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Wenn der Kassenbon zum Lottoschein wird

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Startseite Wirtschaft Genialer Steuer-Trick: Wie der Kassenbon zum Lottoschein wird – und Deutschland Milliarden retten könnte Von: Christoph Elzer Uns auf Google folgen Bis zu 70 Milliarden Euro entgehen dem Fiskus jedes Jahr an der Ladenkasse. Ein genialer Trick aus Fernost könnte das ändern – und nebenbei Millionen an die Bürger verteilen. München/Taipeh – In Deutschland wandert er meist ungelesen in den nächsten Mülleimer, in Taiwan hält man ihn fest wie einen Schatz: den Kassenbon. Dort ist der kleine Papierstreifen seit Jahrzehnten kein lästiges Beiwerk, sondern ein Lotterielos. Und wer Glück hat, wird mit einem Schlag reich – wie jener Käufer, dem im Frühjahr 2026 eine Plastiktüte für rund sechs Cent den Sonderpreis von umgerechnet etwa 273.265 Euro einbrachte. Was nach Kuriosität klingt, ist in Wahrheit eine der wirkungsvollsten Steuerideen des 20. Jahrhunderts. Und der Präsident der Deutschen Steuergewerkschaft will sie auch in die Bundesrepublik holen. Kassenbon-Lotterie: Warum Taiwan seit 1951 auf den Zettel setzt Die Idee stammt aus der Not. 1951 stand der junge Staat Taiwan vor dem Problem, dass eine funktionierende Steuerverwaltung schlicht fehlte – zu wenig Personal, um die Händler zu überwachen. Statt mehr Prüfer einzustellen, machte die Regierung kurzerhand jeden Bürger zum Kontrolleur: Jeder Beleg wurde zum Gewinnlos. Der Effekt war durchschlagend. Innerhalb eines einzigen Jahres stieg das Geschäftssteueraufkommen des Landes um 75 Prozent. Denn wer auf den Hauptgewinn hofft, fordert seinen Bon aktiv ein – und zwingt den Händler so, die Einnahme zu dokumentieren und zu versteuern. Heute wird alle zwei Monate gezogen, jeweils am 25. eines ungeraden Monats. Entscheidend ist ein achtstelliger Code auf dem Beleg. Schon drei richtige Ziffern bringen 200 Taiwan-Dollar, rund 5,50 Euro. Wer alle acht Nummern in korrekter Reihenfolge trifft, kassiert den ersten Preis von 200.000 Taiwan-Dollar (etwa 5.465 Euro). Der Hauptpreis liegt bei zwei Millionen Taiwan-Dollar (rund 54.653 Euro), der Sonderpreis bei zehn Millionen (etwa 273.265 Euro). Ab dem vierten Preis behält der Staat 20 Prozent Quellensteuer ein. Nicht nur Taiwan: Ein Modell erobert Europa Taiwan war der Vorreiter, doch längst ziehen andere nach. Malta führte die Beleg-Lotterie in den 1990er-Jahren als erstes europäisches Land ein. Heute gibt es Varianten in Österreich, Italien, Griechenland, Portugal, Tschechien, Kroatien, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, Slowenien und der Slowakei – nur in Deutschland eben nicht. Wie es gehen kann, machen unsere Nachbarn vor. In Portugal lassen Kundinnen und Kunden ihre Steuernummer auf dem Bon vermerken und können ein Luxusauto gewinnen; verlost werden regelmäßig Preise im Wert von mehreren Millionen Euro. In der Slowakei registriert man die Belege online, in Italien gibt es einen personalisierten Barcode, Griechenland belohnt Kartenzahler monatlich. In der Wissenschaft nennt man dieses Prinzip „Nudging“: positive Anreize schaffen, um erwünschtes Verhalten zu erzeugen. Der Kassenbon wird so im Handumdrehen zu etwas, das der Kunde gern hätte – und erschwert quasi nebenbei die Steuerhinterziehung erheblich. 