Wer sind Bill und Tom Kaulitz wirklich?
Bill und Tom Kaulitz nicht zu kennen, scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein – so präsent wie die Zwillinge derzeit sind. Seit diesem Donnerstag nun hat man noch mehr Gelegenheit, sein Wissen über die Kaulitz-Brüder auszubauen, denn da startete die neue Staffel ihrer Dokusoap "Kaulitz & Kaulitz". Aber lernt man die beiden dabei wirklich besser kennen? Eine Kritik von Christian Vock Diese Kritik stellt die Sicht von Christian Vock dar. Informiere dich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht. Man muss schon sehr große Schritte machen, um um die Kaulitz-Brüder Bill und Tom herum zu kommen. Seit Tagen, Wochen, Monaten und Jahren sind die Zwillinge omnipräsent. Sie geben Konzerte, verkaufen Platten, sind in TV-Shows zu Gast, bewerben fremde Produkte, bewerben die eigenen Produkte, verkaufen Schnaps, Bücher, Cocktailgläser, stehen Model, spielen in Filmen und TV-Shows mit, werden "Wetten, dass..?" moderieren und breiten ihr Privatleben seit zwei Jahren in einer Reality-Doku bei Netflix aus. Das ist eine ganze Menge Kaulitz, wenn man sich dieses Sammelsurium an Jobs so anschaut und es wirkt noch mehr, da all diese Jobs in der Öffentlichkeit stattfinden. Und es sieht von außen betrachtet sogar nach noch mehr Kaulitz aus, da die Brüder das, was sie jeden Tag bei und neben all diesen Jobs machen, Woche für Woche in ihrem Podcast "Kaulitz Hills" rekapitulieren. Rekapitulieren und gleichzeitig Werbung für weitere Auftritte, News und Produkte aus dem Hause Kaulitz machen. Das ist dann eine Mischung aus Homestory, Tagebuch, Lästereien, ganz viel Selbstbeschau und belanglosem Geplapper, die intellektuell manchmal schwer zu ertragen ist. Für die Kaulitz-Brüder ist das alles aber ein perfekter Marketing-Kreislauf. Ist das zu verurteilen? Auf keinen Fall und die Menge an Fans, die sich das alles anhören und ansehen will, ist ja auch nicht unerheblich. Aber was genau ist das eigentlich, was diese Fans so am Leben von Tom und Bill Kaulitz interessiert? Warum sollte man sich die dritte Staffel "Kaulitz & Kaulitz" ansehen und vor allem: Wer? Der Podcast in Bildern Nun, erst einmal ist die dritte Staffel für all diejenigen, die nicht genug von den Kaulitz-Brüdern bekommen können oder die keine Zeit für oder Lust auf den Podcast haben. Denn tatsächlich handelt "Kaulitz & Kaulitz" viel von dem, worüber Bill und Tom bereits bei "Kaulitz Hills" gesprochen haben. Bills Pool-Einweihungsparty und deren Vorbereitungen, das Jubiläumskonzert in der Wuhlheide oder der Besuch des Oktoberfestes. Trotzdem ist die Perspektive hier natürlich eine andere, wenn man all das sieht und nicht nur erzählt bekommt. "Kaulitz & Kaulitz" ist also über weite Strecken die Bebilderung des Podcasts und diese Bebilderung gehört zu den hochwertigeren ihrer Art. Sorgsam arrangierte Interview-Settings, Drohnenaufnahmen und selbst die Szenen in eigentlich eher wilden Locations wie dem Oktoberfest liefern immer noch Hochglanzbilder und erstklassigen Sound. "Kaulitz & Kaulitz" ist trotzdem auch in der dritten Staffel keine journalistische Dokumentation, sondern eine Dokusoap mit Reality-TV-Atmosphäre. Es geht nicht vorrangig um Information, sondern darum, diese Information möglichst unterhaltsam, vor allem aber mit einer eigenen Intention zu vermitteln. Hier wird nicht nur beobachtet, vielmehr hat die Wiedergabe dieser Beobachtung ein eigenes Ziel, soll die Charaktere in ein bestimmtes Licht rücken, mit einem speziellen Label versehen. Bill, der vermeintliche Lebemann und ewige Romantiker, Tom, der Vernünftige, der über die Gegenwart hinausschaut und das Netz ist, das seinen Bruder immer wieder auffängt. Life Coaching als