Weltraumspiegel soll die Nacht erhellen - für mehr Leistung von PV und Landwirtschaft
Die Nacht zum Tage machen. Nicht weniger will ein amerikanisches Unternehmen ernsthaft angehen. Bislang war das eher ein Thema für einen Science-Fiction-Roman, jetzt könnte es soweit sein. Anfang Juli hat die amerikanische Behörde FCC (Federal Communications Commission) grünes Licht für ein Pilotprojekt des kalifornischen Unternehmens Reflect Orbital erteilt. Nun kann die Firma einen Spiegel im Weltall aufstellen, um Sonnenlicht auf die Erde zu reflektieren. Doch während Befürworter vor allem Chancen sehen, fürchten Kritiker die Folgen für Mensch und Natur, wenn die Nacht nicht mehr von Dunkelheit regiert wird. Für den Test des Prinzips will das Unternehmen zunächst einen Satelliten ins All schicken. Er soll in 625 km Höhe einen Spiegel aus einer dünnen Folie ausrollen, Sonnenlicht einfangen und auf die Erde lenken. Das Projekt heißt bezeichnenderweise Eärendil-1 nach dem Halbelfen aus der Herr-der-Ringe-Welt. Eärendil kämpfte gegen den dunklen Herrscher Morgoth und machte später Karriere als Abendstern. Der gleichnamige Satellit soll beweisen, ob das Prinzip überhaupt funktioniert. Der Spiegel wird 18 m groß sein und laut Unternehmen zunächst lediglich eine Intensität von 0,1 Lux für fünf Minuten auf die Erde werfen. Der Wert Lux misst, wie hell es auf einer angestrahlten Oberfläche ist. Der Wert sinkt, je weiter die Fläche von der Lichtquelle entfernt ist. Zum Vergleich: Der Vollmond bringt 0,25 Lux, ein Sommertag 100.000 Lux. Dabei sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt, wo man so ein Licht einsetzen könnte. Reflect Orbital verspricht auf diese Weise, Solaranlagen nach Sonnenuntergang länger mit Licht versorgen zu können. Aber auch für Rettungsmaßnahmen oder auch eine Intensivierung der Landwirtschaft seien denkbar. Der Lichtkreis wäre 5 km im Durchmesser und größer. Für 2026 sind laut Unternehmen zwei Satelliten geplant, die zeigen, ob das Projekt machbar ist. 2027 will man 36 Satelliten platzieren und bis 2023 sogar 50.000 Satelliten. Das wirft mehrere Fragen auf: Zum einen geht es im erdnahen Weltraum schon heute zu wie im Sommerschlussverkauf; schätzungsweise 10.000 aktive Satelliten umkreisen die Erde. Plus inaktive und anderer Weltraummüll. Zum anderen fürchten Wissenschaftler die Folgen, wenn die Nacht im großen Stil zum Tage gemacht wird. Die American Astronomical Society (AAS) verweist auf Folgen für die astronomische Forschung. Zudem könnten Tag-Nacht-Rhythmen in Ökosystemen in Mitleidenschaft gezogen werden. Auch ist denkbar, dass Piloten geblendet würden. Das Unternehmen selbst wiegelt ab. „Wir können sensible Bereiche wie Forschungsobservatorien oder geschützte Lebensräume gezielt meiden. Das Licht ist nicht hell genug, um Brände zu verursachen oder die Augen zu schädigen – selbst bei Betrachtung durch ein Teleskop –, und es lässt sich nicht so stark bündeln, dass die maximale natürliche Sonneneinstrahlung überschritten wird“, schreibt es auf seiner Homepage. Auch für die Landwirtschaft ist bei näherer Betrachtung nur wenig drin: Zwar könnten Pflanzen nach Sonnenuntergang noch für kurze Zeit zusätzliches Licht erhalten. Allerdings wäre die Wirkung bei der aktuell geplanten Lichtstärke von 0,1 Lux praktisch vernachlässigbar. Für ein nennenswertes Pflanzenwachstum wären mehrere Tausend Lux erforderlich. Anders ist es bei Arbeiten auf dem Feld. Kurzzeitige Beleuchtung könnte Ernte- oder Rettungseinsätze in der Nacht erleichtern, ohne dass große mobile Lichtanlagen benötigt werden. Das gilt ähnlich für Drohnenflüge oder Inspektionen, die nach Unwettern angesagt wären. Aber dem stehen auch hier Nachteile gegenüber: So könnte der Tag-Nacht-Rhythmus der Pflanzen gestört werden. Viele Kulturpflanzen orientieren sich nicht nur an der Lichtmenge, sondern auch an der Länge von Tag und Nacht. Künstliche Beleuchtung kann Blüte, Keimung oder Reife beeinflussen. Nachtaktive Bestäuber und andere Insekten reagieren empfindlich auf Licht. Zusätzliche Lichtquellen könnten ihr Verhalten verändern und damit indirekt auch Erträge beeinflussen. So ein plötzliches Licht in der Nacht kann auch Nutztiere stressen. Kühe, Geflügel oder Schafe besitzen ebenfalls einen natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus. Wiederkehrende künstliche Beleuchtung könnte diesen stören. Jetzt muss es erst einmal funktionieren. Zudem ist noch gar nicht sicher, ob sich der Aufwand auch wirtschaftlich lohnt. Mitunter verschwindet der Abendstern wieder in der Nacht. Es gab bereits in der Vergangenheit Projekte, die ein ähnliches Ziel verfolgten. Das russische Raumfahrtunternehmen RSC Energia entfaltete 1993 einen 20 Meter großen Mylar-Spiegel. Dieser reflektierte Sonnenlicht auf die Erde und erzeugte einen 5 km breiten Lichtfleck mit ungefähr der Helligkeit des Vollmonds. Der Lichtkegel zog allerdings mit Orbitalgeschwindigkeit über Europa hinweg und war an einem Ort nur wenige Sekunden sichtbar. Das Experiment bewies zumindest, dass das physikalische Prinzip grundsätzlich funktioniert. 2018 sorgte die chinesische Stadt Chengdu mit Plänen für einen „künstlichen Mond“ für Schlagzeilen. Dabei sollte ein Satellit die Straßenbeleuchtung teilweise ersetzen. Das Projekt kam jedoch nie über die Konzeptphase hinaus und wurde nicht umgesetzt.