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Wenn Sprache an Grenzen kommt: „Unser Herz wird nicht dement“

Gesundheit

Menschen mit einer Demenzerkrankung verlieren die Fähigkeit, verbal zu kommunizieren. Normale Gespräche mit dem Vater, der Mutter, der Freundin, werden zunehmend schwierig, später unmöglich. So oder ähnlich wird eines der Symptome von Demenz oft beschrieben. Doch was heißt das konkret, was bedeutet das für die Betroffenen und wie kann das Umfeld damit umgehen? Maria Liehr liegt das Thema Demenz als gerontopsychiatrische Fachkraft besonders am Herzen. In ihrer Wahlheimat Wangen im Allgäu arbeitet die 40-Jährige als Teamleiterin in der Tagespflege Auwiesen der Bruderhausdiakonie.

Frau Liehr, was erleben Sie im Umgang mit dementen Menschen, wie sich deren Sprachfähigkeit verändern kann?

Bei der Demenz vom Alzheimer-Typ kommt der Sprachverlust sehr schleichend und entwickelt sich parallel zum Verlust anderer kognitiver Fähigkeiten, etwa der Gedächtnisleistung. Meistens beginnt es mit Wortfindungsstörungen. Das ist, was auch Angehörigen oft als Erstes auffällt. Jemand verwendet dann vielleicht Platzhalter, sagt also „das Dingsbums da“, oder er umschreibt einen Sachverhalt: „Ich möchte mit dem großen Gerät in die Stadt fahren“, weil das Wort „Bus“ fehlt. Manchmal werden auch kreativ neue Worte erfunden, Saubermacher statt Besen zum Beispiel. Und dann gibt es eine weniger häufige Form, die frontotemporale Demenz. Da steht der Sprachverlust als zentrales Symptom am Anfang. Die Sprache wird verwaschen und undeutlich, sodass man die Menschen kaum noch versteht.

Was passiert da eigentlich genau im Kopf – ist es ein Vergessen der Sprache?

Bei einer Demenz sterben im Gehirn Nervenzellen ab. Vergessen trifft’s aber schon. Generell kann man sagen, alles, was rational ist, was unsere Großhirnrinde steuert, das verliert an Bedeutung. Was an Bedeutung gewinnt, sind die Funktionen, die im limbischen System sitzen: Gefühle, Wünsche, Bedürfnisse. Da kommen dann auch manchmal Dinge zum Vorschein, die zuvor rational kontrolliert waren. Je nach Demenzform kann das eine enthemmte Sprache sein, die beschimpft und beleidigt, oder auch, dass Menschen Bedürfnisse oder Wünsche zum Ausdruck bringen, die sie vorher nicht ausgesprochen haben.

Was bedeutet das Vergessen der Sprache für Demenzerkrankte?

Sprache ist eine ganz wichtige Form des Selbstausdrucks und der Identität. Das ist ähnlich wie im Ausland, wenn man die Sprache nicht kann: Ich weiß eigentlich, was ich sagen will, und ich kann’s aber nicht. Das kann sehr frustrierend sein. Nicht äußern zu können, was man will, und nicht verstanden zu werden in dem, was man braucht, kann wütend machen. Es ist ein Verlust von Selbstwirksamkeit, von Autonomie. Betroffene sind abhängig davon, dass ihr Umfeld sehr empathisch und geduldig ist.

Wie spricht man mit Demenzerkrankten über ihre Erkrankung?

Vorsichtig, einfühlsam und respektvoll, würde ich sagen. In der ersten Phase kann es richtig sein, auch die Diagnose zu thematisieren und sagen: Mama, wir waren ja beim Neurologen, der hat eine Demenz festgestellt. Ich würde vor allem darauf achten, dass ich den Menschen nicht bloßstelle, ihm seine Defizite nicht vorhalte, weil ich davon ausgehen muss, dass er das selbst noch merkt. In der ersten Phase versuchen viele Menschen mit Demenz eine Fassade aufrechtzuerhalten, zu zeigen, dass alles in Ordnung ist mit ihnen. Wir helfen ihnen nicht, indem wir ihnen diese Fassade runterreißen.

