Wenn dem "Powergarten" die Luft ausgeht
Einen "Powergarten" wollten das ZDF und Moderatorin Andrea Kiewel am Sonntagmittag auf den Lerchenberg zaubern. Dass das in die Hose ging, lag zum einen an dem reichlich nebulösen Begriff, vor allem aber an dem, was man in diesen "Powergarten" steckte. Da konnten noch so viele Männer durch die Mainzer Luft fliegen.
Eine Kritik
von Christian Vock
Diese Kritik stellt die Sicht von Christian Vock dar. Informiere dich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.
Es ist Andrea Kiewels 17. "Fernsehgarten" in diesem Jahr und auch wenn die Temperaturen anderes vermuten lassen, geht damit der Sommer und mit ihm auch die "Fernsehgarten"-Saison langsam zu Ende. Vor dem Saison-Finale am 27. September will man noch unter dem Motto "Oktoberfest" und "Gute Taten Garten" zuschlagen, für diesen Sonntag ist hingegen ein "Powergarten" vorgesehen.
Dementsprechend begrüßt der Off-Sprecher die Zuschauer mit einem "40 Jahre Fernsehgarten’. Heute mit mehr als voller Kraft" und holt dann mit der Behauptung "Sie ist die Sonntagssuperpower der Nation" Andrea Kiewel auf die Bühne. Beides reichlich übertriebene Beschreibungen, schließlich kann keine Show unter "mehr als voller Kraft" laufen – deswegen heißt es ja "volle" Kraft.
Dass Andrea Kiewel auch nicht die "Sonntagssuperpower der Nation" ist, ist keine Diffamierung, schließlich ergeben "Power"-Zusätze in der Regel einfach nur ein paar Luftpumpen-Wörter. Zügiges Gehen wird zum Power-Walking, eine Zuckerwassermischung zum "Power-Drink" und auch der "Fernsehgarten" lädt sich mit dem "Power"-Label ein bisschen was auf die eigenen Schultern, schließlich erwartet man dadurch, dass dieser "Fernsehgarten" ein bisschen mehr zu bieten hat, als bei den anderen Ausgaben.
"Power ist weiblich, was uns gut gefällt"
"Power" soll schließlich suggerieren, dass irgendetwas ein bisschen doller ist, als sonst. Aber moderiert Andrea Kiewel nun wirklich doller, als andere Moderatoren? Wahrscheinlich nicht. Und so steht zu befürchten, dass auch in allen anderen Bereichen der Bullshit-Bingo-Block am Sonntag schneller voll wird, als man "I've got the power" singen kann. Und schwupps, gibt es bereits nach wenigen Minuten den ersten Block-Eintrag, als Andrea Kiewel erklärt, warum man sich für das "Power"-Motto entschieden habe.
"Weil wir heute ganz viele Dinge machen, die im weitesten Sinn des Wortes etwas mit Kraft zu tun haben", erklärt Kiewel und führt noch einen zweiten Grund an: "Weil Power im Deutschen die Power ist. Power ist weiblich, was uns gut gefällt", meint Kiewel. "Alle anderen guten Eigenschaften übrigens auch: die Klugheit, die Witzigkeit", erklärt Kiewel weiter, erkennt aber immerhin sofort, dass all das in eine sprachwissenschaftliche Sackgasse führt: "Okay, auch die Besoffenheit."
Ja, mit Marketingwörtern wie "Power" muss man vorsichtig hantieren, sonst fallen sie einem ganz schnell auf die Füße. Und genau das passierte am Sonntagmittag auch dem "Fernsehgarten". Denn was da als "Power"-Programm verkauft wurde, war einfach nur: Programm. Zum Beispiel, als die Redaktion einen Trupp Fliesenleger eingeladen hatte, der nun auf dem Mainzer Lerchenberg, nun ja, Fliesen verlegte.
Das Comeback der Muskeln?
Kiewel drehte dabei trotzdem an ihrem Power-Rad: "Das ist ja schon Kunst, was ihr hier macht", behauptet Kiewel plötzlich und lässt sich dann einen Blumenkübel und einen Seifenspender anfertigen. Das klingt zwar eher nach Handwerk, aber noch nicht einmal die Fliesenleger selbst lassen sich von Kiewels Hochjubelei ihres Berufs anstecken. "Warum ist das so cool?", will Kiewel von einem der Fliesenleger über seinen Job wissen, doch der antwortet nur zäh: "Dass du halt am Ende vom Tag immer siehst, was du machst." Nicht unbedingt die Worte eines Künstlers.
Ähnlich zäh läuft es auch beim zweiten großen Programmpunkt. Da hat Kiewel nämlich Profi-Golferin Alexandra Försterling eingeladen, die ihr, einem Zuschauer und dem Paralympics-Teilnehmer Mathias Mester erklärt, wie man Golf spielt. Vor allem aber erklärt Kiewel unnötig oft und lange, warum sie eine Niete im Golf ist. Nach "Power" klingt beides nicht.
An die Grenzen der "Power"-Schönrednerei kommt Kiewel aber, als es ums Kochen im "Fernsehgarten" geht. "Wenn wir im ‚Power-Fernsehgarten‘ sind, dann geht es natürlich um den Stoff in Lebensmitteln, der uns Power gibt, nämlich um Proteine", verkündet Kiewel und behauptet: "Proteine sind gerade in aller Munde, weil neuerdings die Muskeln so ein großes Comeback erleben." Ein Satz, den man so erst einmal verkraften muss, ehe es im Anschluss einfach einen Linsen-Salat gibt.
Zwei Stunden Warten für 41 Sekunden "Power"
Am dichtesten an den Begriff "Power" kommt man am Sonntagmittag, als Kraftsportlerin Sina Ruppenthal Männer werfen will. Allerdings besteht dieser Programmpunkt vor allem darin, dass Andrea Kiewel über zwei Stunden hinweg ankündigt, dass man gleich etwas Spektakuläres zu sehen bekomme. Die eigentliche Leistung dauert dann aber nur schmale 41 Sekunden, als Ruppenthal kurz vor Ende der Show sechs Freiwillige erst horizontal in ihren Nacken wuchtet, um sie dann über ihren Kopf auf eine Matte zu werfen. Das schafft sie in 41 Sekunden zwölfmal. Fertig. Zwei Stunden Ankündigung für 41 Sekunden "Power".
Zuschauer hat keine Lust
Musikalisch schwankt man im "Powergarten" zwischen dem "großen, großen Talent" Charlien und der Boyband Blue, die vor 25 Jahren mal einen Hit hatte. Dazwischen sieht man die Künstler, die man eben immer so im "Fernsehgarten" sieht. Das als "Powergarten" abzukaufen, fällt einem schwer und diese Powerlosigkeit scheint sich auch aufs Publikum übertragen zu haben. Denn als Kiewel einen Zuschauer anspricht, ob der nicht ein paar Songs erraten möchte, hat der einfach keine Lust. Und die die wollen, bekommen am Ende des Spiels dann auch keine "Power-Geschenke", sondern nur eine ZDF-Tasse. "Power-‘Fernsehgarten’" ist, wenn das Motto "Power" nicht funktioniert.
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