Was clevere Menschen im Alltag anders machen
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Eine Angewohnheit im Alltag unterscheidet clevere Menschen vom Rest
Von: Andreas Apetz
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Wer klug ist, weiß auch, was er nicht weiß. Eine Psychologin erklärt, wie eine bestimmte Denkweise im Alltag den Unterschied machen kann.
Frankfurt – In Talkshows, im Familienkreis und unter Freunden treffen immer wieder unterschiedliche Meinungen aufeinander. Oft werden Argumente mit großer Entschlossenheit verteidigt. Konstruktiver wird ein Gespräch, wenn Menschen erkennen, an welchen Stellen ihnen Wissen fehlt, und dann bereit sind zuzuhören oder ihre Position zu überdenken. Das kann besonders schwerfallen, wenn es um ein Gebiet geht, auf dem bereits eigene Erfahrung oder Fachwissen vorhanden ist.
Die Fähigkeit, die Grenzen des eigenen Wissens zu erkennen und offen für die Perspektiven anderer zu sein, wird in der Wissenschaft „intellektuelle Bescheidenheit“ genannt. Damit ist nicht gemeint, dass Menschen ihre Kenntnisse ständig infrage stellen. Vielmehr können sie einschätzen, bei welchen Fragen sie sich auskennen und wo Lücken bestehen. „Somit unterscheidet sich intellektuelle Bescheidenheit von reinen Selbstzweifeln, bei denen eine Person möglicherweise eigenes Wissen unterschätzt und keine korrekte Selbstwahrnehmung hat“, sagt Larissa Knöchelmann vom Institut für Psychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, die zu diesem Bereich forscht.
Intellektuelle Bescheidenheit: Menschen wirken in Gesprächen oft sympathischer
Wer sich und sein Wissen gut selbsteinschätzen kann, hat laut Knöchelmann weniger Probleme damit, neue Informationen objektiver zu bewerten und zu verarbeiten. In der Praxis hilft es Menschen, sich konstruktiv über Themen auszutauschen: „Konkret bedeutet das, dass sie besser gute von schlechten Argumenten unterscheiden können, sich auch mit Argumenten beschäftigen, die gegen ihre Ansichten sprechen, und mehr Fact-Checking betreiben“, sagt Knöchelmann der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
Das führt dazu, dass intellektuell bescheidene Personen in Gesprächen häufig als angenehmes Gegenüber empfunden werden. Sie wirken sympathischer und wecken eine positivere Erwartung an ein mögliches Gespräch, erklärt die Psychologin der Humboldt-Universität. Diese Haltung wirkt somit in verschiedenen sozialen Situationen positiv: Während der konstruktive Austausch beispielsweise für eine politische Debatte wünschenswert ist, hilft die Perspektivoffenheit auch Führungskräften oder Lehrkräften für den Lernerfolg von Kindern in der Schule.
Neben dem Umfeld profitiert auch die Person selbst von ihrem Umgang mit dem eigenen Wissen: „Man sollte davon ausgehen, dass intellektuell bescheidene Menschen eher neue Fakten in ihre Meinung integrieren können als nicht bescheidene Menschen“, sagt Knöchelmann. Wer eigene Wissenslücken eingesteht und Informationen von außen neutral aufnimmt, eignet sich neues Wissen möglicherweise effektiver an als jemand, der Informationen abprallen lässt oder vorrangig damit beschäftigt ist, den bisherigen eigenen Standpunkt zu verteidigen.
Intellektuelle Bescheidenheit bedeute jedoch nicht, jede neue Information ungeprüft zu übernehmen, betont Knöchelmann. Als Beispiel nennt sie eine Ärztin, die eine Studie liest, die gegen ein Medikament spricht, bei dem sie selbst Fachexpertise besitzt. „Wenn sie intellektuell bescheiden ist und anerkennen kann, dass sie viel über das Medikament weiß, aber manche Dinge eben auch nicht, dann sollte sie die Studie aufmerksam lesen, die Qualität der Studie einschätzen und anschließend versuchen, die Ergebnisse in ihr Wissen zu integrieren“, erklärt die Psychologin.
Das Ziel sei nicht, bisheriges Wissen über Bord zu werfen, sondern ein komplexeres Verständnis zu entwickeln, etwa dass ein Medikament bei bestimmten Patientengruppen anders wirken könnte. Eng verknüpft mit intellektueller Bescheidenheit sei die sogenannte Ambiguitätstoleranz: die Fähigkeit, Widersprüche und Unklarheiten zwischen verschiedenen Informationen auszuhalten, sagt Knöchelmann.
Flexibel und logisch denken: Kann man intellektuelle Bescheidenheit lernen?
Ein Forschungsteam der Universität Cambridge rund um die Neurowissenschaftlerin Leor Zmigrod hat untersucht, welche kognitiven Faktoren intellektuelle Bescheidenheit begünstigen. Entscheidend sind demnach zwei Aspekte: kognitive Flexibilität – also die Fähigkeit, gedanklich schnell zwischen verschiedenen Konzepten zu wechseln – und allgemeine Intelligenz. Wer flexibel denkt und logisch vorgeht, begegnet anderen Meinungen mit mehr Offenheit.
Dafür muss niemand ein Genie sein. Die Studie beschreibt ein Zusammenspiel beider Eigenschaften: Eine geringere Ausprägung bei der Intelligenz kann durch eine hohe geistige Flexibilität ausgeglichen werden – und umgekehrt. Beide Fähigkeiten können somit auf gleichwertige Weise zu intellektueller Bescheidenheit beitragen. „Um korrekt einschätzen zu können, was man weiß und was man nicht weiß, benötigt eine Person selbstverständlich ein gewisses Mindestmaß an Intelligenz. Allerdings ist es nicht notwendig, überdurchschnittlich intelligent zu sein, um intellektuell bescheiden zu sein“, ergänzt Knöchelmann.
Ob sich diese Haltung gezielt entwickeln lässt, wird derzeit weiter erforscht. Wie bei vielen Persönlichkeitseigenschaften gibt es auch bei der intellektuellen Bescheidenheit stabile Bestandteile, etwa ein grundsätzlich bescheidenes Gemüt, und Einflüsse, die von der jeweiligen Situation abhängen. „Wie bescheiden ich in einer bestimmten Situation an einem bestimmten Tag zu einem bestimmten Thema bin, kann schwanken. Dies eröffnet die Möglichkeit, dass man diese Haltung trainieren kann“, erklärt Knöchelmann. Dafür sei nach Einschätzung der Psychologin regelmäßiges Üben nötig, zum Beispiel durch reflektierendes Tagebuchschreiben. Einzelne Übungen hätten sich bislang dagegen als wenig erfolgversprechend erwiesen. (Quelle: Personality and Individual Differences, eigene Recherche)