Wenn das Leben zur Last wird
Die Philosophin Marina Christodoulou hat eine Theorie entwickelt, die in der Fachwelt großes Interesse ausgelöst hat. Ihre These lautet: Wir sind nicht einfach nur müde und ausgebrannt. Wir sind müde vom Sein, erschöpft von der Welt, in der wir heute leben. Und sie fragt: Kann das Sein selbst, kann die Natur erschöpft sein? In einer Sonderausgabe des Fachjournals "Angelaki" beschreibt die Philosophin Marina Christodoulou von der Constructor University in Bremen ihr Konzept der ontologisch-existenziellen Erschöpfung. Was akademisch klingt, beschreibt eine Realität, in der sich viele Menschen wiedererkennen: eine Erschöpfung, die weit über körperliche Müdigkeit und selbst über Burn-out hinausgeht. Können Sie anhand einer Alltagsszene beschreiben, was Sie mit "ontologisch-existenzieller Erschöpfung" meinen? Marina Christodoulou: Stellen Sie sich jemanden vor, der nach der Arbeit am Küchentisch sitzt – nicht nur zu müde, um zu kochen oder Nachrichten zu beantworten, sondern unfähig zu erkennen, warum diese ganze Routine morgen wieder von vorn beginnen soll. Es ist nicht einfach körperliche Müdigkeit. Es ist das Gefühl, dass die Welt selbst zu schwer geworden ist, um wieder in sie einzutreten. Man will nicht – oder besser: Man kann nicht – die Energie aufbringen, dieses Leben weiterzuleben. Das Leben wird zur Last, aber nicht nur in einem suizidalen Sinn. Es bedeutet keineswegs zwangsläufig, dass jemand sterben oder gar nicht mehr leben will. Diese Person will leben, nur nicht auf diese Weise, nicht in dieser bestimmten Lebensform. Doch diese Erschöpfung weitet sich auf das Sein im Allgemeinen aus: Wenn das Sein so beschaffen ist, dann macht es mich zu müde, dann ist es zu ermüdend. Klingt, als bräuchte jemand dringend einen langen Urlaub. Ein Urlaub kann bei gewöhnlicher Müdigkeit helfen. Ontologisch-existenzielle Erschöpfung reicht tiefer: Es ist das Gefühl, dass Erholung das eigentliche Problem nicht wirklich berühren wird, weil das Problem nicht nur in einem Mangel an Energie liegt, sondern in der Art und Weise, wie Leben, Arbeit, Identität und Welt erfahren werden. Ist das, was Sie als Unterschied zwischen being tired und tired of being beschreiben? Being tired bedeutet: Ich bin müde, und ich brauche Schlaf, Ruhe, Hilfe oder eine Pause. Tired of being bedeutet: Ich bin müde davon, diese Person sein zu müssen, in dieser Welt, mit diesen Anforderungen, mit diesem besonderen Leben, auf diese bestimmte Weise zu sein – und damit auch vom Sein im Allgemeinen, wenn das Sein genau daraus besteht. Es ist nicht nur Müdigkeit im Leben, sondern Müdigkeit am Leben oder am Sein überhaupt. Das kann eines von zwei Dingen bedeuten, meistens aber beides: Erschöpfung vom Sein – exhaustion with being – und Erschöpfung des Seins – exhaustion of being. Terminologie auf Deutsch und Englisch Being tired: Müde sein Tired of being: Müde vom Sein Ontological-Existential Exhaustion: Ontologische existentielle Erschöpfung Exhaustion/Exhausted of being as being: Erschöpft sein vom Sein als Seiende Exhaustion/Exhausted with being: Erschöpfung vom Dasein Exhaustion/Exhausted of being: Erschöpfung des Seins Was würden Sie Lesern sagen, die denken: "Ja, genau so fühle ich mich – aber ich hatte bislang keine Sprache dafür"? Dieses Gefühl zu benennen, löst es nicht, aber es kann Einsamkeit und Scham verringern. Es kann jemandem helfen, zu fragen: Ist das nur meine Schwäche oder gibt es etwas in meiner Welt, das das Leben unlebbar erscheinen lässt? Sie beschränken Ihr Konzept nicht auf das Individuum. Eine weitere Frage, die hier ebenfalls ontologisch ist, lautet nicht nur, ob wir vom Sein erschöpft sind, sondern auch, ob das Sein im Allgemeinen – also das, was existiert, einschließlich allen Lebens – selbst erschöpft oder ausgelaugt werden kann. Ob diese Lebenskraft oder dieser Lebensantrieb einen Erschöpfungspunkt erreichen kann, an dem nichts mehr davon übrig ist. Was bedeutet ontologisch? "Ontologisch" bezeichnet in der Philosophie die Betrachtungsweise, die nach dem eigentlichen Sein oder Wesen einer Sache fragt – nicht danach, wie sie erscheint, benutzt oder beschrieben wird, sondern was sie