Wer beim Reden wegschaut, gilt als unhöflich. Laut Wirtschaftspsychologe ist das falsch - weniger Augenkontakt macht Gespräche sogar manchmal besser
Jemand erzählt etwas Persönliches und schaut dabei auf den Tisch. Eine Kollegin spricht mit Ihnen, blickt aber immer wieder zur Seite. Ein Freund hält im Gespräch kaum Augenkontakt. Und sofort beginnt im Kopf die Deutung: Ist er unsicher? Ist sie unhöflich? Hört diese Person überhaupt zu? Oder hat sie etwas zu verbergen? Augenkontakt wird in unserer Gesellschaft oft überschätzt – und gleichzeitig falsch verstanden. Viele halten ihn für ein eindeutiges Zeichen von Interesse, Ehrlichkeit und Selbstbewusstsein. Wer schaut, ist offen. Wer wegschaut, ist unsicher, desinteressiert oder ausweichend. So einfach ist es aber nicht. Joern Kettler ist Wirtschaftspsychologe, Mimik-Analyst und Bestsellerautor. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle. Augenkontakt ist kein Lügendetektor. Er ist auch kein Charaktertest. Er ist ein soziales Signal, das je nach Mensch, Situation, Kultur, innerer Anspannung und neurologischer Verarbeitung sehr unterschiedlich erlebt werden kann. Manchen Menschen fällt Augenkontakt schwer, nicht weil sie respektlos sind. Sondern weil direkter Blickkontakt für ihr Gehirn anstrengend, intensiv oder sogar unangenehm sein kann. Ohne ständigen Blickkontakt entstehen bessere Gespräche Der wichtigste Schritt ist: nicht sofort negativ deuten. Sagen Sie nicht vorschnell: „Der ist unsicher“, „Die hört mir nicht zu“ oder „Wer wegschaut, hat etwas zu verbergen“ Besser ist es, auf das Gesamtbild zu achten. ANZEIGE ANZEIGE Hört die Person zu? Antwortet sie passend? Ist sie gedanklich im Gespräch? Stellt sie Fragen? Wirkt sie unter Druck oder einfach nur konzentriert? Wenn Sie merken, dass Augenkontakt für jemanden unangenehm ist, nehmen Sie Druck raus. Manchmal hilft es, nebeneinander zu sprechen statt frontal gegenüber. Beim Spazierengehen, Autofahren oder gemeinsamen Arbeiten entstehen oft bessere Gespräche, weil der direkte Blick nicht permanent eingefordert wird. Auch ein einfacher Satz kann helfen: „Sie müssen mich nicht die ganze Zeit anschauen. Mir ist wichtiger, dass wir gut sprechen können.“ Das wirkt oft entlastender als jede Aufforderung zu mehr Blickkontakt. Augenkontakt ist sozial stärker, als oft gedacht Doch wieso ist Blickkontakt überhaupt immer wieder ein Thema? Ein direkter Blick ist nie nur ein Blick. Er kann Nähe herstellen. Interesse zeigen. Gespräche steuern. Vertrauen aufbauen. Aber er kann auch Druck erzeugen. Wer direkt angeschaut wird, fühlt sich schneller gemeint, beobachtet oder bewertet. Die Neurowissenschaftlerin Antonia Hamilton beschreibt in ihrer Arbeit zur sozialen Bedeutung des Blicks, dass direkter Blickkontakt je nach Kontext ganz unterschiedlich wirken kann: als positives Signal von Interesse aber auch als unangenehm oder bedrohlich, wenn er zu intensiv oder unpassend ist Das erklärt, warum manche Menschen Blickkontakt lieben und andere ihn als Belastung erleben. Für den einen bedeutet er Verbindung. Für den anderen fühlt er sich an wie ein Scheinwerfer im Gesicht. Deshalb ist es zu kurz gedacht, fehlenden Augenkontakt sofort negativ zu bewerten. Manche Menschen schauen weg, weil sie besser denken können Wer beim Reden wegschaut, muss nicht