Unterhaltung Da erklärt Bill etwa zur Einweihungsparty seines neuen Pools: "Der Pool ist fertig und natürlich muss ich eine große Poolparty feiern. Eine legendäre Party mit ganz viel Stil und Klasse." Bruder Tom hingegen sieht die nahende Feier aus einem anderen Blickwinkel: "Also super stilvoll wird’s in keinem Fall", prophezeit Tom und glaubt, die Party werde "eher prollig". Nun sind weder "super stilvoll" noch "eher prollig" geschützte Begriffe, aber was man an Bildern von der Party geliefert bekommt, scheint sich eher Toms Prophezeiung zu bewahrheiten. Reality-Sternchen auf der Gästeliste, ein offenbar unangenehm riechender Bauarbeiter-Stripper, eine einzige Toilette, deren Tür sich nicht öffnen lässt und natürlich reichlich Alkohol. Das ist alles nett und unterhaltsam anzuschauen, viel spannender, als die Diskrepanz zwischen Bills gewünschter und tatsächlicher Realität zu beobachten, ist aber das, was hinter dieser oberflächlichen Welt aus Partys, Geld und Sex-Geschnatter steckt – oder zu stecken scheint. Das erfährt man aber weniger bei den arrangierten Szenen, etwa, als Bill und Tom wegen der brüderlichen Zwistigkeiten einen Life Coach engagieren. Auch diese Episode scheint nämlich mehr der Unterhaltung zu dienen als wirklicher Beziehungshilfe. Echtes Coaching ist mehr als nur ein Programmpunkt in einer TV-Unterhaltungsshow. Nein, mehr Aufschluss geben die Momente, in denen man die Brüder erlebt, wenn sie die Kameras zu vergessen scheinen. Zum Beispiel beim Jubiläumskonzert in der Berliner Wuhlheide. Wer sind Bill und Tom Kaulitz wirklich? Da sieht man insbesondere Bill als Perfektionisten, der den Leuten die maximal unterhaltsame Show mit allem Zipp und Zapp bieten will. Und als einen zu Tode Betrübten, als dieser Perfektionismus wegen einer Mikrofonpanne in sich zusammenfällt. So betrübt, dass man sich fragt, ob es ihm hier wirklich um die Zuschauer geht oder nur um sich selbst, schließlich hätten die Zuschauer von der Panne gar nichts mitbekommen. Eine Frage, die man sich in vielen Szene stellen kann. Warum etwa, will Bill unbedingt als so stilvoller Gastgeber einer exklusiven Poolparty erscheinen, wo er diesen Stil doch offensichtlich gar nicht selbst leben will? Weiter von "Stil" entfernt kann man jedenfalls gar nicht sein, wenn man sich auf der Party öffentlichkeitswirksam einen kleinen Keuschheitsgürtel um den Intimbereich schnallt, weil man ja gerade "Pimmel-Detox" praktiziert. Empfehlungen der Redaktion Bill Kaulitz knutscht mit Jannik Kontalis: Bruder Tom ist not amused Tom Kaulitz gibt neue Einblicke in die Ehe mit Heidi Klum Für Bill Kaulitz endete die Hochzeit von Bandkollege Georg im Streit Und warum braucht Bill all diese Bestätigung von außen? Warum dreht sich bei ihm so viel um die Suche nach dem richtigen Partner? Warum scheint er sich in der Suche nach noch mehr Luxus zu verlieren, wo er doch schon alles hat? Und warum pflegt Bill ein Image als sozial verantwortlicher Mensch, verfällt, wenn es darauf ankommt, aber dann doch dem Hedonismus, etwa, wenn er nur für den Tag der Poolparty ein Reality-TV-Sternchen von Deutschland nach Los Angeles einfliegen lässt? Die Dokusoap selbst, zumindest die ersten beiden Folgen, geben auf all diese Fragen keine Antwort und die, die man für sich selbst findet, kann nur aus Spekulationen bestehen. Und so kann man auch die dritte Staffel "Kaulitz & Kaulitz" als das ansehen, was sie in allererster Linie auch ist: eine unterhaltsame Dokusoap. Das funktioniert als Fan der beiden perfekt, wenn man aber etwas tiefer gehen und die echten Brüder hinter all dem Geschnatter, den Belanglosigkeiten und der Selbstvermarktung finden will, muss man mit einer gewissen Portion Ungewissheit leben.