Wenn die Kamera zu viel zeigt
Neue Regeln für die TV-Bilder bei der Leichtathletik-EM: Sexualisierende Aufnahmen von Athletinnen sollen künftig vermieden werden. Sarah Vogel und Alexandra Burghardt begrüßen den neuen Umgang mit der Kamera – und schildern eigene Erfahrungen. Eine Analyse von Johannes Fischer Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Johannes Fischer sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informiere dich über die verschiedenen journalistischen Textarten. Es ist nur eine Kameraeinstellung. Ein kurzer Schwenk, eine Zeitlupe, ein Blick aus einer ungewöhnlichen Perspektive. Sekunden später ist das Rennen vorbei, der Sprung geschafft, die Athletin schon wieder aus dem Fokus. Doch manche Bilder bleiben. Manchmal sogar sehr viel länger, als denjenigen lieb sein kann, die darauf zu sehen sind. Sarah Vogel kennt die Diskussion aus nächster Nähe. Die deutsche Stabhochspringerin, die aufgrund gesundheitlicher Probleme die EM-Qualifikation knapp verpasste, hat selbst "zum Glück keine schlechten Erfahrungen mit solchen Aufnahmen gemacht", wie sie im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt. An Aufnahmen anderer Athletinnen erinnert sie sich allerdings gut – und musste dabei nach eigener Aussage "wirklich schlucken". Bei der Leichtathletik-EM in Birmingham, die am Montag begonnen hat, soll sich das ändern. Erstmals gelten neue Richtlinien für die TV-Berichterstattung, die verhindern sollen, dass Athletinnen durch bestimmte Perspektiven sexualisiert oder objektifiziert werden. Die neue Bildsprache der Leichtathletik Entwickelt wurden die Empfehlungen von der European Broadcasting Union (EBU), dem Zusammenschluss öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten und weiterer Medienunternehmen in Europa, gemeinsam mit dem europäischen Leichtathletikverband European Athletics (EA). Das 23-seitige Dokument trägt den Titel "Raising the Bar – Guidelines for Respectful Media Coverage in Women’s Athletics". Es geht dabei nicht darum, Frauen weniger zu zeigen. Es geht darum, wie sie gezeigt werden. Kameras sollen beispielsweise nicht unnötig lange einzelne Körperpartien in den Mittelpunkt rücken. Problematisch sind auch Aufnahmen aus sehr niedriger Perspektive oder von hinten, wenn sie keinen sportlichen Mehrwert haben. Zeitlupen sollen ebenfalls nicht eingesetzt werden, wenn sie lediglich den Körper statt der sportlichen Leistung inszenieren. "Ich bin ein Fan der neuen Regelung", sagt Vogel. Eine Diskussion über die Kleidung der Athletinnen hält sie dagegen für den falschen Ansatz. Immer wieder habe sie Gespräche erlebt, in denen die Frage aufkam, warum Sportlerinnen nicht einfach etwas anderes anziehen würden. "Wir fühlen uns unwohl mit der Aufnahme, nicht mit der Hose" "Ja, könnten wir", sagt Vogel. Aber darum gehe es nicht. "Wir fühlen uns ja mit der Aufnahme unwohl, nicht mit der Hose." Die Athletinnen hätten kein Problem damit, in ihrer Wettkampfkleidung öffentlich aufzutreten. Ihr Vergleich ist ebenso simpel wie treffend: Sie habe auch kein Problem damit, ein Kleid zu tragen. "Aber deswegen will ich noch lange nicht, dass Kameras im Boden sind." Damit verschiebt sich die Diskussion weg von der Kleidung und hin zur Verantwortung derjenigen, die die Bilder produzieren. Eine Athletin kann selbstbewusst in knapper Wettkampfkleidung vor Tausenden Zuschauern auftreten – und trotzdem eine bestimmte Kameraeinstellung als übergriffig empfinden. Die neuen Leitlinien sind auch deshalb entstanden, weil Athletinnen selbst auf die Problematik aufmerksam gemacht haben. Die britische Stabhochspringerin Holly Bradshaw berichtet im EBU-Dokument von unangemessenen Videos, die aus Zeitlupenaufnahmen von Wettkämpfen entstanden seien. Die serbische Weitspringerin Ivana Spanovic warnt vor möglichen langfristigen Folgen solcher Bilder für das Wohlbefinden von Athletinnen. Und die frühere Hochsprung-Weltmeisterin Blanka Vlašić betont zugleich, dass Kameraperspektiven natürlich weiterhin wichtig seien, um sportliche Technik wie Anlauf und Absprung zu zeigen. Es geht also nicht um weniger Bilder – sondern um bessere. Ein Bild kann Jahre später wieder auftauchen Auch Alexandra Burghardt hat bereits negative Erfahrungen gemacht. Die 32-Jährige, die im Frühsommer ihre Karriere beendete, kommentiert die EM in Birmingham aktuell für Eurosport. Sie erinnert sich: "Ein Video nach meinem Zieleinlauf bei der Heim-EM 2022 in München ist Jahre später in den sozialen Medien erneut viral gegangen", sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. Für die frühere Sprinterin, die 2024 in Paris Olympia-Bronze mit der Staffel gewann, ist genau deshalb wichtig, dass das Thema öffentlich diskutiert wird. "Ich finde es gut, dass darüber gesprochen wird, es nun Richtlinien dazu gibt und die Öffentlichkeit das Thema behandelt." Es gehe darum, künftig ein besseres Bewusstsein für die Problematik zu schaffen und Athletinnen besser zu schützen. Denn das Internet vergisst wenig. Ein Bild, das während eines Wettkampfs nur wenige Sekunden auf dem Bildschirm zu sehen ist, kann später ein Eigenleben entwickeln. Und es muss nicht einmal die ursprüngliche Absicht der Übertragung sein, die über die weitere Verwendung eines Bildes entscheidet. Die EM als Praxistest Die neuen Regeln bedeuten allerdings keinen Abschied von Nahaufnahmen, Zeitlupen oder spektakulären Perspektiven. Die sportliche Leistung soll weiterhin möglichst eindrucksvoll erzählt werden. Entscheidend ist, ob eine Einstellung einen journalistischen oder sportlichen Zweck erfüllt – oder ob sie lediglich den Körper der Athletin zum Objekt macht. Gerade deshalb dürfte Birmingham zum interessanten Praxistest werden. Werden die Zuschauer überhaupt bemerken, dass sich etwas verändert hat? "Ich glaube nicht, dass die Übertragung der sportlichen Leistung oder der Unterhaltungswert darunter leiden werden", sagt Vogel. Empfehlungen der Redaktion Deutsche Meisterin stürzt im EM-Halbfinale schwer Hohe Preise sorgen bei Leichtathletik-EM für Kritik Das bringt der Tag bei der Leichtathletik-EM Genau das ist der Kern der neuen Regeln: Gute Sportbilder müssen nicht weniger spektakulär werden, nur weil sie die Athletinnen respektvoller zeigen. Die Kamera darf weiterhin nah heran. Sie sollte nur wissen, warum.