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Wer profitiert vom Widerstand?

Wissenschaft

Kampf gegen Windkraft

Wer profitiert vom Widerstand?

Stand: 12.09.2026 10:15 Uhr

Windkraft spaltet Gemeinden. Für die einen stehen die Anlagen für saubere Energie und den Kampf gegen den Klimawandel, für die anderen zerstören sie Landschaften, machen Lärm und gefährden Vögel. Inzwischen ist der Streit vielerorts so emotional, dass ein sachlicher Dialog kaum noch möglich scheint.

von MDR WISSEN

Ein Beispiel findet sich in Coswig im Landkreis Wittenberg in Sachsen-Anhalt. In einem Kiefernwald sollten bis zu elf neue Windräder entstehen. Für Katharina Neuhaus von den Grünen wäre der Windpark eine Chance gewesen, gleich mehrere Probleme auf einmal zu lösen: Er hätte zur Energiewende beigetragen und gleichzeitig Geld in die Stadtkasse gebracht. Rund eine halbe Million Euro pro Jahr versprach sich die Stadt über einen Zeitraum von 30 Jahren.

Das wäre eine einfache Quelle für Wohlstand in der Gemeinde gewesen und für Möglichkeiten, die wir dann als Gemeinde auch wieder hätten. Katharina Neuhaus, Bündnis 90/Die Grünen

Doch daraus wurde nichts. Der Stadtrat stimmte mehrheitlich gegen das Projekt. Eine wichtige Rolle spielte dabei der Verein "Gegenwind Fläming". Er kämpft seit einigen Jahren gegen Windräder in der Region. Das Motto der Initiative lautet: "Naturpark statt Windpark".

"Die verschandeln die Landschaft"

Alexandra Biermann, Vorsitzende von "Gegenwind Fläming", engagiert sich nach eigenen Angaben vor allem für den Schutz ihrer Heimat. Windräder empfindet sie seit jeher als störend. Aus ihrer Sicht sind sie zu hoch und zu laut und verändern die Landschaft stark. Auch der Klimawandeldebatte steht Biermann kritisch gegenüber.

Ich fühle mich manchmal echt ein bisschen verarscht, weil ich mir denke: Warum machen wir uns so extreme Sorgen um Dinge, die wir nicht in der Hand haben? Wir haben definitiv den Klimawandel nicht in die Hand. Alexandra Biermann, Vorsitzende von "Gegenwind Fläming"

Biermann betont, dass sie eine ganz normale Frau sei und es ihr lediglich darum gehe, ihre Heimat zu schützen. Aber auch im Verein "Gegenwind Fläming" engagieren sich Menschen mit politischem Hintergrund. Unter den Mitgliedern ist beispielsweise Myrjam Weinert, die bis Ende 2025 für die AfD im Stadtrat von Coswig saß und dort auch die Positionen von "Gegenwind Fläming" vertrat. Die AfD wiederum lehnt den Ausbau von Windkraft grundsätzlich ab. Parteichefin Alice Weidel bezeichnete Windräder beim Bundesparteitag 2025 sogar als "Windmühlen der Schande".

Wenn der Streit um Windkraft zum Kulturkampf wird

Grünen-Politikerin Katharina Neuhaus erlebt die Diskussion in Coswig deshalb nicht mehr als normalen politischen Streit. Immer wieder seien wissenschaftlich belegte Erkenntnisse infrage gestellt worden, berichtet sie. Selbst wenn die Gegner keine weiteren Argumente gehabt hätten, hätten sie an ihrer grundsätzlichen Ablehnung der Windkraft festgehalten.

Doch mit dieser grundsätzlichen Ablehnung ist "Gegenwind Fläming" nicht allein. Bereits bei der Gründung des Vereins nahm Alexandra Biermann Kontakt zur Bundesinitiative "Vernunftkraft" auf.

Für Bürgerinitiativen stellt "Vernunftkraft" unter anderem Informationsmaterial, Broschüren und Flyer bereit. Darauf verweist die Organisation unter anderem auf Veröffentlichungen vom EIKE – dem Europäischen Institut für Klima und Energie, einem Zusammenschluss der deutschen Klimaskeptiker-Szene.

Ein Netzwerk mit internationalen Akteuren

Gemeinsame Recherchen des Teams vom Podcast "REICH – Das Geschäft mit dem Zweifel" und Correctiv zeigen: In Sachsen-Anhalt gibt es eine Reihe von Initiativen, die sich als unabhängige Bürgerbewegung präsentieren. Schaut man allerdings genauer hin, engagieren sich dort auch AfD-Politiker. Bei einzelnen Veranstaltungen treten Vertreter solcher Initiativen und der AfD immer wieder gemeinsam auf. Und auch zum klimaskeptischen EIKE gibt es personelle Berührungspunkte. So arbeitet dessen Vizepräsident für den klimapolitischen Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion. EIKE unterhält darüber hinaus Kontakte zum US-amerikanischen Heartland Institute, das ebenfalls für seine klimaskeptischen Positionen bekannt ist und in der Vergangenheit finanzielle Unterstützung aus dem Umfeld der fossilen Energiewirtschaft erhalten hat.

Was hat das mit der Öl-Industrie zu tun?

Diese Verbindung ist deshalb relevant, weil der Streit über Windkraft längst nicht mehr nur eine Frage lokaler Interessen ist. Es geht auch um die grundsätzliche Frage, wie schnell fossile Energien durch erneuerbare ersetzt werden sollen. Windkraftgegner argumentieren häufig mit Landschaftsschutz, Lärmbelastung oder dem Schutz von Vögeln. Diese Argumente können im Einzelfall berechtigt sein und sind nicht automatisch Ausdruck einer organisierten Kampagne.

Kritiker sehen jedoch ein Problem, wenn sich lokale Bürgerinitiativen mit politischen Akteuren und Organisationen verbinden, die den wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel grundsätzlich infrage stellen und zu keinerlei Diskussion bereit sind. Die Recherche zeigt, wie solche Netzwerke funktionieren können: Ein lokaler Verein erhält Informationen und Unterstützung von einer überregionalen Organisation. Diese verweist wiederum auf Texte und Akteure aus der Klimaskeptiker-Szene. Und von dort führen Verbindungen bis hin zu internationalen Organisationen mit Kontakten zur fossilen Energiewirtschaft. Und die profitiert natürlich davon, wenn der Ausbau erneuerbarer Energien langsamer voran geht.

Am Ende entscheidet der Stadtrat

In Coswig hatten diese Auseinandersetzungen konkrete Folgen. Im Juni 2025 stimmte der Stadtrat gegen den Bebauungsplan für den geplanten Windpark. Für Bürgermeister André Saage von der SPD war das eine Enttäuschung. Er hatte auf die zusätzlichen Einnahmen und die wirtschaftlichen Möglichkeiten für die Stadt gehofft.

Man kann ja grundsätzlich gegen alles sein. Aber was hat das für eine Konsequenz? Wenn ich nur dagegen bin, dann bewege ich eben auch nichts. André Saage, SPD, Bürgermeister von Coswig

Der Streit um die Windräder in Coswig ist damit vorerst entschieden. Der größere Konflikt aber bleibt: zwischen Klimaschutz und Naturschutz, zwischen kommunalen Einnahmen und lokalen Interessen – und zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und dem Geschäft mit dem Zweifel.

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