Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Toprak Razgatlioglu
(Motorsport-Total.com) - Liebe MotoGP-Fans,
zunächst möchte ich Toprak Razgatlioglu gute Besserung wünschen! Der Sturz in Indonesien am Samstagvormittag war brutal. Er hat sich dabei die rechte Schulter ausgekugelt, die noch an der Strecke wieder eingerenkt wurde.
Dass er dann noch das Qualifying und den Sprint gefahren ist, war beeindruckend. Als Razgatlioglu am Sonntag aufgewacht ist, waren die Schmerzen in der Schulter allerdings viel stärker als noch am Samstag.
Trotzdem nahm er den Grand Prix in Angriff, um sein Pramac-Team nicht im Stich zu lassen. Auch das verdient großen Respekt. In der neunten Runde musste er schließlich in der Box aufgeben.
Nach dem Rennen meinte der 29-Jährige, dass die Schmerzen nicht das Problem waren, sondern dass er keine Kraft in der Schulter hatte. Speziell die Richtungswechsel im schnellen Sektor konnte er kaum fahren.
Am Montag plant Razgatlioglu, sich in der Türkei genau untersuchen zu lassen. Er hofft, dass keine Operation notwendig wird. So wie er müssen wir abwarten, was die Ärzte empfehlen werden.
Ich möchte unsere heutige Kolumne dafür nutzen, allgemein auf Razgatlioglus Saison und Situation zu blicken. Denn wirkliche Highlights konnte er bisher kaum bis gar nicht zeigen.
Ernüchterung und Stagnation
Zu Saisonbeginn habe ich gesagt, dass er Zeit brauchen wird, sich in der MotoGP einzuleben. Das neue V4-Projekt von Yamaha steckt noch in den Kinderschuhen. Jede Strecke ist für die Ingenieure praktisch ein weißes Blatt Papier.
Dazu ist für Razgatlioglu alles neu. Deshalb ist es nur fair, wenn wir ihm die Zeit geben, denn wir wissen, dass er grundsätzlich ein großes Talent besitzt. Das hat er in der Superbike-WM eindrucksvoll bewiesen.
Die Freude und die Leichtigkeit, die wir von ihm kannten, waren aber schon zu Saisonbeginn verschwunden. Ich glaube, ihm wurde schon bei den Wintertestfahrten klar, dass er vor einer gewaltigen Aufgabe steht.
Das Rennen im Balaton Park war, glaube ich, sein bisher bestes. Als Elfter war Razgatlioglu in Ungarn auch der beste Yamaha-Fahrer. Aber seit dem Sommer wirkt er auf mich noch ernüchterter, denn er wird nicht besser, sondern stagniert.
Er braucht zudem immer zu lange, um halbwegs zurechtzukommen. Seine Rennpace ist im Vergleich zu den anderen Yamaha-Fahrern meistens in Ordnung. Aber wenn er von den letzten Startplätzen kommt, ist er hinten praktisch gefangen.
Denn der neuen Yamaha fehlt es an Topspeed, und es ist kaum möglich, andere Motorräder zu überholen. Es ist verständlich, dass die Motivation eines Fahrers, der es gewohnt war, Rennen zu gewinnen, im Keller ist.
Diogo Moreira macht es schlicht besser
Dass Razgatlioglu nach zwei Dritteln der Saison die Michelin-Reifen noch immer nicht richtig versteht, ist natürlich auch so eine Sache. Auch für Diogo Moreira, den anderen Rookie im Feld, waren diese Reifen neu.
Wenn uns Moreira nach zwei Dritteln der Saison erklären würde, dass er mit den Reifen noch nicht richtig zurechtkommt, dann würden wir doch sagen, dass er nicht gut genug für die MotoGP ist, oder?
Razgatlioglus Hauptprobleme sind die Reifen, das Bremsen und der Kurvenspeed. Er tut sich weiterhin schwer damit, seinen Superbike-Fahrstil auf den MotoGP-Fahrstil umzustellen.
Trotzdem ist er oft auf Augenhöhe mit Alex Rins und Jack Miller. Wenn Fabio Quartararo richtig Gas gibt, dann kann er mit der lahmen Yamaha den Unterschied machen, wie er in Motegi und Mandalika gezeigt hat.
Ich meine, die ganz großen Talente, die ganz großen Weltmeister können sich anpassen. Razgatlioglu probiert es und arbeitet hart, aber ihm scheint es nicht zu gelingen, sich auf den MotoGP-Stil umzustellen.
2027 wird das entscheidende Jahr
2027 wird dann das entscheidende Jahr werden. Ich würde das auch als Rookie-Saison und neue Chance für Razgatlioglu betrachten. Ob der Wechsel auf die Pirelli-Reifen für ihn der magische Schalter sein wird, bleibt abzuwarten.
Die Tendenz der neuen 850er-Prototypen geht klar in Richtung Kurvenspeed. Das ist auch ein Aspekt, auf den sich Razgatlioglu wird umstellen müssen. Wer weiß, vielleicht kommt er mit dem neuen Motorrad super zurecht.
Allerdings befürchte ich, dass die Yamaha wieder das Schlusslicht sein wird. Dass Razgatlioglu regelmäßig in den Top 6 mitmischen wird, wage ich eher zu bezweifeln. Aber lassen wir uns überraschen.
Gespannt bin ich im nächsten Jahr auf den Vergleich mit seinem neuen Teamkollegen Izan Guevara. Er ist im Gegensatz zu Razgatlioglu den klassischen Weg über die Moto3 und Moto2 gegangen.
Das wird die interessante Messlatte sein: Agieren Razgatlioglu und Guevara auf Augenhöhe? Ist einer über die Saison gesehen klar besser? Das wird sicherlich entscheiden, ob Razgatlioglu länger in der MotoGP bleibt oder ob nach 2027 vielleicht schon Schluss ist.
Euer