Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat: Thomas Preining
Liebe Leserinnen und Leser,
die Pressekonferenz nach der DTM-Titelentscheidung hatte bereits begonnen, da hing der neue Champion Thomas Preining noch am Telefon. "Herzlichen Dank", sagte er freundlich. "Darf ich Sie morgen zurückrufen?" Gelächter im Mediacenter - und der 28-jährige Österreicher rechtfertigte sich: "Man hebt ab, wenn der Chef anruft."
Am Telefon war niemand geringerer als Wolfgang Porsche, Sohn von Porsche-Gründer Ferdinand Porsche und Aufsichtsratsvorsitzender des kriselnden Autoherstellers. Selbst der Sieg von Mercedes-AMG-Erzrivale Maro Engel beim Finalrennen konnte Thomas Preining, Manthey und Porsche nicht mehr aufhalten.
Platz drei für Preining, eine perfekte Porsche-Mannschaftsleistung mit drei 911 GT3 R Evo in den Top 4 und zwölf Punkte Vorsprung auf Engel (Gesamtwertung) reichten aus, um den dritten Manthey-Fahrertitel in vier Jahren sicherzustellen. Außerdem ist Preining der erste Doppel-Champion der 2021 angebrochenen GT3-Ära der DTM.
Diese Bilanz ist unglaublich, zumal Teamgründer Olaf Manthey nach Preinings erstem Titel im Manthey-Premierenjahr 2023 noch zu mir sagte: "Ich glaube nicht, dass man zulassen wird, dass wir das nochmal holen." Jetzt ist sogar die Titelverteidigung gelungen!
Preining besiegt Güven-Trauma und Ruf als "One-Trick-Pony"
Auch für Thomas Preining ist es ein unglaublich wichtiger Erfolg: Der Linzer, der das DTM-Prinzip "ein Mann, ein Auto" wie kein anderer verkörpert, schien vor einem Jahr entzaubert.
Trotz seiner bekannten Nervenstärke und der eigenen Aussage, dass er "Druck als Privileg" sieht, verspielte er damals mit zwei schweren Fehlern am Sachsenring den Titel, den dann ausgerechnet Teamkollege Ayhancan Güven auf spektakuläre Art abstaubte.
Plötzlich war der Türke der Held, dessen verrücktes Erfolgsmanöver weltweit für Aufsehen sorgte, von Preining sprach niemand mehr. Und dann erhielt er auch noch den schnellen Ricardo Feller als neuen Manthey-Teamkollegen - und sein Renningenieur Kai Störling, mit dem er Manthey eine Einheit bildete, zog sich zurück. Nicht die einfachste Situation.
Doch wer mit Menschen spricht, die Preining kennen, erkennt schnell: Der ehrgeizige "Grello"-Pilot hat 2026 den nächsten Schritt gemacht. Von Kritikern wurde er vor einigen Jahren als "One-Trick-Pony" verschrien, das nur in der DTM funktioniert und bei Langstreckenrennen zu wenig kompromissbereit sei.
Doch dieses Jahr fährt Preining, der mit Manthey in der US-amerikanischen IMSA-Serie die langen Klassiker bestreitet und in Spa mit Lionspeed seinen ersten Sieg bei einem 24-Stunden-Rennen einfuhr, auch in der Langstrecke überragend. "Er ist dieses Jahr sauschnell und macht noch weniger Fehler", sagt ein Kenner.
Umstrittene Norisring-Rücktrittsdrohung: War alles Strategie?
Aber auch in der DTM war beeindruckend, wie er sich nach seiner Rücktrittdrohung am Norisring wieder aufrappelte: Damals wurde er zweimal Neunter und lag in der Meisterschaft nur auf Platz sieben, ehe er sechs Podestplätze in Folge einfuhr. Das ist ein Rekord in der GT3-Ära der DTM.
"Manthey hat bewusst die Porsche-Strecke Norisring geopfert, um dann eine bessere BoP zu bekommen", hört man im Fahrerlager. "Sie haben das sehr clever gespielt."
Doch diese Erklärung könnte zu einfach sein: Der Norisring, auf dem Preining 2022 den ersten DTM-Sieg bescherte, war zwar tatsächlich immer eine Porsche-Strecke, doch die auf mehr Abtrieb ausgelegte Evoversion funktionierte dort nicht. Das soll sogar Porsche selbst falsch eingeschätzt haben.
Dass es danach wie am Schnürchen lief, könnte zum Teil auch auf Preining selbst zurückzuführen sein: Er gilt als Fahrer, der - wenn er einmal Blut geleckt hat und es läuft - nochmal über sich hinauswächst. Preining arbeitet wie sein Idol Rene Rast extrem akribisch und lässt sich kaum von anderen Dingen ablenken.
Warum der DTM-Titel für Porsche gerade jetzt so wichtig ist
Der große Triumph in der DTM kommt auch für Porsche zum perfekten Zeitpunkt: Die Volkswagen-Tochter hat vor einer Woche ihre neue Strategie "Sportwagenschmiede '35" präsentiert. Dabei will man sich auf das Kerngeschäft zurückbesinnen und in kleineren Serien klassische Sportwägen bauen. So sollen die Kosten gesenkt und der Gewinn gesteigert werden.
Aus diesem Grund hat Porsche - entgegen dem Trend in der Krise - seine Anteile an Manthey von 51 sogar auf 67 Prozent erhöht. Der DTM-Titel mit dem Unternehmen aus Meuspath, das für Porsche weit mehr als nur Motorsport betreibt, ist diesbezüglich ein wichtiges Signal für die Zukunft.
Denn gerade der Erfolg mit dem typischen Porsche-Fahrzeug zeigt, wie man die Marke weiterhin über den Motorsport aufladen und das Profil schärfen kann. Wie wichtig die zwei Titel - Manthey holte auch die Teamwertung - für Porsche sind, zeigte auch die enorme Management-Präsenz am Wochenende.
Neben Motorsportchef Thomas Laudenbach wurden auch Porsche-Chef Michael Leiters und Entwicklungsvorstand Michael Steiner in der Manthey-Box gesichtet.
Preinings Porsche-Vertrag läuft aus: Wie geht es weiter?
Aber wie geht es jetzt für Preining weiter, dessen Porsche-Werksvertrag mit Jahresende ausläuft? Gerade nach dem großen Triumph wäre alles andere als eine Verlängerung aus Porsche-Sicht eine große Überraschung. Und auch Preining wäre gut beraten, zu bleiben.
Kaum jemand kommt mit dem diffizilen Neunelfer besser zurecht als er. Andere Hersteller könnten zwar Hypercar-Engagements bieten, doch wer weiß, ob die Fahrzeuge dann auch konkurrenzfähig sind. Außerdem benötigen die Prototypen viel Energiemanagement, während Preining als purer Racer am liebsten einfach Gas gibt.
Und tolle Ziele gibt es auch im GT3-Bereich: Preining hat die Langstrecken-Klassiker auf dem Nürburgring, in Daytona und in Bathurst noch nicht gewonnen - und auch ein Macau-Triumph würde sich gut machen im Lebenslauf.
In seiner Lieblingsserie DTM würde er mit einem dritten Titel mit Rast und Klaus Ludwig gleichziehen - und auch Bernd Schneiders fünf Titel wären dann nicht mehr völlig außer Reichweite. Mit Manthey wäre selbst das nicht ausgeschlossen.