Weniger Einnahmen nötig: Neue HIV-Tablette schafft Erleichterung für Patienten
Für Menschen mit einer HIV-Infektion könnte die tägliche Medikamenteneinnahme bald der Vergangenheit angehören. Eine neue Pille muss nur noch einmal wöchentlich geschluckt werden. Experten sprechen von einer "großartigen Entwicklung". Ein neues HIV-Präparat könnte Patienten in der Zukunft das Leben erleichtern: In einer Zulassungsstudie erwies sich eine wöchentliche Einnahme dieser Tablette als ebenso wirksam wie eine gängige Therapie, die eine tägliche Einnahme erfordert. Untersucht wurde die Kombination der beiden Wirkstoffe Islatravir und Lenacapavir bei Erwachsenen, deren HIV-Infektion bereits gut unter Kontrolle war. An der internationalen Studie nahmen mehr als 600 Patienten in zwölf Ländern teil. Sie erhielten nach dem Losprinzip entweder die wöchentlich einzunehmende Tablette mit den beiden Wirkstoffen oder aber eine täglich zu nehmende Pille mit der Dreierkombination aus Bictegravir, Emtricitabin und Tenofoviralafenamid, die die Teilnehmer zuvor schon genommen hatten. Generell soll die Kombination verschiedener Wirkstoffgruppen verhindern, dass das HI-Virus Resistenzen entwickelt. "Ein sehr wichtiges Ziel" Da die Studie doppelverblindet war, nahmen alle Teilnehmer zusätzlich Placebopräparate ein. Nach 48 Wochen waren die Resultate in beiden Gruppen ähnlich, wie das Team um Jürgen Rockstroh von der Uniklinik Bonn im "New England Journal of Medicine" berichtet. In beiden Gruppen blieb die Viruslast bei 93 Prozent der Patienten unterdrückt. Ebenso wichtig: Mit dem neuen Präparat trat bei keinem Teilnehmer ein virologisches Versagen auf. "Es gab keine Resistenzentwicklung", erläutert Erstautor Jürgen Rockstroh, der die Resultate auf der Welt-Aids-Konferenz in Rio de Janeiro vortrug. "Das ist ein sehr wichtiges Ziel." Die Abbruchrate war in beiden Gruppen mit 5 und 6 Teilnehmern ebenfalls vergleichbar, ebenso die Rate an schweren Nebenwirkungen, die jeweils bei rund 5 Prozent lag. Einmal wöchentlich statt anfangs dreimal täglich genommen Finanziert wurde die Studie von den Pharmaunternehmen Gilead Sciences und Merck Sharp & Dohme LLC (MSD), den Herstellern der beiden Wirkstoffe. Rockstroh erwartet, dass die Zulassung des Präparats zunächst in den USA beantragt wird und erst später in Europa. In den USA könnte das Präparat - im Falle einer Zulassung - möglicherweise in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres auf den Markt kommen. Jenen Menschen, die nicht jeden Tag eine Tablette einnehmen wollten, könne das neue Präparat eine spürbare Erleichterung bringen, sagt Rockstroh. Er erinnert daran, dass bei der Einführung der antiviralen Kombinationstherapie im Jahr 1996 HIV-Medikamente noch dreimal täglich eingenommen werden mussten. Depotspritzen bereits seit Längerem Norbert Brockmeyer, Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft - Gesellschaft zur Förderung der Sexuellen Gesundheit, spricht von einer sehr positiven Entwicklung. Zwar seien Depotspritzen zugelassen, die entweder jeden Monat, alle zwei Monate oder alle sechs Monate intramuskulär oder subkutan injiziert werden müssten, sagt der Experte. "Aber für alle, die lieber eine Tablette einnehmen, ist die neue Entwicklung großartig." Betroffene müssten nicht täglich an die Einnahme denken und auch nicht ständig an ihre HIV-Infektion erinnert werden. Brockmeyer geht davon aus, dass das nun getestete Präparat zugelassen wird. Der Wirkstoff Lenacapavir, der erstmals 2022 in Europa zugelassen wurde, gehört zur relativ neuen Klasse der sogenannten Kapsid-Inhibitoren. Islatravir zählt zu den sogenannten NRTTI (Nukleosidischer Reverse-Transkriptase-Translokations-Inhibitoren).