Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat: Andrea Stella
Liebe Leser, McLaren-Teamchef Andrea Stella hält nichts von Chaos - oder, genauer gesagt, von jeder Form von Unvollkommenheit. Das ist längst auch außerhalb des Formel-1-Fahrerlagers bekannt. Die Medientermine des Italieners beginnen fast immer ein oder zwei Minuten später als geplant. Der Grund: Er muss zunächst das Durcheinander auf dem Tisch beseitigen, das entsteht, wenn Journalisten ihre Smartphones und Aufnahmegeräte achtlos darauf ablegen. Gerät für Gerät ordnet er neu an, möglichst symmetrisch und in einer klaren Struktur - mit einer Akribie, die an eine Zwangsstörung erinnert. Unter den Journalisten ist das längst ein Running Gag. So auch vor seiner Medienrunde am Samstagabend um 19 Uhr auf dem Hungaroring - der ersten in diesem Jahr nach einer Poleposition für McLaren und zugleich der ersten Pole eines Nicht-Mercedes-Fahrers in der Saison. Als ihm scherzhaft angeboten wurde, das Chaos diesmal einfach Chaos sein zu lassen, lehnte Stella sofort ab. "Nein", sagte er lächelnd. "Nein. Das ist die einzige Option, die wir nicht verfolgen." Erst nachdem sämtliche Geräte vor ihm zu einem perfekten Quadrat angeordnet waren, konnten die Fragen beginnen. Mikrofon-Fehler bremsen Andrea Stella nur kurz Doch das war an diesem Abend nicht die letzte Unvollkommenheit, die Stella ausbremste. Bereits nach weniger als einer Minute seines ersten Statements streikte das Mikrofon. Er bat McLarens Kommunikationschef Luca Colajanni um ein Ersatzgerät. Dann passierte es erneut. Und noch einmal. Als das rote Licht am Mikrofon zum dritten Mal zu blinken begann - möglicherweise ein Zeichen für eine Übersteuerung -, wandte sich Stella erneut an Colajanni. "Ihr versucht wohl, mich bloßzustellen", sagte er mit einem Lächeln. Ob das tatsächlich nur ein Scherz war, dürften wohl nur die Mitarbeiter der McLaren-Kommunikationsabteilung wissen. Im Fahrerlager heißt es jedenfalls, Stella lasse selbst solche kleinen Unzulänglichkeiten nicht einfach auf sich beruhen. Vielmehr erkläre er seinen Mitarbeitern genau, warum bei McLaren kein Platz für Nachlässigkeit sei und weshalb jede Aufgabe - ganz gleich wie klein - möglichst fehlerfrei erledigt werden müsse. Der Null-Fehler-Job bringt McLaren nach vorne Genau um diese perfekte Ausführung, im Englischen "Execution", ging es Stella auch inhaltlich am Samstag. Denn seiner Ansicht nach war es nicht allein die Geschwindigkeit des MCL40, die Lando Norris zur ersten Poleposition als amtierender Formel-1-Weltmeister führte. Entscheidend sei auch gewesen, dass McLaren an diesem Wochenende nahezu alles richtig gemacht habe. Ferrari habe seiner Meinung nach zumindest bis dahin sogar das schnellere Auto besessen. "Wenn wir uns die Daten genau ansehen und die jeweils besten Kurven von Charles Leclerc und Lewis Hamilton zusammennehmen, dann glaube ich, dass Ferrari immer noch das größte Potenzial hatte. Und ein Teil des Ergebnisses ist auch ...", begann Stella, bevor sein Mikrofon erneut ausfiel. Mit einem neuen Mikrofon setzte er fort: "... auf die Umsetzung zurückzuführen. Auf die Umsetzung als Team, weil wir sehr sorgfältig daran gearbeitet haben, gute Gegenmaßnahmen für die schwierigen Bedingungen zu finden. Und auch auf die Umsetzung durch die Fahrer." Der schwierige Weg zurück an die Spitze Die Saison 2026 verläuft für McLaren bislang weit entfernt von Perfektion - insbesondere im Vergleich zur dominanten ersten Saisonhälfte des Vorjahres. Dafür gibt es jedoch nachvollziehbare Gründe: Mercedes und Ferrari, die inzwischen die Konstrukteurswertung anführen, konnten ihre Entwicklung des 2025er-Autos deutlich früher einstellen und sämtliche Ressourcen auf ihre Fahrzeuge für das neue Reglement konzentrieren. Hinzu kommt ein weiterer Nachteil, der sich in diesem Jahr besonders deutlich zeigt: McLaren ist Kundenteam von Mercedes. Immer wieder erklärte Stella in seinen Medienrunden - ohne seinem Motorenpartner Vorwürfe zu machen -, dass McLaren das neue Antriebspaket von Mercedes High Performance Powertrains (HPP) naturgemäß nicht