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Wasserspiele statt Überschwemmung: Hamburg auf dem Weg zur Schwammstadt

Nation

Stand: 08.08.2026 07:12 Uhr Starkregen, überflutete Straßen und Keller, überhitzte Straßenschluchten - das ist vor allem in Städten wie Hamburg ein Problem. Viele Projekte und Akteure sollen nach dem sogenannten Schwammstadt-Prinzip für eine nachhaltigere Regennutzung und ein besseres Mikroklima sorgen. von Sonja Puhl Ortstermin in Hamburg-Neugraben - auf Deutschlands erstem Regenspielplatz "Biberland". Seinen Namen hat das Areal vor 13 Jahren bekommen, weil überschüssiges Regenwasser kontrolliert umgeleitet und gezielt zum Spielen genutzt wird. An diesem heißen Sommertag - einem von vielen in Folge - müssen sich die Kinder hier allerdings mit Grundwasser begnügen, das sie mit einer Archimedischen Schraube zum Matschen nach oben fördern. Das "Biberland" ist eines von Dutzenden Projekten, die Hamburg zur Schwammstadt machen sollen. In einer funktionierenden Schwammstadt sorgen viele Wasserreservoirs, begrünte Dächer und Fassaden und entsiegelte Flächen dafür, dass Regenwasser besser gespeichert wird - wie in einem Schwamm - und die Städte sich dadurch auch weniger stark erhitzen. Regenwasser speichern und zum Spielen nutzen - eine Win-win-Situation "Die coolsten Projekte sind für mich die, wo Flächen doppelt genutzt werden und plötzlich eine ganz andere Funktion haben", sagt Ole Braukmann von Hamburg Wasser, dem städtischen Wasserunternehmen, im Gespräch mit NDR Info. "Ich finde es faszinierend, dass man mit relativ einfachen Schritten so eine Doppelnutzung ermöglicht." Geboren wurde die Idee für den Regenspielplatz im Fischbeker Holtweg eigentlich aus der Not heraus. Das Gebiet wurde damals regelmäßig überflutet. Seit dem Umbau strömt das Regenwasser in ein Bachbett aus Klinkern und fließt letztlich kontrolliert gedrosselt ins angrenzende Brunnenschutzgebiet. Auf dem ohnehin vom Bezirk geplanten Spielplatz entstanden ein Sickerbecken und eine Regenwassermulde. Entlang dieser gibt es spezielle Spielgeräte, an denen Kinder mit dem Wasser spielen können. "Es war für uns deutlich kostengünstiger, das Wasser auf diesem Wege abzuleiten und zur Versickerung zu bringen, als den gesamten Abschnitt in der Kanalisation neu und größer bauen zu müssen", berichtet Braukmann. Nebenbei sei das dann auch "gebührendämpfend" gewesen. "Wir sparen Kosten im Ausbau des Systems, wir haben ein besseres Mikroklima, wir schaffen mehr Grundwasserneubildung - und wir schützen unsere Gewässer und letztendlich auch unsere Gebäude." An vielen Stellen in der Stadt gibt es nämlich sogenannte Mischsysteme: Schmutzwasser aus Haushalten und Industrie sowie Regenwasser werden dabei in einer einzigen Rohrleitung zusammen zur Kläranlage abgeleitet. Reicht bei starkem Regen die Kanalisation nicht aus, droht mit Fäkalien und anderen Schadstoffen belastetes Mischwasser aus dem Abwasserkanal in die Gewässer wie Alster, Elbe und die Kanäle zu fließen. Das beeinträchtigt die Gewässerqualität und kann im Extremfall zur Folge haben. Hamburg als Schwammstadt - eher ein "Zukunftsbild" Um Schwammstadt-Maßnahmen zu bündeln, haben Hamburg Wasser und die Umweltbehörde 2009 die Initiative RegenInfraStrukturAnpassung (RISA) ins Leben gerufen. "Wir versuchen, in der Stadt viele Akteure zu dem Thema zu vernetzen", sagt Sonja Schlipf von Hamburg Wasser im Interview mit NDR Info. Sie schränkt aber ein: "Ich würde mich nicht trauen, Hamburg jetzt schon als Schwammstadt zu bezeichnen. Obwohl wir schon viele Elemente der Schwammstadt haben." So finden sich auf der Internetseite von RISA mehr als 30 Vorzeigeprojekte. Grüne Schulhöfe: Schüler müssen weniger "in der Hitze braten" Immer mehr Menschen würden auch bei der Planung neuer Quartiere das Thema mitdenken, freut sich die Ingenieurin. Inzwischen sei es Pflicht, Regenentwässerungskonzepte in der Bauplanung zu berücksichtigen. Ähnliche Standards würden auch bei Sanierungen gelten. Manche Projekte gibt es sogar schon länger als RISA. So habe man beim Wohnquartier Trabrennbahn in Farmsen damals schon Wasser als Gestaltungselement mitgedacht. "Das ist wirklich ein tolles Gebiet", schwärmt Schlipf. Im Bereich der Schulen und Schulhofsanierungen hebt sie das Albrecht-Thaer-Gymnasium in Stellingen hervor. "Es ist toll, wenn wir daran mitwirken