Was sagt es über uns selbst aus, wenn wir lästern?
Wenn es um das Leben der Stars geht, wollen die meisten Menschen mitreden und diskutieren über Trennungen, Skandale oder öffentliche Konflikte. Was aber steckt hinter diesem Gossip und inwiefern sagt das, was wir über andere Menschen denken, etwas über uns selbst aus? Die Autorin und Podcasterin Gizem Çelik erklärt im Interview, warum Lästern ein menschliches Grundbedürfnis ist – und erinnert dennoch daran, in Sachen Gossip auch das eigene Verhalten kritisch zu hinterfragen.
Ein Interview
von Lisa-Marie Yilmaz
Frau Çelik, inwiefern ist Gossip Ihrer Meinung nach ein menschliches Grundbedürfnis?
Gizem Çelik: Gossip macht Spaß. Wir sollten meiner Meinung nach nicht so tun, als seien wir Menschen moralisch erhaben und würden uns nicht für Klatsch und Tratsch interessieren. Ich gehe sogar einen Schritt weiter und sage, dass Gossip eine soziale Funktion erfüllt. Denn wir tauschen damit Informationen aus, stellen Nähe her und verhandeln miteinander das Verhalten anderer Personen.
Können Sie das noch näher erklären?
Früher, als noch lange nicht an Googeln zu denken war, musste man sich auf das Wort des Gegenübers verlassen. Bedeutet: Man konnte nicht binnen weniger Sekunden wichtige Informationen über eine bestimmte Person selbst recherchieren. Gossip hatte also immer schon wichtige Funktionen, denn die Menschen kommen in einer Gemeinschaft zusammen und tauschen sich aus.
Hinzu kommt, dass man sich beim Austausch von Gossip, was gewissermaßen nichts anderes ist als Lästern, über Werte austauscht. Aus diesem Grund finde ich Celebrity-Gossip so spannend, denn wenn Millionen Menschen über eine berühmte Person lästern, verhandeln wir gemeinschaftlich, welches Verhalten als akzeptabel oder inakzeptabel empfunden wird.
Wir sprechen also nicht nur über die Hochzeiten, Scheidungen oder Skandale berühmter Menschen, sondern bewerten diese auch?
So ist es. Blicken wir etwa auf eine berühmte Frau, die ihrem Partner fremdgeht und sich scheiden lässt, macht uns dieses Verhalten geradezu wütend. Indem vermehrt darüber gesprochen wird, wird das Interesse an dieser Geschichte immer größer. An dieser Stelle interessiert mich als Autorin jedoch weniger, was besagte Frau getan hat, sondern vielmehr, warum wir Menschen so heftig auf ihre Geschichte reagieren. Es stellt sich die Frage, ob wir bei jeder Person so emotional reagieren würden. Was verrät unser Verhalten außerdem über unsere Vorstellung davon, wie sich eine Frau zu verhalten hat? An diesem Punkt wird Gossip für mich zu "More than Gossip", zu einer Art gesellschaftlicher Moraltest.
Indem wir aussprechen, wie wir über bestimmte Menschen denken, sagen wir gleichzeitig sehr viel über uns selbst aus. Wenn ich eine Frau in einem kurzen Rock als "Schlampe" betitele, sagt diese Äußerung mehr über mich aus als über die Frau im kurzen Rock. Somit ist Popkultur gar nicht so oberflächlich, wie viele Menschen denken mögen. Vielmehr stecken oft gesellschaftsrelevante und sogar politische Themen, wie etwa Misogynie, Schönheitsideale, Männlichkeit oder Kapitalismus, dahinter.
Wird Ihrer Meinung nach im Gossip kritischer oder sogar abwertender über das Verhalten von Frauen gesprochen und geurteilt als über das von Männern?
Auf jeden Fall. Dabei geht es übrigens nicht nur um das Verhalten, sondern ebenso um die Interessen von Frauen, wie auch ein Blick auf die Sprache zeigt. Wir sprechen im Zusammenhang mit Gossip von der "Tratschtante" oder der "Lästerschwester". Um Frauen im Mittelalter vom Lästern abzuhalten und zu demütigen, wurde ihnen beispielsweise eine Schandmaske aus Metall auf das Gesicht gesetzt.
Denn man darf nicht vergessen, dass Wissen und Informationsaustausch nicht weit entfernt von Macht sind. Und eben gegen diese potenzielle Macht der Frauen musste entsprechend vorgegangen werden. Auch #MeToo wurde anfangs von Skeptikern als Lästerei von Frauen abgetan, um Männer zu degradieren. Plötzlich wurde aber ein riesiges Machtgefälle entlarvt.
Geht es um Gossip, dürfen wir also nicht zu schnell in eine Sprache abrutschen, die Gerede per se als etwas Negatives darstellt. Damit möchte ich Gossip keineswegs romantisieren. Aus eben diesem Grund heißt mein Buch "More than Gossip", da ich darin nicht nur die empathische und gesellschaftskritische Perspektive darstellen möchte, sondern auch den Willen vermitteln möchte, das Buch politisch zu lesen. Dabei geht es auch darum, das eigene Verhalten kritisch zu hinterfragen.
