Warum Tanken trotz sinkendem Ölpreis teuer ist
Fuldaer Zeitung Fulda Warum kostet Sprit, was er kostet? – Knittel-Chef Udo Weber klärt auf Von: Bernd Loskant Uns auf Google folgen Viele Autofahrer fragen sich, warum Tanken trotz sinkendem Ölpreis teuer bleibt. Energiehändler Udo Weber aus Fulda gibt Einblicke in die Preisbildung – und räumt mit verbreiteten Irrtümern auf. Fulda – Die Spritpreise sind für viele Menschen ein Reizthema. Dies wurde zum Monatswechsel mit dem Ende des Tankrabatts besonders deutlich. Staus, Hupkonzerte und drängelnde Autos an Tankstellen waren die Folge. Die aufgeladene Stimmung spüren auch Tankstellen-Mitarbeiter, die häufig zum Sündenbock für Preissteigerungen gemacht werden. Doch wie kommen die Preise eigentlich zustande? Knittel-Geschäftsführer Udo Weber, dessen Unternehmen in Fulda als Avia-Gesellschafter rund 80 Avia-Tankstellen mit Kraftstoff beliefert, erklärt im Interview, welchen Einfluss ein regionales Energiehandelsunternehmen darauf hat. Wut an der Zapfsäule: Wie der Spritpreis zustande kommt Herr Weber, viele Autofahrer haben sich über die zuletzt gestiegenen Kraftstoffpreise geärgert. Können Sie den Unmut nachvollziehen? Energiekosten spielen eine große Rolle für Verbraucher. Dies gilt für die Mobilität genauso wie für die Wärme. Von daher habe ich großes Verständnis für die hohe Preis-Sensibilität. Hinzu kommt, dass es Produkte sind, die benötigt werden, ohne dass damit eine starke positive Emotionalität verbunden ist. Energie dient dazu, das Auto oder die Heizung am Laufen zu halten. Betrachtet man längere Zeiträume, relativieren sich manche Wahrnehmungen. Viele Produkte des täglichen Bedarfs sind deutlich teurer geworden. So ist der Brotpreis im Zeitraum von 2000 bis 2025 um mehr als 100 Prozent gestiegen, während der Kraftstoffpreis im Jahresschnitt im gleichen Zeitraum um rund 50 bis 60 Prozent gestiegen ist. Der entscheidende Unterschied ist: Beim Tanken erleben Verbraucher erhebliche Preisschwankungen nach oben wie nach unten. Dies ist bei anderen Produkten des täglichen Bedarfs nicht der Fall. Wie erleben Ihre Mitarbeiter an den Tankstellen diese Zeit? Die Mitarbeitenden an den Tankstellen sind in der Regel beim jeweiligen Tankstellenbetreiber angestellt. Auf die Preisentwicklung haben sie jedoch keinerlei Einfluss. Hinsichtlich des Kundenverhaltens findet man in einer Tankstelle das komplette Spiegelbild unserer Gesellschaft. Hier gibt es eine ganze Reihe von Kunden, die sehr differenziert denken und den Mitarbeitenden mit Respekt begegnen. Genauso gibt es jedoch auch hoch emotionale Begegnungen, die sehr unangenehm sind. Erst vergangene Woche musste sich eine Mitarbeiterin aus Angst vor möglichen Handgreiflichkeiten im Büro einschließen. Aber auch zwischen den Kunden gibt es oftmals hohe Emotionalität, wenn man nicht vor 12 Uhr an die Zapfsäule kommt. Ölpreis nur eine Zutat: Diese Faktoren beeinflussen den Spritpreis Aber die Frage bleibt ja: Warum sind die Spritpreise so hoch, obwohl der internationale Ölpreis inzwischen wieder deutlich niedriger liegt als vor dem Iran-Krieg und der Sperrung der Straße von Hormus? Die spannende Frage ist, ob der Preis wirklich so hoch ist oder ob er „gefühlt“ sehr hoch ist. Hier ein Beispiel: Am 23. März 2026 lag die Notierung für Rohöl der Sorte Brent bei 85,31 Dollar, am 1. Juli 2026 lag diese Notierung bei 72,95 Dollar. Dies bedeutet eine Reduktion von 14,49 Prozent. Der mengengewichtete Tankstellenverkaufspreis für Diesel lag in Fulda am 23. März 2026 bei 2,28 Euro und am 2. Juli 2026 bei 1,98 Euro. Daraus ergibt sich ein Rückgang um 13,16 Prozent. Das bedeutet, dass die Märkte durchaus