unaufmerksam sein. Manchmal ist sogar das Gegenteil der Fall. Forschung zur sogenannten „gaze aversion“, also Blickabwendung, zeigt: Menschen wenden den Blick häufiger ab, wenn sie nachdenken oder eine kognitiv anspruchsvolle Aufgabe lösen. Die Psychologin Gwyneth Doherty-Sneddon und ihre Kollegen fanden, dass Blickabwendung mit steigender Aufgabenschwierigkeit zunimmt und die Genauigkeit von Antworten verbessern kann. Das ist im Alltag leicht nachvollziehbar: Wenn Sie sich an ein Datum erinnern, einen komplizierten Gedanken formulieren oder eine schwierige Antwort suchen, schauen Sie vielleicht automatisch zur Seite. Das Gehirn reduziert so visuelle Reize, um besser denken zu können. Augenkontakt bindet hingegen Aufmerksamkeit. Sie sehen Mimik, Reaktionen, kleine Veränderungen im Gesicht des anderen. Das alles muss verarbeitet werden. Wegschauen kann deshalb eine Art geistiger Freiraum sein. Kurz gesagt: Manche Menschen schauen nicht weg, weil sie nicht zuhören. Sie schauen weg, weil sie gerade denken. Was nicht damit einhergeht, dass Menschen eine Lüge konstruieren – das ist ein weit verbreiteter Mythos. Soziale Angst kann Augenkontakt unangenehm machen Für Menschen mit sozialer Unsicherheit oder sozialer Angst kann Augenkontakt besonders belastend sein. In einer Studie von Franklin Schneier wurde untersucht, welche Rolle Angst und Vermeidung von Augenkontakt bei sozialer Angst spielen. Das Ergebnis: Selbstberichtete Angst vor Augenkontakt und dessen Vermeidung standen sowohl bei Betroffenen mit sozialer Angststörung als auch in nicht-klinischen Stichproben mit sozialer Angst in Verbindung. Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch, der wegschaut, eine soziale Angststörung hat. Das wäre viel zu schnell gedacht. Aber es bedeutet: Für manche Menschen kann ein Blick in die Augen das Gefühl verstärken, bewertet, beobachtet oder geprüft zu werden. Das Gespräch wird dann nicht nur als Austausch erlebt, sondern als soziale Prüfung. Typische Gedanken können sein: „Ich wirke bestimmt komisch.“ „Ich schaue zu viel.“ „Ich schaue zu wenig.“ „Der andere merkt, dass ich unsicher bin.“ Dann entsteht ein innerer Kreislauf. Je mehr jemand darauf achtet, „normal“ Augenkontakt zu halten, desto unnatürlicher fühlt es sich an. Der Blick wirkt dann schnell kontrolliert und angestrengt. Neurodivergente Menschen können Blickkontakt anders erleben Auch neurobiologische Unterschiede können eine Rolle spielen. Besonders im Autismus-Spektrum berichten viele Menschen, dass Augenkontakt nicht einfach nur unangenehm, sondern anstrengend, überfordernd oder sensorisch intensiv sein kann. Eine Übersichtsarbeit von Forschern zu Blickverhalten im Autismus-Spektrum beschreibt, dass Blickvermeidung bei autistischen Menschen mit erhöhter emotionaler Erregung zusammenhängen kann. In der Forschung wird unter anderem diskutiert, dass das Wegschauen eine Strategie sein kann, um Übererregung zu reduzieren. Eine weitere Studie von Madipakkam und Kollegen fand Hinweise darauf, dass atypische Reaktionen auf direkten Blickkontakt bei Menschen im Autismus-Spektrum unbewusst und unfreiwillig ablaufen können. Das ist wichtig für den Alltag. Denn viele Menschen interpretieren fehlenden Augenkontakt bei neurodivergenten Personen falsch. Weniger Blickkontakt kann statt mangelndem