so tief verstehe wie das Werksteam. Auch die eigenen Simulationswerkzeuge seien derzeit noch nicht in der Lage, das Potenzial der gelieferten Antriebseinheit vollständig auszuschöpfen. Erst am Samstag erklärte Stella erstmals, dass einige der "Unstimmigkeiten", mit denen McLaren beim vorherigen Grand Prix noch zu kämpfen gehabt hatte, inzwischen verschwunden seien. Was die McLaren-Updates bewirken Auch das sei ein positiver Nebeneffekt des neuen McLaren-Updates gewesen, das in Ungarn erstmals zum Einsatz kam. Es handelt sich zunächst nur um den ersten Teil eines größeren Entwicklungspakets; weitere Komponenten sollen bei den kommenden Rennen folgen. McLaren verfolgt dabei eine andere Entwicklungsstrategie als etwa Ferrari. Während die Scuderia häufiger kleinere Updates bringt, setzt McLaren auf größere Entwicklungsschritte. Der erste kam bereits in Miami. Zwar brachte das Paket den erwarteten Leistungsgewinn, doch anschließend wurde McLaren von Konkurrenten überholt, die ihre Autos mit kleineren, aber häufigeren Neuerungen kontinuierlich verbesserten. Bemerkenswert bleibt jedoch, dass McLaren unter Stella seit mehreren Jahren mit nahezu jedem großen Update einen erheblichen Schritt nach vorn macht. Das passt zu einer weiteren Eigenheit des Teamchefs - fast ebenso bekannt wie seine Leidenschaft für Ordnung auf dem Medientisch: Stella wirkt jedes Mal aufs Neue überrascht, wenn ein Update tatsächlich den erwarteten großen Leistungssprung bringt. Auch diesmal war das nicht anders. Hat McLaren die eigenen Erwartungen übertroffen? "Ich denke, dass unser Fortschritt hinsichtlich der Wettbewerbsfähigkeit vollständig auf die Updates zurückzuführen ist, die wir hierhergebracht haben. Wie ich bereits gestern gesagt habe und wie man den eingereichten Unterlagen entnehmen konnte, bestand das Paket aus mehreren neuen Komponenten." "Gleichzeitig waren wir aber der Meinung, dass dieser Zeitgewinn wahrscheinlich nicht ausreichen würde, um auf dem Hungaroring die Poleposition zu holen. Und ganz sicher hätten wir nicht erwartet, dass unser Renntempo so stark sein würde." "Ehrlich gesagt glaube ich weiterhin, dass wir unseren Fokus darauf richten müssen, weitere Updates zu bringen, wenn wir künftig regelmäßig um Siege kämpfen wollen." Der WM-Titelkampf 2025 hinterlässt Spuren Dass McLaren zu Beginn dieser Saison Schwierigkeiten haben würde, war letztlich kaum überraschend. Das Team hatte bis zum Saisonende 2025 um beide WM-Titel gekämpft und musste gleichzeitig als Mercedes-Kundenteam die Herausforderungen des neuen Reglements meistern. Umso bemerkenswerter ist die Art und Weise, wie sich McLaren inzwischen zurückgearbeitet hat. Unter Stellas Führung zeigt das Team erneut genau jene Eigenschaften, für die es in den vergangenen Jahren bekannt geworden ist. Alles deutet darauf hin, dass McLaren schon bald wieder regelmäßig um Siege und Weltmeisterschaften kämpfen wird. Zum Abschluss seiner Medienrunde am Sonntag sagte Stella noch: "Als ich mich beim Team für die Updates bedankt habe, habe ich vergessen, HPP zu erwähnen. Das möchte ich nachholen. Und zwar nicht nur, weil man seinem Technikpartner und Motorenlieferanten selbstverständlich dankt." "Es wurde nach einigen Gesprächen über die Nutzung der Antriebseinheit wirklich hervorragende Arbeit geleistet. Ich glaube, dass McLaren und HPP hier in Ungarn den bislang besten Job gemacht haben, wirklich jede einzelne Millisekunde aus der Antriebseinheit herauszuholen." "Dass wir die Poleposition am Samstag mit gerade einmal zwölf Millisekunden Vorsprung geholt haben, zeigt, wie viel Leistung sich dort noch finden ließ. Deshalb: Vielen Dank an HPP." McLaren scheint inzwischen viele der kleinen Unvollkommenheiten beseitigt zu haben, die das Team über mehrere Monate hinweg ausgebremst hatten. Natürlich bleibt noch Arbeit. Doch eines scheint sicher: Andrea Stella wird nicht zulassen, dass auch nur das kleinste Detail unbeachtet oder unverbessert bleibt. Und falls es noch eines letzten Beweises bedurft hätte: Am Sonntag funktionierte sein Mikrofon während der gesamten Medienrunde tadellos.