70 Milliarden Euro Schaden: Was der Betrug an der Kasse Deutschland kostet Die Zahlen, die den Handlungsdruck erklären, sind gewaltig. Der Schaden für den Staat durch Steuerhinterziehung an der Ladenkasse summiert sich laut Bundesrechnungshof auf bis zu 70 Milliarden Euro pro Jahr: zehn bis 15 Milliarden Euro durch Umsatzsteuer- und Ertragsteuerbetrug, der Rest durch Betrug bei Lohnsteuer, Rentenversicherung und Sozialabgaben. Betroffen sind vor allem Branchen, in denen viel Bargeld über den Tresen geht und leicht am Fiskus vorbeigeschleust wird: Gastronomie, Bäckereien, Nagelstudios, Friseure, Imbissbuden, Blumen- oder Fahrradläden. Möglich macht das in Deutschland ein Schlupfloch namens „offene Ladenkasse“: Was rein- und rausgeht, weiß meist nur der Inhaber. Kein Zufall also, dass die meisten Anzeigen anonym von Mitarbeitern kommen. Beleg-Lotterien erhöhen die Steuerehrlichkeit Steuergewerkschaft fordert Kassenbon-Lotterie für Deutschland Florian Köbler, Präsident der Deutschen Steuergewerkschaft, hält eine solche Kassenbon-Lotterie deshalb auch hierzulande für sinnvoll und fordert ihre Einführung. Sie habe sich in anderen Ländern bewährt. „Beleg-Lotterien erhöhen die Steuerehrlichkeit, ohne Grundrechte unverhältnismäßig einzuschränken“, sagte er bereits 2025 im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Als Vorbild dient ihm ausgerechnet der bayerische Nachbar Österreich. Dort gehe der Staat offensiver mit dem Problem um, die Justiz stütze diese Haltung. Der Verfassungsgerichtshof in Wien stellte klar: Moderne Kassensysteme sind kein übermäßiger Eingriff in das Geschäftsleben Gewerbetreibender, sondern ein berechtigter Schutz des Staats vor Betrügern an der Ladenkasse. Merz-Regierung hat Kassenpflicht bereits beschlossen Bevor die Lotterie kommen kann, braucht es aber eine Grundlage: manipulationssichere Registrierkassen. Im Koalitionsvertrag hat Schwarz-Rot festgeschrieben, dass solche Kassen künftig Pflicht werden – jedenfalls ab einem Umsatz von mehr als 100.000 Euro. Köblers ursprüngliche Forderung lautete zwar 25.000 Euro, zufrieden ist er dennoch. Wichtiger als die Höhe der Schwelle sei, dass die Registrierkasse nun zur Pflicht werde. „Der Koalitionsvertrag sendet endlich das Signal: null Toleranz bei Finanzkriminalität.“ Ist damit dann tatsächlich Schluss mit dem Alltagsbetrug? Ganz so schnell geht es nicht. Die Kassenpflicht soll erst von 2027 an gelten. Bis dahin bleibt für Lobbyverbände viel Zeit, sich zu wehren. Der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga hat sich bereits in Stellung gebracht und „eine pauschale Pflicht“ als unverhältnismäßige Belastung besonders für kleine Betriebe in strukturschwachen Regionen bezeichnet. Köbler hält dagegen: Jeder Kioskbesitzer nutze heute ein Smartphone. Moderne Kassensysteme seien inzwischen ähnlich nutzerfreundlich und keine übermäßige Zumutung. Und der Hauptgewinn? Womöglich ein Auto „made in Bavaria“ Bleibt die Frage, was am Ende für die Bürgerinnen und Bürger herausspringt. Staaten, die Lotterien veranstalten, können etwas springen lassen – sie haben ja mehr Geld, weil die Ladeninhaber ihre Einnahmen versteuern. Der Bon ist der Beleg dafür.

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