Warum viele Menschen sich in erfundenen Figuren wiederfinden
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„So völlig fremd ist mir das nicht“ – Warum viele Menschen sich in erfundenen Figuren wiederfinden
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Wednesday Addams, Sheldon Cooper oder Sherlock Holmes: Fans interpretieren das Verhalten fiktiver Figuren nicht nur. Ein Psychologe erklärt, was Analysen über das Publikum verraten.
Karlsruhe – Wednesday Addams lächelt kaum, meidet Nähe und pfeift auf soziale Konventionen. Im Internet wird deshalb seit Langem diskutiert, ob die Serienfigur autistisch sein könnte. Auch andere fiktive Charaktere werden mit psychologischen Diagnosen versehen.
Artikel der KNA
Dieser Beitrag stammt von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
„Fiktionale Figuren eignen sich sehr gut, um psychologische Zusammenhänge zu erklären“, sagt der Psychologe Niklas Gebele aus Karlsruhe. Dass Fans ihre Serienhelden analysieren, sei mehr als ein Internettrend. Es sei eine Möglichkeit, psychologische Muster anschaulich zu machen – ohne reale Menschen zu beurteilen.
„Fiktionale Charaktere haben nie ganz die Komplexität lebender Personen“, sagt Gebele. Selbst vielschichtige Serienfiguren seien oft pointierter und dadurch leichter greifbar. Zudem seien sie einem großen Publikum zugänglich und könnten gemeinsam diskutiert werden: „Im Gegensatz zu Ferndiagnosen realer Personen überschreitet man hier keine ethischen Grenzen.“
Serienfiguren überspitzen die Realität
Wie hilfreich das sein kann, zeigt sich laut Gebele an Sheldon Cooper aus „The Big Bang Theory“. Anders als bei Wednesday gehe es bei ihm weniger darum, ob er tatsächlich autistisch sei. Entscheidend sei vielmehr, dass viele Betroffene sich in ihm wiedererkannt hätten.
„Das Schöne daran war, dass es trotz allem eine positive, liebenswerte Figur ist“, betont der Psychologe. Solche Beispiele könnten dazu beitragen, psychische Besonderheiten verständlicher zu machen und Vorurteile abzubauen.
Psychologie hilft bei der Orientierung
Warum aber beschäftigen sich so viele Menschen mit psychologischen Zuschreibungen für erfundene Figuren? Für Gebele hat das mit einem menschlichen Grundbedürfnis zu tun: „Wir haben ein starkes Verlangen nach Identität und Selbsterkenntnis.“
Dabei gehe es auch darum, sich selbst zu verstehen – etwa durch Identifikation mit anderen oder aber durch Abgrenzung von ihnen. Psychologische Begriffe könnten dabei Orientierung geben.
Sie seien heute eine Art Koordinatensystem, mit dem Menschen sich selbst und andere einordnen, sagt der Experte. Früher hätten dafür hauptsächlich die soziale Rolle, die Herkunft oder der Status den Rahmen vorgegeben.
Selbstdiagnosen sind oft wenig hilfreich
Wie schnell solche Zuschreibungen zur Selbstdiagnose führen können, erlebt Gebele immer wieder. „Wenn Menschen anfangen, Psychologie zu studieren, dann haben sie erstmal alle Störungen, die sie kennenlernen – eine nach der anderen“, sagt er mit einem Augenzwinkern.
Denn bei jeder Beschreibung finde sich etwas, bei dem man denke: „So völlig fremd ist mir das nicht.“ Das liege auch daran, dass psychische Erkrankungen nicht aus Verhaltensweisen bestünden, die gesunde Menschen überhaupt nicht kennen. „Erst die extreme Ausprägung oder mangelnde Flexibilität machen aus solchen Eigenschaften ein krankhaftes Muster.“
Serien-Analyse ist keine Diagnose
Aus der spielerischen Frage „Ist Wednesday vielleicht autistisch?“ kann so die persönlichere Frage werden: „Bin ich es vielleicht auch?“ Problematisch wird es nach Ansicht Gebeles, wenn aus einer solchen Einordnung vermeintliche Gewissheit wird.
Manche Menschen suchten in psychologischen Begriffen eine Antwort auf die Frage, wer sie selbst sind. Sie fragten sich dann etwa, ob sie ADHS haben, autistisch oder hochsensibel sind. Eine solche Einordnung könne durchaus hilfreich sein, wenn man sich darin wiederfinde. „Aber es ist natürlich nie eine vollständige Beschreibung.“
Eine solche Deutung sei zudem etwas völlig anderes als eine klinische Diagnose, betont Gebele. Bei einer fiktiven Figur könne man beobachten, was die Geschichte zeige, und daraus eine mögliche Lesart entwickeln.
Was an Wednesday so fasziniert
Bei einem echten Menschen sei eine Diagnose wesentlich komplexer und beruhe unter anderem auf Gesprächen, gezielten Fragen und fachlich fundierten Fragebögen. „Wir können nie einen Menschen in seiner vollständigen Komplexität wirklich dauerhaft begreifen“, sagt der Psychologe.
Interessant findet Gebele deshalb weniger die Frage, ob Wednesday tatsächlich autistische Züge habe. Spannender sei vielmehr, dass sie gerade für Mädchen und junge Frauen eine starke Identifikationsfigur geworden sei.
Sie entziehe sich sozialem Druck auf radikale Weise – etwas, das den meisten Menschen schwerfalle. „Sie macht mit so einer Klarheit einfach ihr Ding“, sagt Gebele. Die Frage, ob sich daraus eine psychologische Diagnose ableiten lässt, sei am Ende fast nebensächlich.