grundlegend ist. Das hat auch ökologische Implikationen: Können Arten aussterben, weil ihre Lebenskraft erschöpft ist? Was geschieht mit der Erschöpfung der Natur inmitten der ökologischen Krise und der Klimakrise? Können wir die Natur am Ende erschöpfen? Was würde dann mit uns und mit anderen Lebewesen geschehen? Können wir auch Tiere erschöpfen und sie bis zum Aussterben treiben? Es ist also nicht nur eine Frage, die den Menschen betrifft, sondern sie betrifft auch Natur, Tiere sowie abstraktere Dinge wie Ideen und Ideologien. Ich denke und schreibe außerdem, dass das, was wir gegenwärtig als das Unbehagen unserer Zivilisationen sehen – um Freuds Formulierung aufzugreifen –, also Gewalt, Extremismus, Gleichgültigkeit und Ähnliches, alles Folgen von Erschöpfung sind. Deshalb ist es dringend, Erschöpfung zu erkennen und dann zu versuchen, etwas dagegen zu tun, denn sie ist die Wurzel oder eine der wichtigsten Wurzeln all der Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft. Warum reicht es nicht, einfach von Burn-out, Erschöpfung oder Krisenmüdigkeit zu sprechen? Diese Wörter sind nützlich, aber sie bleiben oft an der Oberfläche. Burn-out verweist meist auf Arbeit. Krisenmüdigkeit verweist auf zu viele schlechte Nachrichten. Ontologisch-existenzielle Erschöpfung stellt eine tiefere Frage: Was geschieht, wenn bereits die Anstrengung, zu existieren, erschöpft wirkt? Wenn wir diese Anstrengung nicht mehr aufbringen können, wenn also unsere Fähigkeit, uns anzustrengen, erschöpft oder ausgelaugt ist. Sie schreiben, dass Erschöpfung heute auch kulturell, politisch und ökologisch sei. Was genau ist an unserer Gegenwart erschöpfend? Und was ist daran anders als früher? Menschen waren immer müde. Das Besondere an der Gegenwart ist die Kombination aus Geschwindigkeit, Unsicherheit, Selbstoptimierung, permanenter Sichtbarkeit, ökologischer Angst, politischer Wut und der Forderung, weiter zu funktionieren, als würde nichts zerbrechen. Frühere Gesellschaften kannten Not und Härte; unsere Gesellschaft fügt oft das Gefühl hinzu, dass alles dringend ist, sich aber nichts wirklich verändert. Welche Rolle spielen Smartphones, soziale Medien und Künstliche Intelligenz – machen sie nur müde oder verändern sie unser Verhältnis zur Welt? Smartphones, soziale Medien und Künstliche Intelligenz tun beides: Sie ermüden uns durch ständige Nachrichten, Vergleiche, Ablenkung und den Druck, reagieren zu müssen. Aber sie verändern auch, wie die Welt erscheint: Das Leben wird zu etwas, das überwacht, dargestellt, optimiert, vorhergesagt und als Wettbewerb verstanden wird. KI kann helfen, aber sie kann auch das Gefühl verstärken, dass selbst Denken, Arbeiten und schöpferisches Tun schneller werden müssen. Viele Menschen würden sagen: Erschöpft sind wir, weil wir zu viel arbeiten, zu wenig schlafen und zu viele schlechte Nachrichten bekommen. Würden Sie sagen: Das stimmt? Das sind reale Ursachen und sie sollten nicht abgetan werden. Aber sie erklären nicht vollständig, warum viele Menschen sich schon müde fühlen, bevor sie überhaupt begonnen haben, oder warum Erholung sie nicht immer wiederherstellt. Das tiefere Problem ist eine beschädigte Beziehung zum Leben, zu Sinn und zu Möglichkeit. Es geht also um eine Erschöpfung vom Sein oder vom Leben in einem stärker existenziellen und ontologischen Sinn. Ontologie ist die Lehre vom Sein; deshalb spreche ich von "ontologischer Erschöpfung". Welche Rolle spielt das Gefühl, dass Veränderung nicht mehr möglich ist? Wut kann Energie freisetzen, wenn Menschen glauben, dass Handeln etwas bewirkt. Sie nährt auch Empörung und Empörung ist eine notwendige Bedingung für "Revolution" und für den Wunsch nach Veränderung. Deshalb schrieb Stéphane Hessel sein berühmtes Manifest, das zum Handeln aufrief und viele Indignados in verschiedenen Ländern inspirierte: "Indignez-vous!" (2010), auf Deutsch: "Empört Euch!" Doch wenn sich Ungerechtigkeit wiederholt und nichts in Bewegung zu kommen scheint, verwandelt sich Wut in Resignation. Man fühlt sich dann nicht nur müde, sondern gefangen. Aus Empörung wird Resignation? Empörung beginnt als moralische Reaktion: "Das ist falsch." Aber wenn