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Wenn Kinder verschwinden und zu neuen Menschen werden

Welt

Die russischen Besatzer nehmen sich in den besetzten ukrainischen Gebieten, was sie wollen. Dazu gehören auch Teenager oder sogar Kleinkinder. Sie werden verschleppt und Gehirnwäschen unterzogen - teilweise von Kremlvertretern. Anderen droht das Gefängnis. Oder der Tod. Es ist ein besonders erschütternder Fall, den die Organisation "backtoukraine" kürzlich publik machte: Ein vor Jahren von den russischen Invasoren aus der Ukraine entführter Junge könnte im Kampf für die Kreml-Streitkräfte gefallen sein. Die Kiewer Regierungsplattform "Children of War" listet den 19-Jährigen mit einem Bild aus Kindertagen als vermisst auf. Sein Name: Oleksandr - verschwunden aus dem Dorf Krynky in der ukrainischen Region Cherson. Auf seinem Profil beim größten sozialen Netzwerk Russlands, VK, zeigt sich der 19-Jährige unter anderem in Uniform und mit einer Russland-Cap mit Z-Aufdruck - dem Symbol des russischen Krieges gegen die Ukraine. Auch in Stellungen an der Front und mit einem Verband soll Oleksandr zu sehen gewesen sein, möglicherweise wurde er also einst im Krieg verwundet. Da der Teenager seine VK-Aktivitäten im November 2025 eingestellt hat, hält "backtoukraine" es für möglich, dass er nicht mehr am Leben ist. Eine Bestätigung dafür gibt es jedoch nicht. "Seit 2014 verschleppt Russland systematisch ukrainische Kinder", sagt der Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlaments, Dmytro Lubinets, ntv.de. Seit Beginn der Invasion 2022 gibt es ihm zufolge ein "massenhaftes und organisiertes Ausmaß". Wie viele entführte Kinder es gibt, kann Lubinets nicht beziffern. Er sagt, Russland stelle der Ukraine keine offiziellen Daten zu verschleppten Kindern zur Verfügung. "Informationen werden häufig verschwiegen oder manipuliert, was eine wirksame Suche unmöglich macht." Schätzungen kommen auf Zehntausende Betroffene. Nennen kann Lubinets lediglich die Zahl derer, die in den besetzten Gebieten unter "ständiger Bedrohung" leben: 1,6 Millionen. "Russland verfolgt ein klares Ziel: ukrainischen Kindern ihre Identität nehmen", sagt der Menschenrechtsbeauftragte. Dabei werde systematisch und konsequent vorgegangen: Erste Phase: Deportation nach Russland oder die zwangsweise Verbringung des Kindes innerhalb besetzter Gebiete Zweite Phase: Änderung der Dokumente des Kindes und die zwangsweise Verleihung der russischen Staatsangehörigkeit Dritte Phase: Unterbringung ukrainischer Kinder in russischen Familien Vierte Phase: Militarisierung durch militärisch-patriotische Organisationen Fünfte Phase: Versuche, die nationale Selbstidentifikation zu ändern und sie dazu zu bringen, sich als Russen zu verstehen Terrorismus-Vorwürfe gegen Kinder Es gibt viele Fälle um entführte ukrainische Kinder, die in den vergangenen Jahren für Aufsehen in der Ukraine gesorgt haben. Darunter zum Beispiel jener um Viktor Asarowski, Oleg Schokol und Denys Wassylkyk aus dem besetzten Melitopol. Ihrer Anwältin Kateryna Bobrowska zufolge wurden sie im Oktober 2023 im Alter von 16 beziehungsweise 17 Jahren festgenommen. Danach seien sie nach Russland gebracht worden und hätten drei Jahre in Taganrog in Untersuchungshaft verbracht. "Die russische Seite wirft ihnen 'Terrorismus' vor, ohne dafür geeignete und öffentlich überprüfbare Beweise vorzulegen", so Bobrowska in einem Beitrag in sozialen Netzwerken. Im März dieses Jahres wurden die drei in einem nicht öffentlichen Prozess zu Strafen von sieben Jahren bis hin zu acht Jahren und sechs Monaten verurteilt. Im Verfahren habe es mehrere schwerwiegenden Verstöße gegeben, so Bobrowska. Vor allem, dass die ukrainischen Teenager als Bürger Russlands verurteilt wurden, sei ein "direkter Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht". Das Vorgehen sei kein Einzelfall, so Bobrowska. Die stellvertretende Außenministerin der Ukraine, Mariana Betsa, nannte das Beispiel der drei Teenager im vergangenen Jahr bei den Vereinten Nationen und forderte von Russland die Rückkehr aller Entführten in ihre Heimat. "Niemand sollte solche Traumata aushalten müssen wie ukrainische Kinder", so Betsa. Manche kehren zurück In der Ukraine gibt es viele Bemühungen, um verschleppte Kinder zurückzuholen. Doch das sei ein äußerst komplexer Prozess, sagt Lubinets ntv.de. "Derzeit gibt es keinen einheitlichen, allgemein anerkannten Mechanismus für die Rückführung, da