Was ist Doomscrolling? Ursachen, Folgen und Tipps
Soziale Medien Doomscrolling: Warum uns schlechte Nachrichten nicht loslassen Stand: 17.08.2026 09:00 Uhr Immer weiter durch schlechte Nachrichten scrollen, obwohl man längst aufhören wollte: Dieses Phänomen heißt Doomscrolling. Experten warnen vor Folgen für Schlaf und psychische Gesundheit. Eine Betroffene aus Thüringen erzählt, wie sie aus dem "Scroll-Strudel" herausgefunden hat. von Marc Dorow, MDR AKTUELL Negative Nachrichten können Nutzer in einen "Scroll-Strudel" ziehen. Fachleute warnen vor Stress, Grübeln und Schlafproblemen. Laut DAK zeigen mehr als 25 Prozent der Jugendlichen eine riskante oder krankhafte Social-Media-Nutzung Eigentlich wollte Hanna Catterfeld aus Gotha für eine Klausur lernen. Stattdessen verbrachte sie immer mehr Zeit an ihrem Smartphone. Irgendwann wurde der Studentin klar, dass ihr Medienkonsum ein Problem geworden war. Wenn aus wenigen Minuten Stunden werden "In fünf Tagen war die Klausur und ich hänge irgendwie stundenlang am Handy und ich habe noch nichts gemacht. Also das ist nicht normal. Ich muss mal was dagegen tun." Mit diesem Problem ist sie nicht allein. Für das endlose Scrollen durch soziale Netzwerke, Nachrichten und Videos gibt es einen Begriff: Doomscrolling. Das Wort setzt sich aus dem englischen "doom" für Verderben und "to scroll" für weiterwischen zusammen. In fünf Tagen war die Klausur und ich hänge irgendwie stundenlang am Handy. Hanna Catterfeld, Studentin aus Gotha Warum wir negative Nachrichten nicht loslassen Warum fällt vielen Menschen das Aufhören so schwer? Tina Horlitz von der psychosozialen Beratung des Studentenwerks Chemnitz-Zwickau erklärt das mit einem psychologischen Mechanismus. "Wir haben einen sogenannten Negativity Bias. Der sagt, evolutionär ist es immer besser, das anzugucken, was gerade schwierig ist, was uns in Gefahr bringen kann." Negative Nachrichten ziehen die Aufmerksamkeit vieler Menschen stärker an als positive. Hinzu kommt die Funktionsweise sozialer Netzwerke: Wer sich mit Krisen, Konflikten oder anderen belastenden Themen beschäftigt, bekommt häufig weitere ähnliche Inhalte angezeigt. So entsteht ein Kreislauf, der viele Nutzerinnen und Nutzer immer tiefer in den Nachrichtenstrom hineinzieht. Nach Einschätzung von Horlitz sind besonders junge Menschen anfällig für dieses Verhalten. Sie müssten den Umgang mit Medien und die Einordnung von Informationen oft erst noch lernen. Folgen für Schlaf und psychische Gesundheit Doomscrolling bleibt nicht ohne Folgen. Birgit Dziuk, Landesgeschäftsführerin der BARMER Sachsen-Anhalt, beobachtet vor allem Auswirkungen auf Schlaf und psychisches Wohlbefinden. "Doomscrolling kann den Schlaf beeinträchtigen. Wer abends noch mal Nachrichten checkt, ist oft Stunden später noch wach." Wer abends noch mal Nachrichten checkt, ist oft Stunden später noch wach. Birgit Dziuk, Landesgeschäftsführerin der BARMER Sachsen-Anhalt Belastende Inhalte würden häufig gedanklich mit ins Bett genommen. Das könne Ein- und Durchschlafen erschweren. Außerdem könnten sich Stress, Grübeln und Ängste verstärken. Auch Hanna kennt diese Auswirkungen. Vor allem ihre Stimmung habe unter dem ständigen Scrollen gelitten. "Wenn traurige Reels ausgespielt wurden vom Algorithmus, dann hat mich das irgendwie auch sehr mitgenommen." Sie habe sich dadurch oft mit Problemen beschäftigt, auf die sie selbst keinen Einfluss habe. Mehr als jeder vierte Jugendliche nutzt soziale Medien problematisch Problematische Mediennutzung beschäftigt Fachleute schon seit Jahren. Die DAK-Gesundheit spricht von einem dauerhaften und ernstzunehmenden Problem. Nach einer aktuellen Langzeitstudie zeigen mehr als 25 Prozent der 10- bis 17-Jährigen eine riskante oder krankhafte Nutzung sozialer Medien. Im Vergleich zum Jahr 2019 habe sich die problematische Nutzung mehr als verdoppelt. Laut der DAK nutzen 21,5 Prozent der Jugendlichen soziale Medien riskant. Weitere 6,6 Prozent gelten als pathologische Nutzerinnen und Nutzer. Hochgerechnet betrifft das rund 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland. Wie Betroffene gegensteuern können Einen Ausweg aus dem Scroll-Strudel gibt es laut Psychologin Horlitz durchaus. Der wichtigste Schritt sei zunächst, das eigene Verhalten wahrzunehmen. "Der erste Schritt und die größte Errungenschaft ist, dass man überhaupt merkt: Mensch, ich habe aber ganz schön viel Online-Zeit." Wer das Problem erkenne, könne bewusst gegensteuern. Horlitz empfiehlt feste Zeiten für Nachrichten, digitale Pausen und einen kritischeren Umgang mit Push-Nachrichten. Wer ständig über Eilmeldungen auf neue Inhalte aufmerksam gemacht werde, habe das Smartphone häufiger in der Hand. Hanna zieht die Reißleine Für Hanna bestand die Lösung darin, den Zugang zu sozialen Medien zeitweise komplett zu trennen. "Ich habe dann relativ radikal einfach Tiktok und Instagram komplett von meinem Handy verbannt." Mittlerweile habe sie ihren Medienkonsum deutlich besser im Griff. Ein wichtiger Schritt sei gewesen, das Problem überhaupt zu erkennen. Ihr Rat an Betroffene: Man müsse sich nicht schämen, Hilfe zu suchen oder Regeln für den eigenen Medienkonsum aufzustellen. Ganz vermeiden lassen sich soziale Medien im Alltag kaum. Entscheidend sei aber, den eigenen Nachrichtenkonsum bewusst zu steuern. Denn aus wenigen Minuten am Smartphone können schnell Stunden werden.