können, Schulhöfe so umbauen zu können, dass sie grüner werden und weniger asphaltiert sind. Durch diese Entsiegelung bekommen wir ein angenehmeres Klima auf den Schulhöfen und die Schülerinnen und Schüler müssen dann nicht mehr so sehr in der Hitze braten." Bepflanzte Fassaden und Gründach bei DESY Weniger schwitzen müssen auch einige Mitarbeitende bei DESY in Bahrenfeld. In dem Forschungszentrum für naturwissenschaftliche Grundlagenforschung setzen sie auf begrünte Dächer und Fassaden. Die Raumtemperatur in der Grünen Halle 36 hat sich durch die Bepflanzung abgekühlt. Der Kühlungseffekt wird bei DESY wissenschaftlich untersucht. Ein gutes Beispiel, wie man Gebäude auch ohne Klimaanlage kühler halten kann - energieeffizient und klimafreundlich. "Das ist ein sehr großes Vorzeigeprojekt - mitfinanziert von der Umweltbehörde. Fassadenbegrünung in der Größe gibt es in der Form relativ selten noch in Hamburg", erzählt Schwammstadtexpertin Schlipf. Das gigantisches Gründach bei DESY ist ebenfalls ein guter Regenspeicher und damit ein wichtiges Schwammstadt-Element. Der Rand des Daches ist mit Gittersteinen bestückt, das überschüssige Regenwasser wird in Regenrinnen geleitet. Ein Grünwasserring verbindet mehrere Teiche und Becken auf dem Gelände. So gibt es auch viel Wasser, um die Pflanzen auf dem Gelände zu gießen. Das große Gründach zeige aber auch die Grenzen auf, erklärt Ingenieurin Schlipf: Die Statik erlaube kein sogenanntes Retentionsgründach mit einer dickeren Schicht, das noch mehr Regenwasser speichern könnte. Wohnungs- und Straßenbau bremsen Entsiegelung aus Durch Beton, Asphalt oder Pflaster zugebaute und damit versiegelte Flächen, wo Regenwasser nicht versickern kann, wirken dem Schwammstadt-Prinzip entgegen. Doch in einer Metropole wie Hamburg, in der Wohnungen neu gebaut werden müssen, Straßen unverzichtbar sind, nimmt Bodenversiegelung stetig zu. Umso wichtiger sei es, dort Flächen zu entsiegeln, wo es möglich ist, betont die studierte Stadtplanerin Schlipf und erinnert an den Abpflasterwettbewerb, den die Umweltbehörde ins Leben gerufen hat. Einzelne Stadtteile sollen dort gegeneinander antreten, Grundstückeigentümer ihre Flächen melden, die sie entsiegelt haben. An der Umsetzung hapert es allerdings bislang. Das Wissen ist also da, es in die Tat umzusetzen, ist dagegen noch ein weiter Weg. Kopenhagen nennt sich bereits Schwammstadt Weiter ist man da in Kopenhagen. Ein verheerender Wolkenbruch im Juli 2011 mit immensen Schäden hat zu Umdenken geführt: Parks und Innenhöfe werden seitdem zu großen Reservoirs umgebaut - sie behalten ihren ursprünglichen Nutzen aber bei. In der dänischen Hauptstadt wird ein kleiner Teil der Maßnahmen über Steuern finanziert, der größte über die Abgaben der Haushalte an die Wasserversorger. Das Prinzip zieht sich durch die mittlerweile mehr als 300 Projekte des Kopenhagener "Wolkenbruch-Plans". Katastrophen wie die Ahrtal-Flut befördern Umdenken Bislang ist Norddeutschland von solchen Starkregen-Katastrophen verschont geblieben. Doch durch Ereignisse wie die Ahrtal-Flut vor fünf Jahren mit mehr als 180 Toten und Schäden in Milliardenhöhe hat auch in Deutschland das Bewusstsein zugenommen, sich in Zeiten fortschreitenden Klimawandels einerseits gegen solche Naturkatastrophen zu wappnen und andererseits Regenwasser als wichtige Ressource zu speichern. Viele Maßnahmen müssen ineinandergreifen Das Schwammstadt-Prinzip allein dürfte allerdings kaum ausreichen, um allen Auswirkungen des Klimawandels entgegenzuwirken. So sind nicht überall in der Stadt riesige Regenwasserreservoirs möglich - und bezahlbar. "Es ist nicht sinnvoll, diese tief liegenden, sehr teuren Infrastrukturen an jedem Ort in Hamburg oder einer Großstadt vorzuhalten", sagt Braukmann. Neben der finanziellen Belastung "sei man ja auch im Erdreich nicht allein unterwegs" und er weist auf den Platzbedarf etwa für Telekommunikationsleitungen und U-Bahntunnel hin. Trotzdem hätten große Rückhaltebecken eine wichtige Funktion. Einige davon gebe es in Hamburg schon. "Jetzt gilt es, diese Systeme der grauen Kanalisation durch grüne zu ergänzen." Und zur "grünen Kanalisation" gehören eben auch all die kleineren und größeren begrünten Dächer und abgepflasterten Flächen - und der Regenspielplatz in Neugraben-Fischbek.

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