Russland das humanitäre Völkerrecht missachtet." Einer der wirksamsten Wege soll die Vermittlung durch Drittstaaten sein, um Kinder ausfindig zu machen und anschließend ihre Rückkehr zu ermöglichen. Als Beispiel nennt Lubinets die USA und insbesondere die First Lady, Melania Trump. Einer internationalen Koalition für die Rückführung gehören dem Menschenrechtsbeauftragten zufolge 50 Mitglieder an. Bis Juni dieses Jahres hätten 2264 Kinder aus den besetzten Gebieten und von russischem Territorium aus in ukrainisch kontrolliertes Gebiet zurückgeholt werden können. Besonders brisant ist, dass in Russland Personen in hohen staatlichen Ämtern, die zumindest nach offiziellen Bezeichnungen mit "Kinderschutz" und "Menschenrechten" zu tun haben, selbst Teil von Entführungen sind. Dazu gehört Marija Lwowa-Belowa, die Beauftragte des russischen Präsidenten Wladimir Putin für die "Rechte des Kindes". Sowohl sie als auch der Kremlchef werden vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Kindesentführung per Haftbefehl gesucht. Putins "Vorzeigemutter" spricht offen über Entführungen Aus ihren Taten macht Lwowa-Belowa keinen Hehl. Nur inszeniert die "russische Vorzeigemutter" (zehn Kinder, fünf davon leiblich, fünf adoptiert) diese so, als wäre sie eine Retterin. In einer Sendung mit einem regierungsfreundlichen Journalisten sagte sie laut tagesschau.de über eine Fahrt ins besetzte ukrainische Mariupol: "Wir sammeln von dort Kinder ein, die unter Beschuss waren. Darunter ein 15-jähriger Junge, Filipp. Meiner Familie habe ich gesagt: 'Das ist unser Kind'." Der Junge habe mit zehn Jahren seine Mutter verloren, bei befreundeten Familien gewohnt und sei bei Angriffen auf sich alleine gestellt gewesen. Dabei habe er russische Soldaten gebeten, ihn in Sicherheit zu bringen, behauptete Lwowa-Belowa. Sie erzählte dem Bericht zufolge außerdem, Filipp sei durch die Schule lange negativ in seiner Haltung zu Russland beeinflusst worden. "Er sagte, Moskau nerve ihn, er war hysterisch. Ich habe ihn nachts getröstet. Aber er wollte nicht in Russland leben, er liebe die Ukraine. Ich hab' ihm gesagt, er sei jetzt bei uns und müsse seine Einstellung ändern." Später erzählte der entführte ukrainische Junge einer kremltreuen Bloggerin begeistert, wie die Kinder aus Mariupol zum ersten Mal von Lwowa-Belowa bestelltes Fast Food einer bekannten Kette zu essen bekommen hätten. "Ich hatte damals eine schlimme Depression. Ich bin ins Zimmer, habe geheult. Eine Viertelstunde später kam sie mich beruhigen. Sie ist mir eine echte Mama geworden, der beste Mensch, der mir passieren konnte. Sie hat so viel für mich getan, mir gesagt, sie habe mich nicht mit ihrem Körper, sondern mit ihrem Herzen geboren. Ein magischer Mensch", so Filipp. Lubinets traf mutmaßliche Entführerin Lantratowa Ein weiteres Beispiel ist die neue russische "Menschenrechtsbeauftragte" Yana Lantratowa. Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft und der Inlandsgeheimdienst SBU werfen ihr vor, dem Chef der russischen Regierungspartei geholfen zu haben, ein Mädchen illegal zu adoptieren. Zudem soll auch ein Junge mit ihrer Hilfe entführt worden sein. Lantratowa sei Ende August 2022 mit einer weiteren Person unter dem Vorwand eines offiziellen Besuchs in das besetzte Cherson gereist, um Kinder auszuwählen. "Dort besichtigten sie die Kinder in einer von der Besatzungsmacht betriebenen Einrichtung, die illegal auf der Grundlage des regionalen Kinderheims von Cherson eingerichtet worden war", so die ukrainischen Behörden. Das Mädchen sei eine Waise und der Junge aufgrund schwieriger familiärer Lebensumstände in der Einrichtung gewesen. "Die Kleinkinder wurden unter dem Vorwand einer zusätzlichen medizinischen Untersuchung in einem Krankenhaus illegal nach Moskau gebracht." Lubinets hatte Lantratowa im Juni dieses Jahres erstmals getroffen. Auf die Frage, ob es schwierig gewesen sei, professionell zu bleiben, antwortete er ntv.de: "Es war ein ernstes und äußerst sensibles Gespräch angesichts der Art der erörterten Fragen und des jeweiligen Kontextes. Von meiner Seite lag der Schwerpunkt jedoch nicht auf persönlichen Emotionen, sondern auf der Aufrechterhaltung eines professionellen und humanitären Ansatzes, der darauf ausgerichtet ist, konkrete Ergebnisse zu erzielen - vor allem die Rückkehr unserer Bürger und Fortschritte bei humanitären Angelegenheiten."

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