Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Lando Norris
Liebe Leserinnen und Leser,
im allgemeinen Jubel um Kimi Antonelli, dessen vorzeitige WM-Party am Sonntagabend in Austin kurzfristig auf Mexiko vertagt werden musste, ging beinahe unter, dass die Formel-1-Saison 2026 ihre erste endgültige Entscheidung hervorgebracht hat. Und die betrifft ausgerechnet den Mann, der eigentlich noch Weltmeister ist.
Lando Norris hat nach 18 von 23 geplanten Grands Prix 154 Punkte Rückstand auf den zweifellos angehenden Champion Antonelli - doch in Mexiko, Brasilien, Las Vegas, Katar und Abu Dhabi sind maximal noch 125 Punkte pro Fahrer zu vergeben. Damit ist seine Regentschaft als Formel-1-Weltmeister offiziell beendet. Die heiß ersehnte Startnummer 1, die er sich nach jahrelangem Anlauf endlich aufs Auto kleben durfte, wird schon nach einer Saison wieder verschwinden. Was bleibt, ist eine Abschiedstour durch fünf Grand-Prix-Wochenenden.
Wo Norris die WM 2026 verloren hat
Dass der 26-Jährige an der Titelverteidigung scheitern würde, war im Grunde genommen schon länger klar. Bereits beim Saisonauftakt in Melbourne zeichnete sich ab, dass Mercedes 2026 nur sehr schwer zu schlagen sein würde, und es dauerte bis zum vierten Saisonrennen in Miami, ehe Norris erstmals auf dem Podium stand.
Dann brachte McLaren im Juli ein Update, das (zu?) spät, aber doch den Eindruck erweckte, das Team könne an alte Stärke anknüpfen. Norris gewann die Grands Prix vor der Sommerpause in Ungarn und nach der Sommerpause in den Niederlanden, und auch wenn da schon absehbar war, dass es wohl eher nicht mehr zur Titelverteidigung reichen würde, hatten ihn doch zahlreiche Beobachter als möglichen Vizechampion auf dem Zettel. Ich auch, zugegeben.
Inzwischen wissen wir, dass Ungarn und die Niederlande nur ein Strohfeuer waren. Der McLaren-Mercedes MCL40 ist kein grundsätzlich langsames Rennauto. Aber eines, das seinen Fahrern mitunter Rätsel aufgibt, auf die selbst die eigenen Ingenieure keine schlüssigen Antworten finden. Oder, wie Norris selbst es beschreibt: Wenn du drei Kurven einer Runde super triffst, und dann am Set-up schraubst, um die nächsten drei Kurven besser hinzukriegen, klappen zwar die neuen Kurven besser, dafür ist aber die Balance in den alten dahin.
Singapur: Ein Wendepunkt?
Singapur war dann ein vorläufiger Tiefpunkt auf dem Weg zur Entthronung, als Norris im F1-Sprint ausgerechnet seinem Teamkollegen Oscar Piastri ins Auto fuhr und sich dafür mehrere Standpauken anhören musste. Hinter verschlossenen Türen, wie man das in einem von Andrea Stella geführten Team nicht anders erwarten würde. Aber möglicherweise mit nachhaltigerer Wirkung, als den Verantwortlichen lieb sein kann.
Ein Ereignis, das vielleicht Spuren hinterlassen hat in der Beziehung zwischen Norris, der von Fans immer für McLarens unumstrittenen Golden Boy gehalten wurde, und seinem Team.
Norris ist nicht dafür bekannt, zu jedem Zeitpunkt ein unerschütterliches Selbstbewusstsein auszustrahlen, wie etwa ein Max Verstappen das tut. Doch über weite Strecken der Saison 2026 wirkte er in sich ruhend - mit der Gewissheit, sein großes Lebensziel bereits abgehakt zu haben.
Aber am vergangenen Wochenende in Austin, zwei Wochen nach Singapur und den offenbar deutlichen Ansagen hinter verschlossenen Türen, war von dieser inneren Ruhe plötzlich nicht mehr viel zu spüren. Als hätte jemand auf die Bremse getreten. Nicht bei seinem Fahrstil, sondern bei seiner Persönlichkeit.
Norris verkniff sich in Interviews seinen sonst manchmal ironisch angelegten Humor, und am Boxenfunk während des Rennens wirkte er stellenweise fast eingeschüchtert und verunsichert. Es erinnerte mich an ein Kind, das gerade von seinen Eltern zusammengestaucht wurde und sich anschließend nicht mehr traut, den Mund aufzumachen. Selbst dann nicht, wenn es insgeheim überzeugt ist, eigentlich recht zu haben.
