Was eine große Ernährungsstudie zeigt
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Nächtliches Wasserlassen: Studie mit 6000 Probanden zeigt überraschenden Diät-Zusammenhang
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Wer nachts häufig auf die Toilette muss, kennt das zerstückelte Schlafgefühl. Eine neue Studie zeigt nun: Die Ernährung könnte dabei eine unterschätzte Rolle spielen – und beleuchtet, welche Pflanzenstoffe besonders auffällig sind.
Fulda – Einmal aufgewacht, ein Gang zur Toilette, dann wieder ins Bett – und die ganze Sache wiederholt sich. Wer regelmäßig nachts das Bett verlassen muss, leidet nicht nur unter dem einzelnen Toilettengang, sondern unter dem Gefühl, die Nacht in lauter kleine Bruchstücke zerlegt zu bekommen. Dieses Phänomen, medizinisch als Nykturie bezeichnet, betrifft viele Menschen und hat verschiedenste Ursachen. Eine neue Studie richtet nun den Blick auf die Ernährung, genauer auf eine Gruppe von Pflanzenstoffen, die in vielen alltäglichen Lebensmitteln steckt.
In der Fachzeitschrift Scientific Reports wurde am 5. Februar 2025 eine Studie veröffentlicht, die auf Daten der US-amerikanischen NHANES-Erhebung aus den Jahren 2007 bis 2010 basiert. Die Forschenden analysierten knapp sechstausend Erwachsene im Alter von über vierzig Jahren. Ernährungsgewohnheiten und Harnsymptome wurden dabei über Interviews ermittelt. Das zentrale Ergebnis: Wer über die Nahrung mehr Flavonoide aufnahm, war seltener von nächtlichem Wasserlassen betroffen. Besonders auffällig waren dabei drei Flavonoid-Klassen, nämlich Anthocyane, Flavan-3-ole und Flavonole.
Was Flavonoide sind – und wo sie stecken
Der Begriff klingt nach Labor, die Lebensmittel dahinter sind jedoch vertraut. Anthocyane verleihen Beeren, Kirschen und Weintrauben ihre charakteristischen roten, violetten und blauen Farbtöne. Flavan-3-ole wie Catechine und Epicatechine finden sich vor allem in Tee und Äpfeln. Das Flavonol Quercetin steckt in Zwiebeln und verschiedenen Früchten, und Kapern enthalten es sogar in besonders großen Mengen. Die Verteilung dieser Moleküle in einzelnen Lebensmitteln dokumentieren die Datenbanken des US-amerikanischen Landwirtschaftsministeriums. Dabei sollte eines klar sein: Es gibt kein einzelnes „Flavonoid-Wundermittel“. Zusammensetzung und Gehalt variieren je nach Produkt, Sorte und Zubereitung erheblich.
Für den Alltag bedeutet das: Wer auf eine abwechslungsreiche Ernährung mit verschiedenen Obst- und Gemüsesorten setzt, nimmt automatisch verschiedene Flavonoide auf. Eine Portion Beeren, ein Apfel oder Gemüse zu den Mahlzeiten sind sinnvolle Quellen. Kein Allheilmittel gegen nächtliches Wasserlassen, aber ein möglicher Beitrag im Gesamtbild.
Vorsicht: Was die Studie kann – und was nicht
So interessant der Befund ist, so wichtig ist ein nüchterner Blick darauf. Die Untersuchung ist eine Querschnittsstudie. Das bedeutet: Sie zeigt einen statistischen Zusammenhang zwischen Flavonoidzufuhr und weniger Nykturie, beweist aber nicht, dass eine Ernährungsumstellung die Beschwerden tatsächlich reduziert. Die biologischen Erklärungsansätze, etwa Auswirkungen auf Entzündungsprozesse und oxidativen Stress, die die Blasenfunktion beeinflussen, stützen sich auf experimentelle Untersuchungen, nicht auf direkte Messungen bei den Studienteilnehmern. Es bleibt also ein Hinweis, der weitere Forschung erfordert.
Nykturie: Wenn Schlafstörungen krank machen
Wer nachts häufig aufstehen muss, riskiert mehr als nur Schläfrigkeit am Tag. Anhaltende Schlafunterbrechungen durch Nykturie können das Immunsystem schwächen und so häufigen Infektionen Vorschub leisten. Darüber hinaus sind depressive Symptome als psychische Folgeerscheinung dokumentiert. Die Diagnose erfolgt durch Urologen, Gynäkologen oder Hausärzte, die je nach vermuteter Ursache an Kardiologen oder Endokrinologen weiterverweisen können.
Ähnlich verhält es sich mit Nahrungsergänzungsmitteln. Quercetin-Kapseln, Heidelbeerextrakte oder Grüntee-Konzentrate wurden in der Studie nicht untersucht. Eine direkte Übertragung der Ergebnisse auf solche Produkte wäre wissenschaftlich nicht gerechtfertigt. Das National Center for Complementary and Integrative Health weist zudem darauf hin, dass Grüntee-Extrakte in Tabletten- oder Kapselform, wenn auch selten, mit Leberschäden in Verbindung gebracht wurden und mögliche Wechselwirkungen mit Medikamenten bestehen können.
