Warum Stress sich im Mund festsetzt - und was dagegen hilft
Rund 20 Prozent aller Erwachsenen knirschen mit den Zähnen. Die Folgen reichen von Kieferschmerzen bis hin zu Zahnverlust. Eine Professorin erklärt, warum ausgerechnet der Kiefer auf Stress reagiert und welche Massnahmen wirklich helfen. Gehörst du auch zu den Menschen, die morgens mit verspanntem Kiefer oder schmerzenden Zähnen aufwachen? Schätzungen zufolge sind rund 15 bis 20 Prozent der Erwachsenen von sogenanntem Bruxismus betroffen. Gemeint ist damit eine unbewusste Überaktivität der Kaumuskulatur: Betroffene knirschen tagsüber (Wachbruxismus) oder nachts (Schlafbruxismus) mit den Zähnen, pressen oder reiben die Zahnreihen fest auf- und aneinander oder spannen die Kiefermuskeln an. Enorme Kräfte über Stunden Diese dauerhafte Anspannung kann den Kauapparat massiv belasten. Während sich die Zähne im Alltag, etwa beim Kauen oder Schlucken, meist nur kurz berühren, wirken beim Zähneknirschen über längere Zeit enorme Kräfte von bis zu 70 Kilogramm auf sie ein. Zum Vergleich: Innerhalb von 24 Stunden haben die Zähne beim Kauen insgesamt etwa acht Minuten Kontakt, beim Schlucken rund 15 Minuten. Beim Bruxismus können es dagegen bis zu zwei Stunden und länger sein – und das unter deutlich höherem Druck als normalerweise. In der Regel geschieht Bruxismus unbewusst. Viele Betroffene wissen lange nicht, dass sie mit den Zähnen knirschen oder klappern, besonders wenn es nur nachts dazu kommt. Häufig sind es Familienmitglieder oder Partnerinnen und Partner, die die typischen Geräusche dann wahrnehmen und sie darauf aufmerksam machen. Zähne, Muskeln und Gelenke leiden Bleibt Bruxismus über längere Zeit bestehen, kann das deutliche Spuren hinterlassen. Durch das ständige Aneinanderreiben von Ober- und Unterkieferzähnen wird die Zahnsubstanz nach und nach abgetragen. Die Zähne werden dadurch empfindlicher und reagieren schneller auf Kälte, Wärme, Druck, Süsses oder Saures. Im Extremfall können Zähne so stark abgeschliffen werden, dass von der sichtbaren Zahnkrone kaum noch etwas übrigbleibt. "Die Zahnsubstanz wird regelrecht zermahlen", sagt Anne Wolowski, Professorin an der Poliklinik für Prothetische Zahnmedizin und Biomaterialien am Universitätsklinikum Münster. Mitunter seien die Zähne nach Jahren "bis auf das Niveau des Zahnfleisches heruntergeknirscht". Bruxismus schadet aber nicht nur den Zähnen. Auch Kiefergelenke und die Muskulatur in Hals, Nacken und Rücken können überlastet werden. Spätestens dann sprechen Fachleute von einer craniomandibulären Dysfunktion, kurz CMD: einer Funktionsstörung des Kauorgans, zu dem neben Zähnen und Kiefergelenken auch Muskulatur, Bänder und Nerven gehören. Typische Beschwerden sind Verspannungsschmerzen oder eine eingeschränkte Mundöffnung. Es kann auch ein Kiefergelenkknacken auftreten, was aber als alleiniges Symptom noch nicht als krankhaft eingeschätzt wird. Bruxismus und CMD sind nicht dasselbe, gehen aber häufig ineinander über. "Beim Bruxismus steht die intensive Kaumuskelaktivität im Vordergrund, bei der CMD sind es Funktionsstörungen, die schmerzhaft sein können", erklärt Wolowski. "Die Übergänge sind oft fliessend." Ein Patient mit einer CMD könne gleichzeitig auch unter Bruxismus leiden. Beide Phänomene betreffen laut Wolowski vor allem junge Erwachsene in ihren Zwanzigern und Dreissigern und nehmen mit dem Alter ab. Bruxismus extrem: Zahnverlust und Asymmetrie im Gesicht Das Tückische: Oft dauert es Jahre, bis solche deutlichen Symptome entstehen. Viele Betroffene klagen etwa zunächst nur über eine morgendliche Steifheit der Kaumuskulatur, die aber im Laufe des Tages wieder verschwindet. Hinweise auf einen länger bestehenden Bruxismus können auch Kopfschmerzen nach dem Aufwachen sein (besonders im Bereich der Schläfen), oder kleine Verletzungen an Wangeninnenseiten und Zunge, die entstehen, wenn das Gewebe beim Kauen oder Pressen zwischen die Zähne gerät. Bei ausgeprägter Muskelaktivität kann der Kaumuskel sogar sichtbar an Volumen zunehmen. Man spricht dann von einer sogenannten Masseterhypertrophie. "Ich erinnere mich an eine sehr junge Patientin, die nicht nur einen grossen Teil ihrer Zähne verloren hatte, sondern durch die extreme Muskelaktivität auch eine deutliche Verdickung des Kaumuskels entwickelte", erzählt Wolowski. Die Asymmetrie im Gesicht habe die Patientin zusätzlich stark belastet. Warum reagiert ausgerechnet