Warum sich Saudi-Arabien und Iran verbrüdern
Startseite Politik Geheimer Pakt der Erzfeinde gegen die USA: Warum sich Saudi-Arabien und Iran jetzt verbrüdern Von: Alexander Görlach Uns auf Google folgen Saudi-Arabien und Iran arbeiten hinter den Kulissen an einem Nichtangriffspakt. Trumps Eskalation nach dem NATO-Gipfel bringt das fragile Vorhaben ins Rutschen. Eine Analyse. Der jüngste NATO-Gipfel hat die globale Sicherheitsarchitektur nicht neu geordnet, sondern vollends zertrümmert. Als Antwort auf die Frage einer Reporterin hat US-Präsident Donald Trump das ohnehin fragile Memorandum of Understanding (MOU) mit dem Iran in einer Pressekonferenz im Zuge des NATO-Gipfels in Ankara aufgekündigt. Die Konsequenzen für die Weltwirtschaft und die globalen Energiemärkte sind verheerend: Der Ölpreis reagierte mit drastischen Ausschlägen. Wenn die Kämpfe um die Straße von Hormuz wieder aufflammen und andauern, bedeutet dies erneut eine bange Zeit für den weltweiten Handel. Es bleibt das unveränderte Credo Washingtons, dass Teheran diese maritime Lebensader unter keinen Umständen kontrollieren darf. Dabei wird in der Darstellung der Trump-Administration unterschlagen, dass der schiitische Gottesstaat seine heutige Vormachtstellung an diesem Nadelöhr des Welthandels erst durch jenen Krieg errungen hat, den die USA und Israel vom Zaun gebrochen haben. Übrigens völlig un-überraschend: Sicherheitsexperten, sowohl demokratischer als auch republikanisch geführter US-Regierungen, erklären seit Jahrzehnten, dass Teheran die Straße von Hormuz dicht machen würde, sollte ein Krieg mit den USA ausbrechen. Geheimer Pakt der Erzfeinde gegen die USA: Warum sich Saudi-Arabien und Iran verbrüdern Wie so oft im Nahen Osten zieht dieser Konflikt die gesamte Region in Mitleidenschaft, während das Pentagon die Kontrolle über die Dynamik längst verloren hat. Die Ereignisse nach dem Ende der Waffenruhe zeichnen das Bild eines entfesselten Stellvertreterkrieges. Der Iran hat mit gezielten Vergeltungsschlägen begonnen und dabei US-Militärbasen in Bahrain, Kuwait und Katar ins Visier genommen, alles Verbündete der Amerikaner in der Region, die durch den Beschuss aus Teheran mürbe gemacht werden sollen. Die Nachbarstaaten des Iran fürchten daher nicht grundlos um ihre Sicherheit, die das Fundament ihrer heimischen Ökonomien ist. Diese anhaltende Instabilität hat bereits zu historischen Verwerfungen innerhalb des arabisch-sprachigen, sunnitischen Länder geführt. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sind aus der OPEC ausgetreten, um ihre Förderquoten und Ölpreise unabhängig zu diktieren. Abu Dhabi verfolgt nun die Strategie, so schnell und so viel Rohöl wie möglich auf den Markt zu werfen, bevor man durch den Konflikt noch mehr Schaden nimmt. Denn Emiratische Anlagen waren in der Vergangenheit vermehrt Ziel iranischer Attacken. Dieser strategische Alleingang der Emirate stößt bei Saudi-Arabien auf beträchtlichen Widerstand, was bereits erste Maßnahmen wirtschaftlicher Natur nach sich zieht: Wie die Financial Times berichtet, verlangsamt Riad gezielt den bilateralen Zahlungsverkehr mit den VAE. Finanztransaktionen für Handelsgüter dauern entweder quälend lang oder werden nach Tagen unbearbeitet zurückgewiesen. Die saudische Nervosität angesichts der fließenden Entwicklung in der Region rührt aus einem weit größeren, diplomatischen Wagnis her: Riad hatte sich in den vergangenen Monaten an Teheran angenähert. Die beiden Regionalmächte, die sich als Herzkammern des sunnitischen und des schiitischen Islams als Erzfeinde gegenüberstehen, arbeiteten hinter den Kulissen an einem Nichtangriffspakt, der nach dem historischen Vorbild der Helsinki-Akte im Kalten Krieg funktionieren soll. Im Moment ist unklar, ob und wie dieses Unterfangen fortgesetzt wird. Dass die Gespräche nicht abgebrochen sein können, belegt unter anderem die Tatsache, dass der Botschafter des Iran im saudi-arabischen Königreich öffentlich die Pläne der Mullahs für eine künftige Sicherheitsarchitektur in der Region prominent in den Medien vorstellen durfte. Ein Vorgang, der bis dato alles andere als Gang und Gäbe war. Dass diese Annäherung der beiden Länder nicht unumstritten ist, liegt auf der Hand. Doch nun droht Trumps unberechenbarer Kurs erneut, dieses mühsam errichtete Kartenhaus zum Einsturz zu bringen. Die USA haben sich mit diesem Krieg sichtlich verhoben. Washington steht vor dem schier unlösbaren Dilemma, nicht nur die Mullahs besiegen zu müssen, sondern gleichzeitig das Agieren Israels im Libanon zu managen. Flankiert wird dieses nahöstliche Desaster von Trumps zunehmend erratischem Auftreten auf der globalen Bühne. Seine jüngste Ankündigung in Ankara, den Handel mit dem NATO-Partner Spanien komplett einzustellen, sowie die erneute, bizarre Bekräftigung seines Anspruchs auf den Kauf Grönlands, dokumentieren den vollständigen Verlust einer verlässlichen Doktrin. Solange der amerikanische Präsident derart planlos durch die Weltpolitik mäandert, wird am Golf keine Ruhe einkehren. Für die Akteure in der Region bedeutet dieses Machtvakuum vor allem eines: Der Kampf um die beste Position in der Ordnung nach dem Krieg geht in die nächste Runde.