Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Max Verstappen
Liebe Leser,
eines vorweg: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Max Verstappen mit vier WM-Titeln auf dem Konto, einer liebevollen Familie zuhause und vielen reizvollen Optionen, die ihn abseits der Formel 1 locken würden, wirklich schlaflose Nächte hat.
Und trotzdem dürfte es ihn mächtig wurmen, dass es in der Formel 1 derzeit so schlecht für ihn läuft. Und es sieht nicht danach aus, als würde das in naher und mittelfristiger Zukunft besser werden. Innerhalb eines Jahres hat sich seine Lage in der Königsklasse drastisch verschlechtert.
Rückblick: Noch vor einem Jahr schien ihm die Formel-1-Welt zu Füßen zu liegen. Zwar war Red Bull schon damals sportlich nicht so gut aufgestellt wie in den Jahren davor, doch die Zukunft schien trotzdem vielversprechend zu sein.
Während der Sommerpause wurden die Yachten von ihm und Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff vor Sardinien im Internet gestalkt, und alle redeten nur von einem Wechsel zu den Silberpfeilen. Wolff machte zumindest keinen Hehl daraus, den Niederländer gerne für sein Team verpflichten zu wollen - wenn nicht jetzt, dann wenigstens später.
Damals schien der Verbleib von Verstappen bei Red Bull ein kluger Schachzug zu sein. So könnte er schauen, welches Team das neue Reglement am besten umgesetzt bekommt, und sich dann entscheiden, wo er 2027 fahren möchte - so zumindest in der Theorie.
Doch die freie Wahl scheint er jetzt gar nicht zu besitzen.
Alle Wege blockiert
Von allen möglichen Spitzencockpits gab es Absagen - auch von Mercedes. "Wir wollen keine Veränderung. Ich bin zufrieden mit unseren beiden Fahrern. Diese Fahrerpaarung ist gut für uns", hatte Wolff vor dem Großen Preis von Österreich gesagt und Verstappen damit verbal die Tür zugeschmissen.
Die Logik ist auch klar: Wolff reitet mit Mercedes auf einer Erfolgswelle und hat keinen Grund, etwas an seiner Paarung zu ändern. George Russell ist eine verlässliche Größe und genießt den Rückhalt im Team, und Kimi Antonelli, den man bei weiteren Leistungen wie im Vorjahr vielleicht noch einmal in ein anderes Team hätte stecken können, fährt die Konkurrenz 2026 in Grund und Boden.
Mit seinen 19 Jahren hat der Italiener noch eine Menge Entwicklungspotenzial - und günstiger als der viermalige Weltmeister dürfte er auch sein.
Auch vom aktuellen Weltmeisterteam McLaren hagelte es eine Absage. Zwar gab Geschäftsführer Zak Brown zu, dass ein Name wie Verstappen nach außen schon für Aufregung sorgen würde, Gespräche mit ihm hätten jedoch zu nichts geführt. Außerdem besitzen Lando Norris und Oscar Piastri noch langfristige Verträge. "Ich bin sehr zufrieden mit unserer Fahrerpaarung", so Brown.
Bliebe als einzige Option noch Ferrari, alles andere wäre sportlich eine klare Verschlechterung. Doch Ferrari hat den Vertrag mit Charles Leclerc erst vor wenigen Wochen erneuert. Und da Lewis Hamilton seine Form wiedergefunden hat und gerne weiterfahren möchte, wird Ferrari auch einen Teufel tun und eine Formel-1-Legende wie ihn vor die Tür setzen.
Verstappens einzige Option heißt also: Red Bull. Oder die Formel 1 komplett verlassen.
Kein Vertrauen mehr in Red Bull
Doch bei Red Bull scheint er aktuell das Vertrauen verloren zu haben. "Diese Frage sollten sie mir nicht mehr stellen", sagt er am Samstag klipp und klar auf ein ähnliches WM-Comeback wie im vergangenen Jahr angesprochen.
Damals hatte Red Bull das Blatt gegen McLaren komplett gewendet und Verstappen wieder in den WM-Kampf gebracht. Das traut er seinem Team in dieser Saison aber nicht zu.
Im Gegenteil: Der 28-Jährige fand nach dem Qualifying, in dem er hinter Teamkollege Isack Hadjar auf Rang sieben gelandet war, andere Worte: "Das ist peinlich, schlecht", sagt er.
Gemeint war damit weniger seine eigene Leistung, sondern eher die des Autos, das neben einer schlechten Balance auch keine Power auf die Straße brachte - obwohl der Verbrenner ja laut FIA der beste im Feld ist, weswegen Red Bull Ford auch keine zusätzliche Entwicklung bekommt.
Verstappens nächstes Ärgernis: Er wollte nach dem verpatzten Qualifying eigentlich aus der Boxengasse starten, um noch etwas am Auto ändern zu können. Doch Red Bull hatte einen anderen Plan und hörte nicht auf seinen Piloten. "Keine Ahnung", entgegnet er auf die Gründe angesprochen. "Sie waren vielleicht zuversichtlich, es reparieren zu können - ich war es nicht."
"Super gefährlich": Wut nach nächstem Abflug
Dementsprechend war Verstappen nicht überrascht, dass er im Rennen die gleichen Probleme wie zuvor vorfand. Der Tiefpunkt des Wochenendes kam jedoch fünf Runden vor dem Ende, als von den Fernsehkameras eine Staubwolke eingefangen wurde, die sich schließlich als RB22 entpuppte.
Statt auf dem Podium zu stehen, endete Verstappens Rennen im Kiesbett, was den Ex-Weltmeister mächtig zum Brodeln brachte: "Dieses verdammte Auto, unglaublich", schimpfte er am Funk und legte vor den Mikrofonen noch einmal nach: "Das kann nicht sein", schüttelte er den Kopf.
"An dem Punkt ist es super gefährlich, weil du dich wirklich verletzen kannst - und das jetzt schon zweimal. Ich hatte in Österreich Glück, ich hatte hier Glück, aber genau deshalb hat man es irgendwann einfach absolut satt."
Schon im Qualifying von Spielberg war Verstappen auf ähnliche Weise abgeflogen - auch damals hatte Teamchef Laurent Mekies von einem Fehler am Auto gesprochen. Und auch diesmal nahm er die Schuld auf sich: "Er hat völlig recht, unzufrieden zu sein", gab Mekies kleinlaut zu.
"Es ist für Fahrer extrem unangenehm, in zwei aufeinanderfolgenden Rennen in schnellen Kurven vom Auto im Stich gelassen zu werden - wenn auch aus zwei unterschiedlichen Gründen."
Endet Max Verstappens Formel-1-Zeit bald?
Bei Red Bull brennt der Baum. So schön auch die derzeitigen Nebenerfolge wie die guten Ergebnisse der Racing Bulls und die drei Siege in Folge von Junior Nikola Tsolov in der Formel 2 auch sein mögen: Wenn Max Verstappen unzufrieden ist, ist alles andere irrelevant.
Verstappen wird sich wohl damit abfinden müssen, dass er in der Formel 1 in naher Zukunft keinen Spaß mehr haben wird - weder renntechnisch noch sportlich.
Ein Abgang des viermaligen Weltmeisters wäre ein großer Verlust für Red Bull und die Formel 1 - aber ein großer Gewinn für jede andere Serie, in die es ihn ziehen würde. Der Nürburgring lässt grüßen.
Euer