der internationalen Entwicklung folgen. Unsere Einkaufspreise sind jedoch von weiteren Faktoren abhängig. Welche sind das? Dazu zählen nationale Einflussfaktoren wie der Euro-Dollar-Wechselkurs, Transportkosten – etwa durch Hoch- oder Niedrigwasser auf dem Rhein – sowie Einschränkungen bei Raffinerien durch Wartungsarbeiten oder gestörte Versorgungswege wie die politisch motivierte Schließung der Druschba-Pipeline. Auch die Nachfragesituation an den Ladeplätzen spielt eine entscheidende Rolle. In Deutschland werden täglich die Großhandelspreise für elf Preisregionen ermittelt, die voneinander abweichen. Grundsätzlich ist der reine Vergleich mit der Rohölpreisentwicklung zu kurz gesprungen. Das ist in etwa so, als würde man den Kuchenpreis nur auf die Zutat Mehl reduzieren. Wie entstehen regionale Preisunterschiede innerhalb Deutschlands? Das hängt mit der jeweiligen Wettbewerbssituation vor Ort zusammen. Da Tankstellen hohe Fixkosten haben und Kunden sehr preissensibel reagieren, konkurrieren die Anbieter intensiv um Absatzmengen. Das erklärt auch die häufigen Preisänderungen im Tagesverlauf. Jede Preisänderung muss binnen fünf Minuten an die Markttransparenzstelle des Bundeskartellamts gemeldet werden. Die Tankstellenbranche zählt damit zu den am stärksten überwachten Märkten in Deutschland. Welche Auswirkungen hatte der Wegfall der staatlichen „Spritpreis-Bremse“ auf die Preisentwicklung? Durch die beschriebenen Abschmelzungs-Prozesse über 24 Stunden lassen sich Veränderungen der Energiesteuer nur unmittelbar nach der staatlich geregelten Preiserhöhung um 12 Uhr oder aufgrund von mengengewichteten Durchschnitten sinnvoll vergleichen. Bei Knittel lag die Erhöhung am 1. Juli 2026 um 12 Uhr bei 16 Cent. Der durchschnittliche Dieselpreis stand am 30. Juni 2026 bei 1,81 Euro pro Liter und am 2. Juli bei 1,98 Euro – exakt eine Differenz von 17 Cent. Grundsätzlich wird der Kraftstoffpreis maßgeblich durch staatliche Abgaben beeinflusst. Neben der Energie- und Mehrwertsteuer zählen dazu unter anderem die CO2-Abgabe sowie Kosten aus dem Treibhausgasminderungsgesetz. Insgesamt entfallen – je nach Preissituation – rund 65 Prozent des Kraftstoffpreises auf Steuern und staatlich veranlasste Kosten. Der Vorwurf, dass Tankstellenbetreiber solche steuerlichen Änderungen nutzen, um die Preise hochzuhalten und mehr Profit zu machen, läuft also ins Leere? Grundsätzlich gilt in einem Handelsunternehmen, dass man eine Versorgungssicherheit zu marktüblichen Preisen herstellt. Kein Unternehmen kann davon leben, negative Ergebnisse zu erzielen. Entscheidend ist aus meiner Sicht, wie man mit den erzielten Ergebnissen umgeht. Als regionales Familienunternehmen haben wir in den letzten sechs Jahren knapp 80 Prozent unseres Unternehmensergebnisses vor allem in der Region investiert. Der Rest ging in die Rücklagen. Wir denken nicht in Quartalen, sondern in Generationen. Auch bei uns steht ein Generationenwechsel in den nächsten Jahren an. Verantwortung zeigt sich in langfristigen Strategien, die durch nachhaltige Investitionen abgesichert werden. Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung der Kraftstoffpreise ein? Wie bereits erläutert, bildet sich der Kraftstoffpreis aufgrund von internationalen, nationalen und regionalen Entwicklungen. Während die nationalen und regionalen Trends einigermaßen abschätzbar sind, ist der Haupttreiber die internationale Entwicklung. Entsprechend können auch wir nicht in die Glaskugel schauen. Zudem spielt die Einschätzung der Rohstoffhandelsplätze eine wichtige Rolle. Die Börse arbeitet oftmals mit Erwartungshaltungen, und diese sind für uns nicht planbar.