Boxenfunk spricht Bände
Etwa in der Anfangsphase des Rennens auf dem Circuit of The Americas (CoTA), als er hinter Piastri lag, offensichtlich schneller war als der Teamkollege und gefragt wurde, wie viel schneller er denn nun tatsächlich fahren könne. Eine Einladung zum orchestrierten Platztausch, sozusagen.
Der normale Rennfahrer-Reflex wäre dann eine Antwort wie "mindestens vier Zehntel" gewesen. Stattdessen stammelte Norris leise vor sich hin: "Ja, ich meine ... Ja. Ich bin näher an ihm dran als er am Auto vor ihm." Das klang nicht nach einem Weltmeister, der selbstbewusst eine Ansage macht. Sondern nach einem Fahrer, der möglichst vermeiden möchte, irgendjemandem auf die Füße zu treten.
Irgendwann später im Rennen, als Norris versuchte, mit verschlissenen Reifen ohne weiteren Boxenstopp durchzukommen, wurde ihm per Funk angeraten, die Reifen jetzt doch wechseln zu lassen, weil er einen Bremsplatten habe. Er antwortete darauf: "Ich habe keinen Bremsplatten. Aber ihr könnt tun, was immer ihr wollt." Und später sagte er sogar: "Keine Funksprüche mehr, bitte."
Seine Stimme hörte sich dabei nicht aggressiv oder wütend an, aber trotzig. Norris kommunizierte schmallippig, auf das Allernötigste reduziert. Jeder von uns kennt das: Wenn mir meine Lebensgefährtin gerade richtig auf den Senkel geht und ich innerlich koche, ich es aber nicht auf einen Streit ankommen lassen will, weil ich sonst völlig explodieren würde, verhalte ich mich genauso. Kurze Antworten, keine unnötigen Diskussionen. Nur ja nichts sagen, was die Situation weiter eskalieren lässt - wohl wissend, dass mein Gegenüber trotzdem ganz genau weiß, was in mir vorgeht.
Vielleicht kommt das alles genau zum richtigen Zeitpunkt. Ein reinigendes Gewitter in einer Situation, in der sich Norris und McLaren ein reinigendes Gewitter leisten können. Nico Rosberg hat 2015 auch in Mexiko angefangen, nach einer verkorksten Saison ein Rennen nach dem anderen zu gewinnen. Und wir wissen, wie die Geschichte 2016 ausgegangen ist.
Die Aura der großen Champions
Es gibt Formel-1-Weltmeister, die eine fast magische Präsenz des Erfolgs ausstrahlen. Ayrton Senna war zum Beispiel so einer. Wenn die Nachzügler seinen gelben Helm im Rückspiegel sahen, fuhren sie beim Überrunden fast ehrfurchtsvoll zur Seite. Weil sie wussten, wie kompromisslos Senna sein kann. Oder Max Verstappen, bei dem selbst Lewis Hamilton im Zweikampf regelmäßig einen Rückzieher macht - weil man weiß, dass es Max im Zweifel auch drauf ankommen lassen würde.
Norris hat diese Aura nicht. Norris gehört nicht zu jenen Weltmeistern, die ihre Selbstzweifel abends mit ins Bett nehmen, sie dort ganz allein mit sich ausmachen und am nächsten Morgen wieder die unantastbare Fassade des großen Champions aufsetzen. Er trägt seine Unsicherheiten offen zur Schau. Und riskiert damit, dass andere die Stellen erkennen, an denen seine Rüstung nicht ganz so dick ist. Der offene Umgang mit seinen eigenen Unsicherheiten macht ihn mir als Mensch äußerst sympathisch. Aber womöglich macht es ihn auch ein bisschen verletzlich und angreifbar.
Wird Norris am Ende seiner Karriere in einem Atemzug mit Senna oder Verstappen genannt werden, als mehrfacher Weltmeister? Oder wird es eher die Geschichte eines Jenson Button bleiben: ein einziger, dafür umso glanzvollerer WM-Titel, dem nie ein zweiter folgen sollte?
Das wird zu einem großen Teil davon abhängen, welches Auto McLaren ihm in den kommenden Jahren hinstellt. Aber vielleicht auch ein kleines bisschen davon, ob Norris lernt, sich ein dickeres Fell zuzulegen. Ob er es schafft, sich von Kritik nicht aus dem inneren Gleichgewicht bringen zu lassen. Und ob er irgendwann akzeptiert, dass man es selbst als Weltmeister nicht jedem recht machen kann.
Euer