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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Carlos Sainz

Sport

Liebe Leserinnen und Leser,

es ist genau zehn Jahre her, dass die Formel 1 am 19. Juni 2016 zum ersten Mal in den Straßen von Baku gefahren ist. Alle waren gespannt auf die Grand-Prix-Premiere in Aserbaidschan, und viele hatten auf dem Stadtkurs ein chaotisches Rennen mit vielen Crashs vorhergesagt. Am Ende kam es ganz anders, und der Grand Prix von Europa ließ viele Formel-1-Fans gut schlafen - und das schon am frühen Nachmittag.

Ich erinnere mich noch gut daran, dass im Medienzentrum in Baku, unkonventionellerweise untergebracht nicht direkt im Paddock, sondern im Hilton-Hotel gleich daneben, viele Journalistenkollegen gar nicht Formel 1 schauten, sondern Le Mans. Beim klassischsten aller 24-Stunden-Rennen ging nämlich der führende Toyota praktisch in der allerletzten Minute ein, und Porsche erbte unverhofft den Sieg. Ein Drama historischen Ausmaßes.

Den Premierensieger in Baku haben viele wahrscheinlich schon wieder vergessen. Es war Nico Rosberg - also jener Mann, der ein paar Monate später Formel-1-Weltmeister werden sollte. Und jener Mann, der gestern Nachmittag während der englischsprachigen TV-Übertragung von Sky sagte: "Carlos Sainz war der Botschafter. Also müssen wir Carlos Sainz kritisieren."

Rosbergs Kritik bezieht sich auf den Madring, auf dem am Sonntag eine ähnlich einschläfernde Grand-Prix-Premiere stattgefunden hat wie vor zehn Jahren in Baku. Mit einem, wie ich finde, wesentlichen Unterschied: Das erste Formel-1-Rennen in Aserbaidschan mag vielleicht sportlich wenig aufregend gewesen sein. Die TV-Bilder waren es aber schon, mit der ikonischen Altstadtpassage und der spektakulären Kulisse der Skyline einer City, deren Wohlstand der Geruch von Öl und Gas anhaftet.

Der TV-Broadcast aus Madrid zeigte ab und zu Drohnen- beziehungsweise Helikopteraufnahmen von einer der unbestritten schönsten Metropolen Europas. Doch immer dann, wenn die Rennstrecke selbst im Fokus stand, hatte das den Charme eines "Betonkanals", wie Alexander Wurz in seiner Rolle als Experte beim österreichischen Broadcaster ORF anmerkte.

Madring: Tolle Kurven, mieses Racing, öde Kulisse

Der Vorsitzende der Fahrergewerkschaft GPDA übte sanfte Kritik am Projekt Madring, indem er unter anderem sagte: "Bin ich jetzt in Australien, bin ich in Valencia, bin ich hier in Madrid, wo bin ich? Oder in Dschidda? Diese Stadtkurse schauen immer alle gleich aus. Das heißt, ich repräsentiere meine Host-City nicht so cool. Da könnte man einiges machen."

Der große Unterschied ist: Während in Baku oder Singapur die Formel-1-Strecke mitten in die City gebaut wurde, befindet sich der Madring auf dem Messegelände der Stadt. Wahrscheinlich, weil es in einer europäischen Demokratie etwas komplexer und bürokratischer sein mag, einen Grand Prix mitten durch eine historische Altstadt gehen zu lassen, als das in einer asiatischen Autokratie der Fall ist.

Dazu kommt, dass das Rennen kaum jemanden vom Hocker gerissen hat. Der Madring verbindet den kratzbürstigen Anti-Charme des Vorgängerprojekts in Valencia mit einer Streckenführung, die Überholen nahezu unmöglich macht. Ein Monaco für Arme, könnte man ätzen.

Den Mut, das offen auszusprechen, hatte übrigens kaum jemand. Es ist verblüffend, wie sehr sich die Teamchefs der Formel 1 inzwischen zusammenreißen können, wenn es darum geht, ein neues Produkt nicht madig zu reden. Bevor Liberty Media den Sport an die Börse gebracht hat, wäre das, unterstelle ich, vielleicht noch anders gewesen.

Daraus jetzt Carlos Sainz einen Strick zu drehen, wie das Nico Rosberg tut, wegen seiner Rolle als offizieller Botschafter, ist vermutlich dennoch unangebracht. Das Streckendesign haben andere verbrochen, und dafür, dass das Messegelände seiner Heimatstadt halt die haptische Attraktivität eines Messegeländes ausstrahlt, kann er auch nichts.

Sainz in Madrid: Wie ein PlayStation-Zocker

Wofür er allerdings schon etwas kann, ist die PlayStation-like Aktion gleich am Start. Sainz kam super von der Linie weg, schnappte sich drei Gegner beim Beschleunigen hin zur ersten Kurve. Dort wollte er sich dann in allerbester Hobby-Gamer-Manier die nächsten beiden vornehmen - doch stattdessen rutschte er mit stehendem rechten Vorderrad in den VCARB von Yuki Tsunoda. Die Zocker unter uns hätten nach so einem Start wahrscheinlich das Spiel abgebrochen und es gleich nochmal probiert. Ist halt nicht, mit der Realität als Spielverderber.

Dass Sainz diesen Blindflug im Nachhinein als "kleinen Kontakt mit Tsunoda" beschreibt, "bei dem ich mir den Unterboden beschädigt habe", bringt jeden zum Lachen, der sich seine Onboard-Perspektive nochmal in Ruhe anschaut. Dass er für die Aktion von den FIA-Kommissaren keine Strafe kassierte, kann eigentlich nur am Heimvorteil liegen.

