Was wir über den Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle wissen
Stand: 07.08.2026 13:56 Uhr Nach dem Fund einer Sprengstoff-Drohne am Leipziger Flughafen haben die Behörden konkrete Ermittlungsansätze. Politiker und Fachleute diskutieren über die Bewertung des Vorfalls. Fragen und Antworten im Überblick. von MDR AKTUELL Was ist am Flughafen Leipzig/Halle passiert? In der Nacht zu Mittwoch entdeckte ein Mitarbeiter auf der Start- und Landebahn "Südpiste" eine Drohne mit einer Sprengvorrichtung. Der Mann hatte großes Glück. Denn er holte das Fluggerät nach Informationen aus Sicherheitskreisen mit einem Fußtritt aus der Luft und brachte es zu Boden. Die Drohne befand sich nahe einer ukrainischen Transportmaschine vom Typ Antonow AN-124 Condor, wie ein Nato-Sprecher bestätigte. Spezialisten der Bundespolizei entschärften die Sprengvorrichtung. Nach Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" geht aus vertraulichen Behördenunterlagen hervor, dass der Sprengstoff positiv auf Nitrate getestet wurde, eine sprengfähige Substanz. Ein weiterer Test ergab demnach, dass das Paket die hochexplosiven Sprengstoffe PETN und Semtex enthielt. Diese Substanzen werden auch im Militärbereich verwendet. Medien berichten unter Berufung auf Sicherheitskreise, der Zünder sei defekt gewesen. Sachsens Innenminister Armin Schuster (CDU) wiedersprach am Donnerstagabend indes der Darstellung, dass eine der Antonow-Maschinen, neben denen die Drohne sichergestellt wurde, mit Munition beladen war. Auch in der Obleute-Runde im Bundestag mit den Abgeordneten aus den Ausschüssen Inneres und Verteidigung wurde klargestellt, dass sich keine Munition in der Maschine befunden habe. Ein mutmaßlich zweites unbekanntes Flugobjekt stieß später außerdem mit einem Frachtflugzeug zusammen. Bei der Maschine wurden nach der Landung in Hannover leichte Beschädigungen festgestellt. Nach Teilen dieser möglichen zweiten Drohne suchte die Polizei am Donnerstag. Wer oder was steckt hinter dem mutmaßlichen Anschlag? Die Hintergründe sind unklar. Die Bundesanwaltschaft hat mittlerweile die Ermittlungen übernommen. Es bestehe der Verdacht des versuchten Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und des gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr, erklärte die Karlsruher Behörde. "Es handelt sich um einen schwerwiegenden Angriff auf die Transport- und Logistikinfrastruktur in Deutschland. Damit ist die Tat geeignet, die äußere und innere Sicherheit der Bundesrepublik zu beeinträchtigen." Man habe die Ermittlungen wegen der besonderen Bedeutung des Falles von der Generalstaatsanwaltschaft Dresden übernommen. Beim Bundesamt für Verfassungsschutz beschäftigt sich zusätzlich eine Sondereinheit mit dem Vorfall, wie ein Sprecher mitteilte. "Das Bundesamt für Verfassungsschutz, das Bundeskriminalamt, die Bundespolizei und die Landessicherheitsbehörden stimmen sich aktuell im gemeinsamen Zentrum zur Abwehr Hybrider Bedrohungen ab und analysieren den Sachverhalt gemeinsam", hieß es. Sachsens Innenminister Schuster sagte dem MDR am Donnerstagabend, dass es zwei konkrete Ermittlungsansätze gebe. Die Behörden tappten nicht im Dunkeln. Details nannte er aber nicht. Das alles deutet nicht auf amateurhaftes Vorgehen hin. Alexander Dobrindt, Bundesinnenminister Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hält den Vorfall für einen Anschlag, der auf hochprofessionelle Täter zurückgeht. Dabei schließt er auch "fremde Mächte" als Drahtzieher nicht aus. Für die Durchführung brauche man ein hohes Maß an Technikerfahrung und Erfahrung im Umgang mit Sprengstoff, sagte der CSU-Politiker. Außerdem sei davon auszugehen, dass es sich um militärischen Sprengstoff handele. "Das alles deutet nicht auf amateurhaftes Vorgehen hin. Wir reden hier von einer professionellen hybriden Bedrohungslage, mit der wir uns weiter auseinandersetzen müssen", sagte Dobrindt. Gleichwohl müsse in alle Richtungen ermittelt werden. Der Grünen-Sicherheitspolitiker Konstantin von Notz sieht es als wahrscheinlich an, dass die Verantwortlichen