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Warum selber Sammeln gut für die Psyche ist

Wissenschaft

Warum fühlt es sich so befriedigend an, Kräuter zu pflücken, Äpfel zu sammeln oder mit einer Kiste geretteter Lebensmittel nach Hause zu gehen? Warum Gratisessen doch mehr ist als ein fehlendes Preisschild.

Eine Kolumne

Wir sind daran gewöhnt, dass alles im Leben einen Preis hat. Umso glücklicher bin ich, wenn dieser zumindest beim Essen wegfällt: eine Banane aus der Umsonstkiste, ein selbst gepflückter Apfel, den mir eine fremde Person überreicht, oder ein Gericht, das mir eine Freundin kocht.

Als ich neulich eine befreundete Biologin in Norwegen besuchte, erstreckte sich diese Freude auf ein ganzes Wochenende: Wir pflückten – natürlich mit Erlaubnis – die Äpfel der Nachbarn, gingen Pilze sammeln oder ernteten Aronia- und Heidelbeeren.

Wenn man gewisse Dinge beachtet, zum Beispiel seltene Arten in Ruhe zu lassen oder genug Vorrat für Wildtiere übrig zu lassen, ist das Sammeln oft umweltfreundlicher. Statt Blaubeeren zu kaufen, die künstlich bewässert und über 10.000 Kilometer um den ganzen Globus geschifft werden, kann ich sie im Wald pflücken. Statt dass die Banane vergammelt, können sich noch andere an ihr erfreuen. Doch das Sammeln von Lebensmitteln hat noch einen anderen Nutzen: Es könnte auch Effekte auf unsere Psyche haben.

Das Anstrengungsparadox

Warum kann also das Sammeln von Äpfeln oder Pilzen so befriedigend sein? Eine mögliche Erklärung liefert das sogenannte "Anstrengungsparadox" oder effort paradox. In vielen Situationen versuchen Menschen, körperliche und geistige Anstrengung zu vermeiden. Gleichzeitig gibt es Situationen, in denen wir Anstrengung geradezu suchen – und in denen ein Ergebnis durch die Mühe, die wir hineingesteckt haben, wertvoller erscheinen kann.

Als ich mit einer früheren Mitbewohnerin Mirabellen aus dem Garten einer Bekannten sammelte, mussten wir eine halbe Stunde hinfahren, die Früchte ernten, entkernen, kochen und pürieren. Es war unglaublich anstrengend. Aber ich suchte diese Anstrengung, um am Ende breit grinsend drei Gläser voll mit Marmelade in den Händen zu halten.

Dass Anstrengung die Wahrnehmung einer Belohnung verändern kann, lässt sich zum Teil sogar im Gehirn beobachten. Ein Übersichtsartikel im Fachmagazin "Trends in Cognitive Sciences" fasste dazu unterschiedliche Studien zusammen. Demnach fielen neuronale Reaktionen auf eine Belohnung nach anstrengender Leistung stärker aus als nach weniger anstrengender Leistung.

Die Forschenden sehen darin einen Hinweis darauf, dass Anstrengung den subjektiven Wert einer Belohnung erhöhen kann. Unter welchen Bedingungen das geschieht und welche Mechanismen dahinterstecken, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt. Vermutlich sollte die Anstrengung, also zum Beispiel das Sammeln, dabei freiwillig sein und nicht aus Zwang geschehen.

Essen für alle – Glück für jeden selbst?

Beim Foodsharing kommt noch etwas hinzu. Dabei werden aussortierte oder überschüssige, aber noch genießbare Lebensmittel etwa bei Supermärkten, Bäckereien oder anderen Betrieben abgeholt, damit sie nicht im Müll landen. Doch das sollte man nicht nur für sich selbst tun. Ein wichtiger Teil des Prinzips besteht darin, Überschüsse kostenlos weiterzugeben. Ähnlich funktionieren digitale Verschenkgruppen oder Nachbarschaftsnetzwerke: Hier kann man etwa Werkzeuge teilen oder Möbel verschenken.

Helfen, Teilen oder Verschenken zählt in der Psychologie zum sogenannten prosozialen Verhalten. Dieses hängt laut einer Übersichtsarbeit im Fachmagazin "Journal of Adolescence" mit einer besseren mentalen Gesundheit zusammen. Warum das so sein könnte, ist nicht vollständig geklärt. Die Autorinnen und Autoren führen unter anderem die Selbstbestimmungstheorie als mögliche Erklärung an. Demnach haben Menschen grundlegende psychologische Bedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz und sozialer Verbundenheit. Wer freiwillig anderen hilft, kann beispielsweise erleben, dass das eigene Handeln tatsächlich etwas bewirkt – und zugleich soziale Beziehungen stärken.

Es könnte also sein, dass Helfen und Teilen zum Wohlbefinden beitragen. Genauso ist denkbar, dass Menschen, denen es psychisch gut geht, eher die Ressourcen haben, sich für andere einzusetzen. Aber vielleicht hilft es, das Teilen einfach mal auszuprobieren – zum Beispiel die gesammelten Früchte zu Marmelade zu verarbeiten und an die Liebsten zu verschenken.

Mehr Verbundenheit zur Natur

Zuletzt kann uns das Sammeln auch der Natur wieder näherbringen: Das merkte ich, als die Freundin und ich auf dem Waldboden mit Büchern die Pilze bestimmten. Wie schön ist es, wirklich zu wissen, was da wächst. Und wie groß das Erfolgserlebnis, wenn man einen essbaren Pilz ergattert hat. Das sollte man auf jeden Fall, gegebenenfalls durch eine Pilzberatung vor Ort, abklären lassen, bevor man etwas Giftiges erwischt.

Das Sammeln von Pflanzen in der Stadt, das sogenannte Urban Foraging, ist laut einer Studie der Technischen Universität Berlin und der Universität Stuttgart ein vielversprechender Ansatz, "um die Gesellschaft stärker mit der städtischen Natur zu verbinden". Etwas, von dem wir uns mehr und mehr entfernt haben.

Viele von uns erkennen das Nike-Zeichen, das VW-Logo oder die goldenen Bögen von McDonald’s sofort – aber wie sehen die Blätter der Eberesche oder der Kastanie aus? Woran erkennt man einen essbaren Pilz? Und wo – zum Beispiel beim Fingerhut – sollte man vorsichtig sein?

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Natürlich gibt es beim Sammeln einiges zu beachten, von Artenschutz und Eigentumsrechten bis zur sicheren Bestimmung. Aber wer sammelt, bekommt einen Anlass, genauer hinzusehen – auf die Umgebung, auf die eigenen Fähigkeiten und vielleicht auch auf die Frage, was Dinge für uns wertvoll macht.

Über RiffReporter

Dieser Beitrag stammt vom Journalismusportal RiffReporter.

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Verwendete Quellen

National Library of Medicine: The Effort Paradox: Effort Is Both Costly and Valued

Journal of Adolescence: The Association Between Prosocial Behavior and Mental Health: A Three‐Level Meta‐Analysis

Researchgate: Connecting people to biodiversity in cities of tomorrow: Is urban foraging a powerful tool?

© RiffReporter

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