Später im Rennen gab's dann doch noch fünf Sekunden, allerdings für eine andere Aktion mit Landsmann Fernando Alonso. Der tobte am Boxenfunk: "Er hat mich gegen die Mauer gedrängt, Mann. Am Start ist er in zwei Leute gecrasht. Und jetzt drückt er mich beim Bremsen gegen die Mauer." Und alles, was Sainz zu der grenzwertigen Situation einfiel, war: "Fernando hat sich am Funk doch nur beschwert, damit ich eine Strafe bekomme. Wie immer."

Unterm Strich spielten beide Spanier bei ihrem Heim-Grand-Prix keine Rolle. Sainz stellte irgendwann ab, weil er keinen Sinn mehr darin sah, sich mit so wenig Downforce weiter abzustrampeln. "Hoffentlich ist das das letzte Jahr, in dem ich hier in Madrid um Platz 16 kämpfe. Ab nächstem Jahr kämpfe ich hoffentlich wieder um mehr", sagt er.

Die Wahrheit ist: Er hatte keine andere Wahl ...

Ein Optimismus, den wahrscheinlich nicht viele teilen. Sainz hat gerade erst seinen Williams-Vertrag verlängert, und auch wenn er sich noch so bemüht, das unter dem Claim zu verkaufen, dass er an die langfristige Perspektive des Projekts glaubt - die Wahrheit ist: Hätte er ein Angebot von Mercedes, Ferrari, McLaren oder Red Bull gehabt, hätte er dieses natürlich angenommen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Sainz' Glaube an Williams beruht mit einem Schuss Häme betrachtet vor allem auf der Tatsache, dass er ohnehin keine anderen Optionen hatte, die besser gewesen wären. Nur kann er das schlecht so als sein Zitat in die Williams-Presseaussendung zur Vertragsverlängerung reinschreiben lassen.

Mit 32 Jahren und Verträgen bei Red Bull (Toro Rosso), McLaren und zuletzt Ferrari hat er die goldene Zeit seiner Formel-1-Karriere wahrscheinlich hinter sich, denn in einer Ära, in der die jungen Wilden wie Kimi Antonelli nachdrängen, erscheint es schwer vorstellbar, dass sich irgendwann nochmal ein Teamchef mit einem Siegerauto bewusst dazu entscheiden wird, Sainz aus der Versenkung zu holen und ihm die Chance zu geben, doch noch Weltmeister zu werden.

Eine Wahrheit, die so aufgeschrieben ziemlich brutal klingt. Und nicht zwangsläufig bedeutet, dass der Spanier in seinem Schaffen gescheitert sein muss.

Warum es trotzdem eine gelungene Karriere ist

Sainz fährt seit 2015 Formel 1, hat immerhin vier Grands Prix gewonnen und bei legendären Teams wie McLaren und Ferrari Millionen verdient. Er war in seiner ersten Saison bei Toro Rosso einem gewissen Max Verstappen fast ebenbürtig, und über die Jahre erarbeitete er sich den Ruf, nicht nur einen schnellen Gasfuß zu haben, sondern auch die Smartness und den Weitblick eines erfolgreichen Geschäftsmannes. Er kann die Gene seines Vaters halt nicht leugnen. Auch, was das gute Aussehen betrifft.

Aber die Sache mit dem Gewinnen einer Formel-1-WM, die kann nüchtern betrachtet in diesem Leben eigentlich nicht mehr klappen. Nicht, weil ihm ab und zu mal ein Blackout-Sonntag wie gestern in Madrid passiert. Sondern weil ihn die ganz Großen nicht mehr wollen, und weil mir die Fantasie dazu fehlt, wie das mit Williams in den nächsten paar Jahren etwas werden soll.

Vielleicht wäre es im Nachhinein betrachtet doch schlau gewesen, zu Audi zu wechseln statt zu Williams, wo ihn der damalige (Sauber-)Teamchef Andreas Seidl unbedingt haben wollte. Audi mag Stand 2026 auch nicht sehr viel weiter sein. Aber die Chancen, mit einem Werksteam den Durchbruch zu schaffen, stehen wahrscheinlich einen Tick besser als mit Williams.

Sainz und sein Vater haben, als sie Lewis Hamilton in ihrem Transferpoker irgendwie übersehen hatten, insgeheim gehofft, dass vielleicht doch bei Red Bull oder sogar Mercedes eine Tür aufgehen könnte. Doch schon damals wollte Toto Wolff lieber dem unbeschriebenen Blatt Antonelli eine Chance geben statt dem Routinier Sainz. Und die Verstappens blieben dann doch genau dort, wo sie waren.

Am Ende wurde es nicht Audi, sondern Williams - und möglicherweise der Beginn des letzten Kapitels in Sainz' Karriere in der Formel 1. Gut möglich, dass er noch ein paar Jahre im Mittelfeld rumkrebsen wird. Eher unwahrscheinlich, dass es nochmal zu sehr viel mehr reicht.

Vielleicht wäre er ja ganz gut beraten, sein Talent woanders einzusetzen, wo es besser in Szene gesetzt werden kann. Bei einem Langstreckenklassiker wie in Le Mans zum Beispiel, oder in der "Grünen Hölle" auf dem Nürburgring. Dort könnte sich Sainz irgendwann in Zukunft vielleicht sogar wieder mit Verstappen und Antonelli messen. Auf jenem ganz hohen Niveau, das eines Mannes seiner Kragenweite würdig ist.

Euer

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