In jedem der 16 Essays in "More than Gossip" durchleuchten Sie ein altes und ein neues Popkultur-Phänomen. Was steckt hinter dieser Gegenüberstellung?
Die popkulturellen Themen, die ich seit nunmehr drei Jahren auf Social Media bespreche, werden immer wieder recycelt. Bedeutet: Sie werden nicht alt. Ich habe schon als Kind und Jugendliche mit meiner Mutter Boulevard-Sendungen im Fernsehen geschaut. Dabei ist mir schon früh ein Muster aufgefallen: Die Gesichter und Namen der Personen, um die es dabei ging, haben sich natürlich verändert. Trotzdem sind die Schlagzeilen fast immer gleich geblieben. Popkultur funktioniert wie ein emotionales Archiv. Die Art, wie wir über Leute sprechen, zeigt, wie wir uns als Gesellschaft weiterentwickelt haben – oder vielleicht auch nicht weiterentwickelt haben. Dabei müssen wir als Gesellschaft verstehen, dass wir uns immer derselben Mechanismen bedienen oder demselben Machtgefälle ergeben.
Wie stehen Sie dazu, dass Popkultur häufig belächelt wird, weil sie als massentauglich, oberflächlich und kommerziell gilt?
Ich habe nicht den Eindruck, dass junge Menschen sich scheuen, Popkultur in der Tiefe zu betrachten, im Gegenteil. Vielmehr müsste man sich der Tatsache stellen, dass vor allem junge Frauen für ihr Interesse an Popkultur häufig abgewertet werden. Dabei sind es doch gerade die jungen Frauen, die in der Regel entscheiden, was auf kultureller Ebene von Relevanz ist. Denn Popphänomene wie Britney Spears, BTS oder Boybands haben nun mal vorrangig junge weibliche Fans. Trotzdem wird ihre Begeisterung oftmals lächerlich gemacht. Die Kulturindustrie braucht uns junge Frauen, um Milliarden zu verdienen. Gleichzeitig macht sie sich über uns lustig. Zu guter Letzt geht sie außerdem davon aus, dass wir gar nicht die Möglichkeit haben, Themen und Hintergründe komplex zu betrachten und auseinanderzunehmen. Das ist ein großer Widerspruch.
Inwiefern kann unser Fantum Auswirkungen darauf haben, wie wir über echte Menschen in unserem unmittelbaren Umfeld sprechen und über sie urteilen?
Ich komme selber aus dem Fantum. Insofern schreibe ich alles andere als zynisch über Menschen, die sich mit Stars beschäftigen oder sie verehren. Denn ich selbst war die 13-Jährige, die zum One-Direction-Konzert gefahren ist und sich Fan-Tattoos aufgeklebt hat. Heute erkenne ich die Marketing-Strategien hinter vielen Mechanismen, trotzdem war vieles davon damals Intimität für mich.
Für mich war das Fangirl-Sein immer eine Form von Freiheit. Denn wenn man etwas sehr liebt, ist es egal, ob andere es als uncool, peinlich oder übertrieben empfinden. Auch unsere großen Idole und Stars sind Menschen. Sie trennen sich, werden betrogen oder streiten sich öffentlich mit der besten Freundin. Insofern empfinde ich meinen Umgang mit diesem Verhalten durchaus als Empathieübung. Denn wie könnte ich meine Freundin dafür judgen, dass sie Gras raucht, während ich die Drogenvergangenheit von Miley Cyrus nicht verurteile?!
Ein anderer Grund, warum ich von Herzen ein Fangirl bin, ist, dass es um so viel mehr geht als um die prominente Person. Den "Swifties" geht es nicht ausschließlich um Taylor Swift. Es geht ihnen um die Freundschaften, die Insider, die Rituale und die Erinnerungen, die gemeinsam entstehen. Auch wenn ich meine eigene Popkultur-Prägung hinterfrage, sprechen wir trotzdem von einer Art Liebesbrief an die Fangirl-Kultur. Diese Begeisterung der jungen Menschen lässt sich übrigens auch auf die Politik und Parteien übertragen.
Wie meinen Sie das?
Parteien wären glücklich, wenn sie die Energie weiblicher Popkultur-Fans hätten. Insofern muss man sich die Frage stellen, was Parteien in Sachen Storytelling von der Popkultur lernen könnten. Zwei Parteien gehen diesen Weg bereits relativ erfolgreich – dabei sind das nicht zufällig die Parteien, die am meisten links und am meisten rechts sind. Vor allem die AfD hat eins zu eins Popkultur-Mechanismen kopiert und sich gewissermaßen Popstars in ihren eigenen Reihen herangezüchtet. Diese Entwicklung entlarve ich in meinem Buch und es ist unbequem, sich damit kritisch auseinanderzusetzen. Denn viele junge Menschen fallen auf diese Mechanismen genauso herein wie auf einen künstlich generierten Hype um einen vermeintlich neuen Star. Diese Dinge gilt es zu besprechen.