des Vorfalls in Russland zu suchen sind. Von Notz verwies im WDR auf die Umstände des Drohnenfundes in der Nähe ukrainischer Frachtmaschinen auf dem Flughafen. Dieser gilt als Umschlagplatz auch für militärische Hilfslieferungen für die Ukraine im Krieg gegen Russland. "Da eben diese ukrainischen Maschinen an dem Flughafen stehen und genau da befindet sich eine Drohne mit Sprengstoff, dann ist es einfach ein sehr naheliegendes Szenario, dass es sich hier um eine Aktion russischer Dienste handelt", sagte von Notz. Der Sicherheitsexperte Nico Lange bezeichnete die Äußerungen des Bundesinnenministers am Donnerstagmorgen im ZDF als "einigermaßen kryptisch". Er sagte: "Ich glaube, wir kommen nicht weiter, wenn wir sagen, wir wissen nicht, was es war." Es sei bekannt, dass Russland hybrid angreife und dass Drohnen sowie Sabotage dabei eine Rolle spielten. Der Vorfall passe in das Muster. Der Vorsitzende des Parlamentarischen Gremiums zur Kontrolle der Nachrichtendienste des Bundes, Marc Henrichmann, plädierte im Gespräch bei MDR AKTUELL dafür, die Ermittlungen abzuwarten. "Das, was sich aufdrängt – jedenfalls im nachrichtendienstlichen Geschäft – muss nicht immer das sein, was am Ende als Ergebnis steht", sagte der CDU-Politiker. Wie werden die Drohnenvorfälle bewertet? Der Fund einer mit Sprengstoff ausgerüsteten Drohne auf einem deutschen Flughafen wird einhellig als ungewöhnlicher Vorfall mit einem erhöhten Sicherheitsrisiko bewertet. Bundesinnenminister Dobrindt sprach von einer "neuen Gefahrenqualität" und einem "neuen Bedrohungsszenario". Ähnlich äußerten sich Politikerinnen und Politiker anderer Parteien. Die Sicherheitsexpertin Ulrike Franke sagte MDR AKTUELL, der Fall sei aus mehreren Gründen ungewöhnlich. "Das ist eine große Eskalation", sagte Franke mit Blick auf den Sprengstofffund. " Das hat eine neue Qualität und ist wirklich sehr besorgniserregend." Der Dresdner Luftverkehrsexperte Hartmut Fricke sprach ebenfalls von einer neuen Dimension der Bedrohung für kritische Infrastruktur. Anders als bei bisherigen Drohnenvorfällen gehe es nicht mehr allein um die Gefahr einer Kollision mit einem Flugzeug oder Schäden durch die Drohne selbst. Eine Sprengvorrichtung erhöhe das Gefahrenpotenzial erheblich, sagte der Professor für Technologie und Logistik des Luftverkehrs an der TU Dresden der Deutschen Presse-Agentur. Was unternimmt die Bundesregierung? Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat am Freitag mit Teilen der Bundesregierung über den mutmaßlichen Anschlagsversuch beraten. Der Nationale Sicherheitsrat habe sich unter dem Vorsitz des Kanzlers telefonisch "zu dem Ereignis am Flughafen Leipzig/Halle am 4. August 2026 ausgetauscht", teilte Regierungssprecher Steffen Kornelius in Berlin mit. Der Kanzler stehe dazu in fortwährendem Austausch mit Innenminister Dobrindt. Wie ist die Lage am Flughafen Leipzig/Halle am Donnerstag? Der Flugverkehr lief seit dem Donnerstagvormittag wieder ohne Einschränkungen. Die Suche nach der zweiten mutmaßlichen Drohne wurde fortgesetzt. Es gab aber keine Meldungen über einen Fund. Offenbar aufgrund der Suche standen am Donnerstag in der Nähe der "Nordpiste" zwischenzeitlich etwa 20 Einsatzwagen der Polizei. Auf dieser nördlichen Bahn gab es daher zeitweise keinen Flugverkehr. Wie ist der Flughafen vor (weiteren) Drohnenangriffen geschützt? Die Bundespolizei brachte noch am Mittwochabend Drohnenabwehrtechnik zum Flughafen, wie ein Sprecher MDR Sachsen-Anhalt am Donnerstagmorgen bestätigte. Weitere Details wurden nicht genannt. Ob es am Flughafen Leipzig/Halle vorher schon Abwehrtechnik gab, wollte der Sprecher aus taktischen Gründen nicht sagen. Die "Leipziger Volkszeitung" berichtete am Donnerstag allerdings, dass der Flughafen Leipzig/Halle bislang noch über kein System zur Drohnenerkennung verfüge. Es sei aber geplant, das bis Jahresende zu ändern und den Airport mit entsprechender Technik auszustatten. Angeschafft werden sollten dem Bericht zufolge Drohnendetektoren, Radarsysteme, Kameras sowie KI-gestützte Sensorik. MDR/dpa/AFP (ala)