestellt, dass zum Beispiel 40 Prozent der Artikel gefakte Literaturangaben enthielten und von KI geschriebene Passagen. Was kann man machen, Herr Zierer? Die Stimme erheben und das immer wieder anmahnen. Argumentieren ist das Einzige, was man in der Demokratie tun kann, und Bildung ist das Wichtigste, was wir Menschen haben. Lesen Sie mehr zum Thema

← Zurück zu News

Bereit für Ihre kostenlose E-Mail?

512 MB Speicher, modernes Webmail und ein News-Portal — kostenlos starten.

Jetzt kostenlos registrieren