der Kiefer? Warum Menschen mit den Zähnen knirschen oder den Kiefer unbewusst anspannen, ist noch nicht vollständig geklärt. "Funktionelle Störungen, wie Bruxismus oder CMD, haben aber nie 'die eine Ursache', sondern sind immer multifaktoriell", erklärt Wolowski. Meist wirken also mehrere Faktoren zusammen. Als mögliche Auslöser nennt die S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) emotionalen und sozialen Stress, Angststörungen und eine familiäre Veranlagung. Auch bestimmte Medikamente, der Konsum von Nikotin, Alkohol oder anderen psychotropen Substanzen sowie Begleiterkrankungen wie Schlafapnoe oder Reflux können eine Rolle spielen. Doch warum zeigt sich Belastung bei vielen Menschen ausgerechnet im Kiefer? Auch das lasse sich nicht eindeutig beantworten, meint Wolowski. Stress sucht sich nicht bei allen denselben Weg. "Dem einen 'schlägt es auf den Magen', der andere 'beisst sich durch' oder 'vor Wut auf die Zähne'", sagt sie. "Das ist individuell recht unterschiedlich." Für manche werde das Zusammenbeissen der Zähne zu einer Art Ventil, um Stress, Ärger oder Angst zu verarbeiten. Was tun bei Bruxismus? 1. Bewusst wahrnehmen und Aufklärung Die wichtigste erste Massnahme sei Aufklärung, sagt Wolowski. Betroffene müssen erst einmal verstehen, was im Kiefer passiert, und lernen, ihr eigenes Verhalten im Alltag wahrzunehmen. Denn viele pressen die Zähne zusammen oder spannen die Kaumuskulatur an, ohne es zu bemerken. Helfen kann ein einfacher Trick: kleine Erinnerungspunkte, etwa ein roter Punkt oder ein Smiley, an Stellen, auf die man häufig schaut (Spiegel im Bad, Kühlschrank, Monitor). Wenn man das Zeichen sieht, prüft man kurz: Was macht mein Kiefer gerade? Berühren sich die Zähne? Ist die Muskulatur angespannt? Ziel ist, den Unterkiefer locker zu lassen und keinen Zahnkontakt herzustellen. 2. Stress abbauen statt wegbeissen Gerade bei stressbedingtem Bruxismus geht es ausserdem darum, andere Wege für gesunden Stressabbau zu finden. Bewusste Entspannungsphasen im Alltag und regelmässiger Ausdauersport können dabei helfen. 3. Physiotherapie Eine weitere Massnahme ist gezielte Physiotherapie. Sie kann vor allem zu Beginn verspannte Kaumuskeln lockern und die Beweglichkeit des Kiefers verbessern. "Ziel der Physiotherapie sollte die Hilfe zur Selbsthilfe sein", sagt Wolowski. So lernen Betroffene, die Kiefermuskulatur selbst zu entspannen und Überlastung früher zu bemerken. 4. Aufbissschiene Zum Schutz der Zähne wird häufig zusätzlich eine Aufbissschiene angepasst. Sie besteht meist aus hartem Kunststoff und bedeckt eine Zahnreihe vollständig. In der Regel reicht es, sie nachts zu tragen, weil Betroffene das Knirschen oder Pressen im Schlaf nicht kontrollieren können. Wichtig ist aber, die Erwartungen realistisch zu halten: Eine Schiene schützte zwar die Zähne und kann unregelmässige Bisslagen ausgleichen, sei aber "keine ursächliche Behandlung eines Bruxismus", betont Wolowski. Dass die Muskelaktivität durch das Tragen nachlasse, sei ein wünschenswerter, aber kein garantierter Nebeneffekt. 5. Botox für hartnäckige Fälle Empfehlungen der Redaktion Overthinking: Jeder Vierte grübelt täglich über Kleinigkeiten Dermatologinnen warnen vor falschen Hoffnungen Geräusche schaden Gedächtnisleistung In hartnäckigen Fällen kann auch Botulinumtoxin angewandt werden, das in den Kaumuskel gespritzt wird und dessen Aktivität für vier bis sechs Monate dämpft. Für Wolowski ist das Nervengift aber ausdrücklich kein Mittel der ersten Wahl: "Erst wenn Aufklärung, Selbstbeobachtung, Physiotherapie und Schiene keinen Erfolg bringen, sollte man über einen solchen Eingriff nachdenken." Über die Gesprächspartnerin Prof. Dr. Anne Wolowski ist Zahnärztin und Professorin an der Universität Münster. Am Universitätsklinikum Münster ist sie leitende Oberärztin und stellvertretende Direktorin der Poliklinik für Prothetische Zahnmedizin und Biomaterialien. Ausserdem leitet sie dort die CMD-Sprechstunde sowie den Bereich Psychosomatik in der Zahnheilkunde. Ihre Schwerpunkte sind unter anderem Prothetik, Funktionsstörungen des Kauapparats, CMD, Bruxismus und unklare Kiefer-Gesichts-Beschwerden. Verwendete Quellen Interview mit Prof. Dr. Anne Wolowski Universitätsklinikum Leipzig: Wo starke Kräfte sinnlos pressen: Zu viel Knirschen macht Zähne langfristig kaputt awmf.org: S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung des Bruxismus