Haben Sie eine Lieblingskommunikationsregel im Umgang mit Menschen mit Demenz?

In Beziehung gehen, echtes Interesse zeigen, freundlich und zugewandt sein. Und dabei eine innere Haltung einnehmen, die es gut meint mit dem Gegenüber. Das hilft, sich nicht provozieren zu lassen. Ein Mensch mit Demenz fragt mich nicht vielmals dasselbe, weil er mich ärgern will. Es hat nichts mit mir zu tun. Oft steht eine Not, ein Bedürfnis dahinter.

Und ganz konkret, was hilft in der Verständigung?

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft hat ein Plakat herausgegeben mit elf Tipps. Das fängt damit an, auf Augenhöhe zu gehen, kurze Sätze zu verwenden, langsam und deutlich zu sprechen. Es geht aber auch darum, dem Gegenüber Zeit für die Antwort zu lassen, auf Körpersprache zu achten, auf Gefühle, die mitschwingen, oder keine komplizierten Warum-Wann-Wo-Fragen zu stellen.

Kann man mit Demenzerkrankten streiten?

Ja, kann man, aber wahrscheinlich wird man am kürzeren Hebel sitzen. Im Grunde ist es ähnlich wie mit einem dreijährigen Kind, mit dem brauche ich auch nicht auf einer rationalen Ebene streiten wollen. Oft liegt hinter der Wut von Demenzerkrankten ein Schmerz oder ein Trauma von früher. Das zu wissen, kann hilfreich sein. Wenn mir eine Frau mit Demenz wütend berichtet, dass ihr Ehering geklaut wurde, fange ich keine rationale Debatte an, ob er jetzt geklaut wurde oder verlegt. Ich stelle das erst einmal nicht infrage und sage: Das ist ja schrecklich, ich finde das auch eine Unverschämtheit. Und dann reden wir vielleicht darüber, dass sie 50 Jahre lang verheiratet waren und wie das war.

Wann konfrontiert man Menschen mit Demenz, wenn ihre Zeitwahrnehmung verrutscht: Wenn eine 85-Jährige mit Demenz glaubt, sie sei noch 45 und ihr in Wahrheit bereits verstorbener Ehemann käme bald nach Hause, belügen Sie sie dann, um Sie in dieser Lebenswelt zu lassen?

Die Frage, wo ist mein Mann, kommt tatsächlich öfter. Mein Anspruch ist, nicht zu lügen. Ich sage also nicht: Der wartet daheim auf Sie. Aber es gibt etwas zwischen Anlügen und harter Konfrontation. Ich finde es in Ordnung, zu sagen: Er ist gerade nicht da. Aber ich würde dann auch fragen: Vermissen Sie ihn? Oder: Hatten Sie eine gute Beziehung? Oft steigen die Leute dann ein, erzählen ein wenig und vielleicht kommt auch etwas Trauer zum Ausdruck. Der Verlust des Partners ist ein starkes Gefühl, bei den meisten gibt es einen Anteil, der um den Tod des Partners weiß. Wenn ich dann sage: „Letztes Mal haben Sie mir erzählt, Ihr Mann ist schon seit einem Jahr tot“, dann sagt sie vielleicht: „Ah ja, stimmt“. Und es ist gar nicht so schlimm. Wenn ich das aber gleich gesagt hätte, hätte es sein können, dass sie sagt: Nee, stimmt gar nicht.

Welche Rolle spielen Gesten und Mimik?

Gestik, Mimik, Berührung, Blickkontakt – all das spielt eine große Rolle. Ein Mensch mit Demenz verliert kognitive Fähigkeiten, aber dafür werden die Gefühlskanäle feinfühliger. Das darf man sich immer wieder bewusst machen, dass Kommunikation auf dieser Ebene verstärkt nonverbal stattfindet. Auch wenn Sprache nicht mehr funktioniert, gibt es einen Anteil, der weiter fühlt und der empfänglich ist für Liebe, Geborgenheit und Fürsorge. Unser Herz, vielleicht kann man das so sagen, wird nicht dement.

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