Das Tee-Paradox: Flavonoide am Abend – keine gute Idee
Tee liefert zwar Flavan-3-ole, enthält aber in vielen Sorten auch Koffein. Koffein, Alkohol und große Flüssigkeitsmengen kurz vor dem Schlafengehen gelten als bekannte Auslöser für nächtliche Toilettengänge. Wer also abends besonders viel Tee trinkt, um mehr Pflanzenstoffe aufzunehmen, könnte das Gegenteil bewirken. Zeitpunkt, Menge und Zusammensetzung spielen zusammen. Das gilt beim Tee genauso wie bei Wein, der zwar Polyphenole liefert, aber als Strategie gegen Nykturie nicht taugt. Auch das Smartphone kurz vor dem Einschlafen zu nutzen, kann die Schlafqualität beeinträchtigen und so nächtliche Aufwachphasen begünstigen.
Nicht immer ist die Prostata schuld
Nächtliches Wasserlassen hat viele Gesichter. Bei Männern wird häufig reflexartig die Prostata als Ursache genannt, doch das greift zu kurz. Nykturie lässt sich grundsätzlich vier Formen zuordnen: nächtliche Polyurie, globale Polyurie, geringe nächtliche Blasenkapazität und eine Mischform. Zu den möglichen Auslösern zählen außerdem Diabetes, Nierenerkrankungen, Harnwegsinfektionen und bestimmte Medikamente. Auch Herzinsuffizienz kann eine Rolle spielen: Wer abends geschwollene Knöchel hat, könnte Flüssigkeit in den Beinen angesammelt haben, die sich im Liegen in den Kreislauf zurückverteilt und die nächtliche Harnproduktion steigert.
Nykturie betrifft übrigens auch Frauen. Und: Bei Menschen ab 60 Jahren steigt mit jedem zusätzlichen nächtlichen Toilettengang das Sturzrisiko. Die Prävalenz sturzbedingter Folgen durch Nykturie wird mit 15 Prozent angegeben. Das macht die Beschwerden nicht nur zu einem Schlaf-, sondern auch zu einem Sicherheitsthema.
Wenn Schnarchen und Schlafapnoe dahinterstecken
Starkes Schnarchen, vom Partner beobachtete Atempausen und anhaltende Tagesmüdigkeit sollten dem Arzt geschildert werden. Eine obstruktive Schlafapnoe kann durch veränderte Schlafmuster und eine gestörte Flüssigkeitsregulation ebenfalls zu nächtlichem Wasserlassen beitragen. Die entscheidende Frage lautet dabei: Weckt der Harndrang, oder nutzt man den Toilettengang nur, weil man ohnehin schon wach ist? Diese Unterscheidung fällt Betroffenen nicht immer leicht, ist für die richtige Diagnose aber wichtig.
Das Miktionstagebuch: Drei Tage, die viel verraten
Wer zum Arzt geht, kann den Besuch deutlich ergiebiger gestalten, wenn er vorher ein sogenanntes Miktionstagebuch geführt hat. Über etwa drei Tage werden darin Trinkzeiten und -mengen, die Häufigkeit von Toilettengängen tagsüber und nachts, Urinvolumina (sofern messbar), Dranggefühl sowie Schlaf- und Aufwachzeiten notiert. Die Europäische Gesellschaft für Urologie nennt dieses Instrument ausdrücklich als nützliches Mittel zur Steuerung der Behandlung. Das Tagebuch hilft dabei, Muster zu erkennen, etwa ob viele Getränke nach dem Abendessen mit verstärkten Beschwerden zusammenhängen.
Europäische Leitlinien empfehlen zudem, bei der Beurteilung von Nykturie Urinproduktion, Blasenkapazität, Schlafstörungen und den allgemeinen Gesundheitszustand gemeinsam zu betrachten. Je nach Befund können Urinuntersuchung, Blutzucker, Nierenwerte und weitere Kontrollen sinnvoll sein. Bei bestimmten Patienten mit nachgewiesener nächtlicher Polyurie kann das Medikament Desmopressin eingesetzt werden. Es erfordert jedoch eine sorgfältige Überwachung des Natriumspiegels im Blut sowie Kontrollen vor und nach dem Therapiebeginn, gerade bei älteren Menschen.
Was Betroffene sofort tun können
Einige Stellschrauben lassen sich ohne Arztbesuch drehen. Wer Getränke gleichmäßiger über den Tag verteilt und die Menge in den Stunden vor dem Schlafengehen reduziert, kann erste Veränderungen feststellen. Zu viel Salz, Übergewicht und Bewegungsmangel können das Problem ebenfalls verstärken. Wer vermutet, dass ein bestimmtes Getränk oder Lebensmittel die Symptome verschlechtert, hält das am besten im Tagebuch fest, statt pauschal viele Dinge vom Speiseplan zu streichen.