Welche Form ist die beste bei Mangel?
Leserfrage: Es gibt verschiedene chemische Formen von Vitamin B12, die man als Nahrungsergänzungsmittel einnehmen kann. Gibt es Formen, die besser wirksam sind als andere?
Unser Körper kann Vitamin B12 nicht selbst herstellen, wir müssen es über die Nahrung zu uns nehmen. Fehlt es an dem Vitamin, kann das beispielsweise die Funktion der Nerven und die Blutbildung beeinträchtigen. Ein Mangel kann sich unter anderem in Müdigkeit, Gedächtnisproblemen und psychischen Beschwerden wie depressiver Verstimmung oder Angstzuständen zeigen. In schweren Fällen sind auch Kurzatmigkeit und Schwindel möglich.
Verlässliche Zahlen darüber, wie viele Menschen einen Mangel an Vitamin B12 haben, gibt es nicht. Klar ist aber: In ausreichender Menge für den Menschen ist das Vitamin nur in tierischen Lebensmitteln vorhanden. «Wer sich vegan ernährt, sollte deshalb Vitamin-B12-Supplemente einnehmen», sagt Matthias Baumgartner, Professor an der Universität Zürich und Stoffwechselspezialist – mit einem Schwerpunkt auf Vitamin B12.
Veränderungen im Alter
Nicht nur bei einer veganen Ernährung, auch im Alter tritt ein B12-Mangel häufiger auf. Ältere Personen können das Vitamin zum Teil weniger gut aus der Nahrung aufnehmen. Denn bisweilen ist im Alter die Produktion von Magensäure vermindert. Diese ist notwendig, um das Vitamin aus der Nahrung freizusetzen. Andere haben ähnliche Probleme, weil sie Säureblocker einnehmen. Entzündungen der Magenschleimhaut, beispielsweise im Rahmen einer Autoimmunkrankheit, können wiederum die Bildung eines bestimmten Proteins verringern, das für die Aufnahme von B12 im Darm notwendig ist. Auch das kann zu Mangelerscheinungen führen. Auch bei Menschen mit Zöliakie oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen kann es zu solchen Problemen kommen, weil die Resorption des Stoffes im Darm behindert ist. Sie sollten ihren B12-Spiegel im Blut gelegentlich überprüfen lassen.
Liegen solche Probleme im Verdauungstrakt vor, kann das Vitamin bei einem Mangel nicht wie üblich in Form von Tabletten substituiert werden. Dann kann man die Substanz in die Muskeln oder unter die Haut spritzen.
In Ausnahmefällen auf die Form achten
Chemisch kann Vitamin B12 vier Formen annehmen: Methylcobalamin, Cyanocobalamin, Hydroxocobalamin und Adenosylcobalamin. Nahrungsergänzungsmittel, die man als Tabletten einnimmt, enthalten meist die Form Cyanocobalamin, weil diese stabil und günstig in der Herstellung ist.
«Grundsätzlich spielt es aber keine Rolle, in welcher chemischen Form man Vitamin B12 als Supplement zu sich nimmt», sagt der Stoffwechselexperte Baumgartner. Die vier Formen bestehen aus dem eigentlichen Vitamin B12 namens Cobalamin und daran angehängten chemischen Gruppen mit anderen Molekülen. Mit der Nahrung werden die verschiedenen Formen übrigens an Proteine gekoppelt aufgenommen. Die Proteine werden im Magen-Darm-Trakt abgespalten, und der Rest, zum Beispiel Hydroxo- oder Methylcobalamin, wird an andere Proteine gekoppelt. So werden die Stoffe in die Zellen befördert, wo das Vitamin benötigt wird. Egal, welche Form von Vitamin B12 wir aufnehmen, in den Zellen wird sie in eine der beiden bioaktiven Formen verwandelt, welche die Zelle verarbeiten kann – das sind Methyl- oder Adenosylcobalamin.
Manchmal ist die Behauptung zu hören, es sei wirksamer, Vitamin B12 direkt in der bioaktiven Form als Supplement zu sich zu nehmen. «Es gibt aber keine wissenschaftliche Evidenz, dass eine der vier chemischen Formen von B12 als Supplement wirksamer und damit zu bevorzugen ist», sagt Baumgartner.
Fehlalarm in sozialen Netzwerken
Bei einer seltenen angeborenen Stoffwechselstörung nötig – der Cobalamin-C-Krankheit – nimmt man das Vitamin aber tatsächlich in einer bestimmten Form auf. Dabei fehlt es den Betroffenen an einem Enzym in den Zellen, das Cobalamin in die bioaktive Form umwandelt. Diese Personen sind meist von Geburt an schwer krank. Ihnen hilft nur, das Vitamin in hoher Dosis in die Muskeln zu spritzen – und zwar meist in der Form von Hydroxocobalamin. Auch bei anderen Stoffwechselkrankheiten wird in der Regel diese Form von B12 verwendet. «Einen speziellen Grund dafür gibt es allerdings nicht, es hat sich einfach so eingebürgert. Mir ist keine wissenschaftliche Evidenz bekannt, dass Hydroxocobalamin besser wirksam ist», sagt Baumgartner.
Eine weitere Behauptung, die bisweilen in sozialen Netzwerken zu finden ist, warnt vor einer vermeintlich giftigen chemischen Form des Vitamins: Cyanocobalamin. Und zwar, weil das Cobalamin eine Cyanidgruppe enthält. Freies Cyanid ist etwa in der Form von Blausäure tatsächlich giftig. Bei der Verarbeitung von Cyanocobalamin im Körper wird es aber nur in sehr kleinen Mengen freigesetzt. Die Menge ist viel zu gering, um schädliche Auswirkungen zu haben, und wird über die Nieren ausgeschieden. Es gibt aber ein paar wenige Gruppen, die kein Cyanocobalamin vertragen. Zum Beispiel sollten Personen mit einer schweren Niereninsuffizienz eine andere chemische Form von Vitamin B12 zu sich nehmen.
Abgesehen von den erwähnten Ausnahmen gibt es somit keinen Grund, bei einem B12-Mangel auf die chemische Form des Vitamins zu achten.
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