Werbung verbreitet worden sein – Nato, EU und Regierungen im Visier
Die israelische Firma Discover-Tech soll manipulierte Werbeanzeigen auf Millionen Smartphones und Laptops ausgespielt haben. Dadurch ist es offenbar mehreren Anbietern von Spionagesoftware ermöglicht worden, Nutzerprofile zu erstellen und Geräte infizieren zu können – ohne dass die Opfer die manipulierten Werbeanzeigen überhaupt aktiv anklicken mussten.
Das geht aus einer Recherche des Bayerischen Rundfunks (BR) und des Mediums netzpolitik.org hervor, die sich auf eine Untersuchung des Forschungslabors Citizen Lab der Universität Toronto beruft.
Dem Bericht zufolge soll das israelische Werbe-Tech-Unternehmen die manipulierten Anzeigen millionenfach über beliebte Apps ausgespielt haben. Die Werbeanzeigen seien demnach auch auf Geräten ausgespielt worden, die mit der UN, der EU, der Nato, diversen Regierungen und mit der Organisation kritischer Infrastruktur in Verbindung stehen.
Auch rund 20 internationale Medienunternehmen, wie etwa der katarische Nachrichtensender Al Jazeera, sowie Chiphersteller und die weltweit größten Technologiekonzerne sollen betroffen sein.
Den Forschenden des Citizen Labs zufolge bedeutet die reine Ausspielung der Werbeanzeigen auf den betroffenen Geräten noch nicht, dass die Smartphones und Laptops zwangsläufig mit der Spionagesoftware infiziert seien. Allerdings seien wohl mindestens Daten gesammelt worden, um detaillierte Nutzerprofile zu erstellen.
Welche Unternehmen und Institutionen sind betroffen?
Dem Forschungsbericht zufolge konnten erfolgreiche Angriffe zunächst beim katarischen Nachrichtensender Al Jazeera nachgewiesen werden. Hier seien in den Jahren 2024 und 2025 mindestens 45 Geräte infiziert worden, indem man über Online-Werbung eine Spionagesoftware des israelischen Unternehmens Candiru ausgespielt habe.
Als weiteres Angriffsziel nennt der Bericht außerdem das Außenministerium Saudi-Arabiens. Während Al Jazeera dem Citizen Lab bereits interne Logdaten zwecks Verifikation zur Verfügung gestellt habe, sei eine Stellungnahme der Botschaft des Landes Saudi-Arabiens bis zum jetzigen Zeitpunkt unbeantwortet geblieben, berichten der BR und netzpolitik.org.
Dem Forschungslabor zufolge hat es außerdem Angriffsversuche auf „Netzwerke der Nato und UN, des Europäischen Parlaments, der Europäischen Kommission“ sowie auf „nordische Staaten, darunter Dänemark, Norwegen und Schweden“ und „kritische Infrastrukturen und Universitätsnetzwerke“ gegeben. Auch der Verteidigungs- und Sicherheitsbereich sei demnach betroffen.
Die Liste an betroffenen Ländern ist lang und umfasst dem Citizen Lab zufolge auch staatliche Netzwerke in Italien, Tschechien, den USA sowie skandinavischen Staaten. Für deutsche Behörden oder Konzerne sehen die Forschenden bislang keinen belegten Fall – allerdings ist mit der betroffenen App Wetter Online ein deutscher App-Anbieter betroffen.
Über welche Apps wurde die Spysoftware ausgespielt?
In dem Forschungsbericht wird keine detaillierte Liste aller Apps aufgeführt, in denen die Spionagesoftware bislang ausgespielt wurde. Allerdings werden Beispiele genannt. So sollen die manipulierten Werbeanzeigen in der Wetter-App Wetter Online, in der Sprachlern-App Duolingo, im Messengerdienst Viber sowie in den Dating-Apps Badoo und Grindr ausgespielt worden sein.
Darüber hinaus nennt der Bericht des Citizen Labs Anruf-Apps wie etwa Truecaller, die Yahoo-Mail-App sowie eine Sudoku-App auf Android-Geräten und Apps zum Periodentracking.
Als potenziell betroffene Webseiten werden neben Al Jazeera auch die Nachrichtenseiten von CBC, Fox News, der „New York Times“, der britischen BBC sowie der israelischen Tageszeitung „Haaretz“ genannt. Auch auf der Webseite von AccuWeather sollen manipulierte Werbeanzeigen gelaufen sein. Dem Medium netzpolitik.org seien die Anzeigen im untersuchten Zeitraum in rund 70.000 Apps und auf 120.000 Webseiten zu sehen gewesen.
Verfassungsschutz sieht „erhebliches Gefährdungspotenzial“
Dem BR sagte das Bundesamt für Verfassungsschutz, dass es in den jüngsten Vorfällen rund um die Spionagesoftware ein „erhebliches Gefährdungspotenzial“ sehe. Bei den manipulierten Werbeanzeigen handle es sich demnach „um eine weitere Vorgehensweise, die staatlich gesteuerten Cyberakteuren zur Verfügung steht, um deren Ziele anzugreifen“, teilte die Behörde mit, die in Deutschland für die Spionageabwehr zuständig ist.
Der Citizen-Lab-Forscher und Mitautor des Berichts Wolfie Christl sagte dem BR: „Die Art, wie Onlinewerbung heute funktioniert, ist ein einziges Sicherheitsrisiko – für Staaten, den privaten Sektor, die Zivilgesellschaft und für alle anderen.“ In der vorliegenden Studie seien demnach „zum ersten Mal konkrete technische Belege für so einen Spyware-Angriff über Onlinewerbung“ dokumentiert worden.
Im Rahmen des Forschungsberichts fordern die Wissenschaftler die zuständigen Aufsichtsbehörden zum Handeln auf und empfehlen als ersten Handlungsschritt Sanktionen gegen Unternehmen, die solche Angriffe ermöglichen.