Wero und digitaler Euro: Deutsche bleiben skeptisch - Girokarte auf Platz 1
Digital abgehängt?
Warum die Deutschen bei ihrer Girokarte bleiben
Von t-online, llb
Aktualisiert am 20.10.2026 - 11:48 UhrLesedauer: 4 Min.
Europa baut sich eigene Bezahllösungen, um unabhängiger von den USA zu werden. Eine neue Umfrage zeigt: Die meisten Deutschen haben von diesen Projekten noch nie gehört.
Millionen Deutsche zahlen täglich mit Karte oder Smartphone, dennoch hält sich das Land selbst für einen Nachzügler beim digitalen Bezahlen. Ausgerechnet die beiden Projekte, die genau das ändern sollen – Wero und den digitalen Euro – kennt ein großer Teil der Bevölkerung kaum oder gar nicht. Das zeigt eine aktuelle, repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach (IfD) im Auftrag der Initiative Deutsche Zahlungssysteme. Warum tut sich Deutschland mit seinen eigenen Hoffnungsträgern so schwer?
Zwei Hoffnungsträger, kaum bekannt
Mehr als zwei Jahre nach dem Start von Wero hat über die Hälfte der Befragten (55 Prozent) noch nie von dem System gehört. Von den übrigen 45 Prozent, die es kennen, hat gerade einmal jeder Zwanzigste (fünf Prozent) es bereits genutzt, weitere vier Prozent haben es zumindest freigeschaltet. Selbst unter den Wero-Kennern bleibt die Skepsis groß: 30 Prozent sagen, das System sei nichts für sie, nur 46 Prozent können sich eine Nutzung überhaupt vorstellen. Noch deutlicher wird die Zurückhaltung bei denjenigen, die zum ersten Mal von Wero hören: 61 Prozent lehnen eine Nutzung direkt ab, lediglich 13 Prozent zeigen Interesse. Besonders ablehnend äußern sich ältere Menschen – 80 Prozent der über 60-Jährigen, die Wero nicht kannten, erklären, es sei nichts für sie.
Der digitale Euro ist zwar etwas bekannter – 54 Prozent der Befragten haben davon gehört. Das Wissen führt jedoch kaum zu Interesse. Nur sieben Prozent würden das Projekt der Europäischen Zentralbank wahrscheinlich nutzen, 23 Prozent können sich das zumindest vorstellen. Ein knappes Drittel (31 Prozent) schließt eine Nutzung dagegen komplett aus, jeder Fünfte (20 Prozent) ist unentschlossen.
Auch hier zeigt sich eine tiefe Generationenkluft: Von den 16- bis 29-Jährigen würden 17 Prozent den digitalen Euro wahrscheinlich nutzen – von den über 60-Jährigen nur zwei Prozent. Fast jeder Zweite in dieser Altersgruppe (47 Prozent) schließt die Nutzung von vornherein aus.
Wero-Gründer: EPI
European Payments Initiative (EPI) ist ein Zusammenschluss europäischer Banken und Finanzdienstleister mit Sitz in Brüssel, der eine einheitliche und unabhängige Bezahl- und Wallet-Lösung für Europa aufbaut.
Warum sich die Deutschen so schwertun
Zu den Gründen für die Zurückhaltung gegenüber den neuen Bezahllösungen könnten unter anderem drei Faktoren zählen.
Fehlende Bekanntheit: Wer ein Produkt nicht kennt, kann sich auch keine Meinung dazu bilden und tendiert dann eher zur Ablehnung. Das wird an den 61 Prozent deutlich, die eine Nutzung ablehnen, sobald sie zum ersten Mal von Wero hören.
Die Generationenfrage: Jüngere Befragte zeigen sich deutlich aufgeschlossener gegenüber digitalen Neuerungen als ältere. Bei beiden Systemen – Wero wie digitalem Euro – ist die Ablehnung unter den über 60-Jährigen besonders ausgeprägt.
Die Treue zum Bewährten: 98 Prozent der Bevölkerung ab 16 Jahren besitzen laut Studie eine Girocard oder eine andere Debitkarte – nahezu lückenlos über alle Einkommens- und Altersgruppen hinweg. Auch beim mobilen Bezahlen dominiert die Girocard: Drei Viertel (74 Prozent) derjenigen, die bereits mit Smartphone oder Smartwatch gezahlt haben, haben ihre Girocard hinterlegt. Wer seit Jahren so bezahlt, sieht kaum Bedarf für eine neue Lösung.
Ausgerechnet die Kartenzahler bleiben skeptisch
Besonders deutlich wird die Diskrepanz, wenn man nach Deutschlands Selbstbild fragt. Nur fünf Prozent der Befragten sehen Deutschland beim bargeldlosen Bezahlen in der europäischen Spitzengruppe. 41 Prozent sehen Deutschland deutlich hinter anderen Ländern, weitere 29 Prozent etwas dahinter. Besonders kritisch urteilen ausgerechnet diejenigen, die selbst bevorzugt mit Karte oder Smartphone zahlen: Rund die Hälfte von ihnen (48 beziehungsweise 49 Prozent) sieht Deutschland klar abgehängt.
Doch wenn es um die Zukunft des eigenen Bezahlens geht, verlässt sich kaum jemand auf die Bezahlwege, mit denen Deutschland den Rückstand aufholen soll. Gefragt, welches Zahlungsmittel sie in fünf Jahren häufig nutzen werden, nennen 78 Prozent die Karte, 55 Prozent Bargeld, 49 Prozent das Smartphone. Erst danach folgen "andere Lösungen wie Wero" mit 39 Prozent – und der digitale Euro mit gerade einmal zwölf Prozent. Krypto- oder Digitalwährungen spielen mit vier Prozent praktisch keine Rolle.
Mit anderen Worten: Ausgerechnet die Projekte, die Deutschland europäisch unabhängiger und digital wettbewerbsfähiger machen sollen, bleiben selbst in der Zukunftsprognose der Befragten chancenlos gegenüber Karte und Bargeld.
Bekanntheit allein reicht nicht
Zwar könnte wachsende Bekanntheit die Zahlen verbessern. 46 Prozent der Wero-Kenner halten eine Nutzung grundsätzlich für denkbar, und bei jungen Menschen ist die Bereitschaft, den digitalen Euro zu nutzen, mit 17 Prozent immerhin mehr als doppelt so hoch wie im Durchschnitt. Dem steht jedoch eine stabile Mehrheit entgegen, die auf Karte und Bargeld setzt, sowie eine ältere Generation, die neuen Systemen überwiegend ablehnend gegenübersteht.
Ob Deutschland beim digitalen Bezahlen aufholt, wird sich nicht mit der Einführung des digitalen Euro der Zentralbank oder mit dem Ausbau von Wero auf den Servern der European Payments Initiative entscheiden, sondern in den Köpfen der Menschen.
Verwendete Quellen
Allensbach-Studie 2026 zum Bezahl- und Einkaufsverhalten in Deutschland liegt der Redaktion vor