Interesse auch bedeuten: Diese Person verarbeitet soziale Informationen anders. Vielleicht hört sie besser zu, wenn sie nicht gleichzeitig in die Augen schauen muss. Deshalb ist der Satz „Schau mich an, wenn ich mit dir rede“ nicht immer hilfreich. Manchmal erhöht er nur den Druck. Kultur und Erziehung beeinflussen, was als höflich gilt Auch wird Augenkontakt nicht überall gleich bewertet. In vielen westlichen Kontexten gilt direkter Blickkontakt als Zeichen von Offenheit, Selbstbewusstsein und Respekt. In anderen kulturellen Kontexten kann zu intensiver Blickkontakt dagegen als unangemessen, herausfordernd oder respektlos empfunden werden. Eine kulturvergleichende Studie aus Finnland und Japan zeigte, dass die Wahrnehmung von Augenkontakt zwischen westlichen und ostasiatischen Teilnehmenden unterschiedlich sein kann. Auch andere Arbeiten zeigen, dass kulturelle Prägung beeinflusst, wie Menschen Gesichter betrachten und Blicksignale deuten. Auch das ist ein wichtiger Punkt: Was für den einen höflich wirkt, kann für den anderen zu direkt sein. Emotionale Themen können den Blick schwer machen Und dann gibt es noch Menschen denen Augenkontakt nicht grundsätzlich schwerfällt, sondern nur in bestimmten Momenten. Etwa bei Kritik Scham Trauer Konflikten Das geschieht auch wenn jemand etwas zugeben muss, wenn ein Gespräch sehr persönlich wird oder, wenn mann sich verletzt oder schuldig fühlt. Das ist nicht ungewöhnlich, denn direkter Blickkontakt kann emotionale Intensität erhöhen. Wenn ein Thema ohnehin belastend ist, kann der Blick des anderen dieses Gefühl verstärken. Dann schaut jemand vielleicht weg, um sich innerlich zu sortieren. Viel wichtiger als der einzelne Blick sind Muster im Verhalten, etwa_: Schaut jemand grundsätzlich kaum in die Augen? Nur bei bestimmten Themen? Nur bei bestimmten Menschen? Oder nur dann, wenn Druck entsteht? Wann fehlender Augenkontakt völlig unauffällig ist Wichtig zu beachten: Nicht jeder fehlende Augenkontakt hat eine tiefere Bedeutung. Es ist völlig normal, beim Nachdenken wegzuschauen. Es ist normal, den Blick nicht dauerhaft zu halten. Es ist normal, in Gesprächen zwischen Augen, Mund, Händen, Raum und Gegenständen zu wechseln. Dauerhafter starrer Augenkontakt wäre sogar eher unangenehm. Niemand möchte sich unterhalten, während der andere einen anschaut wie eine Überwachungskamera mit Puls. Unauffällig ist fehlender Augenkontakt vor allem dann, wenn das Gespräch trotzdem funktioniert: Die Person antwortet passend, hört zu, fragt nach, bleibt zugewandt und wirkt grundsätzlich erreichbar. Wann man genauer hinsehen sollte Erklärungsbedürftig wird fehlender Augenkontakt eher dann, wenn er zusammen mit anderen Auffälligkeiten auftritt. Zum Beispiel, wenn jemand Gespräche stark vermeidet, unter sozialen Situationen leidet, sichtbar panisch wird, sich immer weiter zurückzieht oder alltägliche Kontakte kaum noch schafft. Dann kann soziale Angst eine Rolle spielen. Auch bei Kindern kann es sinnvoll sein, genauer hinzusehen, wenn fehlender Blickkontakt gemeinsam mit weiteren Besonderheiten auftritt: etwa deutlich erschwerter sozialer Kommunikation, wenig geteilter Aufmerksamkeit, starker Reizempfindlichkeit oder auffälligen Entwicklungsverläufen. Wichtig ist aber: Fehlender Augenkontakt allein ist keine Diagnose.