diese Reaktion ignoriert, verspottet, vermarktet oder endlos wiederholt wird, ohne dass sich etwas ändert, beginnt sie nach innen zusammenzufallen. Die Person sieht das Unrecht noch immer, glaubt aber nicht mehr, dass eine Antwort möglich ist. Dort beginnt Resignation. Ist die Erschöpfung der Gegenwart auch eine Erschöpfung am Selbst – an der ständigen Notwendigkeit, an sich selbst zu arbeiten? Das Selbst wird heute oft wie ein Projekt behandelt, das unablässig verbessert werden muss: gesünder, produktiver, attraktiver, widerstandsfähiger, erfolgreicher. Selbst das Privatleben wird zur Arbeit. Man wird nicht nur davon müde, Dinge zu tun, sondern davon, ständig jemand sein zu müssen. Der bedeutende französische Soziologe Alain Ehrenberg hat ein sehr wichtiges Buch über die "Müdigkeit, man selbst zu sein" und ihren Zusammenhang mit Depression geschrieben – ein Werk, das zeigt, wie zentral diese Dimension der Erschöpfung ist. Besteht nicht die Gefahr, soziale Ungleichheit zu verwischen, wenn jede Ursache unter die "Erschöpfung der Gegenwart" gefasst wird? Erschöpfung ist nicht gleich verteilt. Armut, Rassismus, Sexismus, koloniale Geschichten, Behinderung, Sorgearbeit und prekäre Arbeit erzeugen sehr unterschiedliche Formen von Müdigkeit. Der Begriff sollte uns helfen, diese Ungleichheiten klarer zu sehen – nicht, sie unter einem modischen Wort zu verstecken. Ist ontologisch-existenzielle Erschöpfung etwas, das geheilt werden kann? "Heilung" ist vielleicht zu einfach, wenn es Erschöpfung nur wie eine private Krankheit klingen lässt. Manche Menschen brauchen natürlich medizinische oder psychologische Hilfe. Aber diese Erschöpfung verlangt auch nach Veränderungen in sozialen Rhythmen, Arbeit, Technologie, Politik, Fürsorge und Sinn. Sie ist deshalb ein politischer Begriff, in dem Sinn, dass sie Handeln erfordert und danach verlangt. Sie ist nicht nur persönlich, sondern eine kollektive Situation. Sie ist nicht nur etwas in uns; sie liegt auch zwischen uns und um uns herum. Sie legen sehr viel Bedeutung in den Begriff der Erschöpfung. Das wichtigste Missverständnis wäre, zu glauben, dass Erschöpfung romantisiert oder Müdigkeit als immer tiefgründig behauptet wird. Das ist nicht der Fall. Es geht darum, einen realen Zustand zu benennen, in dem gewöhnliche Müdigkeit, sozialer Druck, politische Enttäuschung und existenzielle Lebensmüdigkeit auf einer tieferen ontologischen und existenziellen Ebene zusammentreffen – dort, wo "Sein" oder Leben erschöpfend wird, in der Weise, wie sich das Leben in dieser Gesellschaft entfaltet. Das bedeutet nicht, suizidal zu sein, auch wenn es in Verbindung mit psychopathologischen Zuständen manchmal dazu führen kann. Erschöpfung ist ein Zustand, unter dem in dieser gegenwärtigen Gesellschaft die meisten von uns, wenn nicht alle, leiden. Sie deuten in Ihrem Essay an, dass Erschöpfung auch ein möglicher Anfang sein kann. Wie kann aus Erschöpfung etwas Neues entstehen? Erschöpfung kann zeigen, dass eine alte Weise zu leben nicht fortgesetzt werden kann. Das ist schmerzhaft, aber es kann auch klärend sein. Wenn Menschen nicht länger so tun können, als sei alles in Ordnung, beginnen sie vielleicht, sich andere Rhythmen, andere Beziehungen und andere Lebensformen vorzustellen. Erschöpfung ist nicht automatisch befreiend, aber sie kann zu einer Schwelle werden. Über die Gesprächspartnerin Marina Christodoulou lehrt Philosophie an der Constructor University Bremen und an der Universität Klagenfurt in Österreich. 2022 promovierte sie mit Auszeichnung über "Life as Addiction" – Leben als Abhängigkeit. Derzeit entwickelt sie das Konzept der ontologisch-existenziellen Erschöpfung weiter: eine Philosophie der Müdigkeit am Sein selbst. Dazu erscheinen Themenbände des Fachjournals Angelaki und im Fachbuchverlag Routledge. Über RiffReporter Dieser Beitrag stammt vom Journalismusportal RiffReporter. Auf riffreporter.de berichten rund 100 unabhängige JournalistInnen gemeinsam zu Aktuellem und Hintergründen. Die RiffReporter wurden für ihr Angebot mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Verwendete Quellen tandfonline.com: Angelaki, Volume 31, Issue 2 (2026) © RiffReporter