Wesel: Mann schließt Master mit 1,4 ab und findet keinen Job
Eigentlich hat Onur Alici (27) alles richtig gemacht: Nach seinem Abitur am Weseler Berufskolleg entschied sich der junge Mann, der auf dem Fusternberg in Wesel zu Hause ist, für ein Mathematik-Studium an der Uni Essen. Zum einen, weil ihn Mathematik begeistert. Zum anderen, weil ihm durchaus bekannt war, dass Arbeitsmarktexperten seit Jahren betont haben, dass junge Leute ein MINT-Studium (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) aufnehmen sollten. Denn so seien sie auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes bestens vorbereitet. Zumal ja, wie überall zu hören ist, Fachkräfte fehlen und Millionen Stellen frei werden, weil die Boomer-Generation allmählich in Rente geht. Obwohl er im Dezember 2025 sein Masterstudium in Mathematik mit der Note 1,4 abgeschlossen hat, sind seine Bemühungen, als Berufsanfänger in der Arbeitswelt Fuß zu fassen, bislang gescheitert. „Das ist schon ein wenig frustrierend, obwohl ich eigentlich ein sehr positiv denkender Mensch bin“, sagt Onur Alici im Gespräch mit unserer Redaktion. Er habe zwar vor einigen Tagen ein Vorstellungsgespräch bei einer großen Versicherung mit Sitz in Köln gehabt. „Doch ob das wirklich funktioniert, wird sich zeigen. Wenn es klappen würde, wäre das natürlich wunderbar.“ Doch unabhängig davon, ob er den Job in Köln bekommt oder nicht, ist es Fakt, dass für junge Uni-Absolventen der Schritt ins Berufsleben derzeit extrem schwierig ist. „Selbst einen Praktikumsplatz habe ich nicht bekommen. Und vielen meiner Studienkollegen – die mittlerweile irgendwo in Deutschland doch noch etwas gefunden haben – ist es ähnlich ergangen“, erklärt der junge Mann, der aktuell als Aushilfe in einem Restaurant arbeitet. Doch woran liegt es, dass derzeit so viele junge Akademiker nach Ende ihres Studiums so große Probleme haben, einen adäquaten Job zu finden? Wir haben nachgefragt beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln und dort mit dem Arbeitsmarktexperten Axel Plünnecke gesprochen, der die geschilderten Erfahrungen von Onur Alici bestätigen kann. „Wir hatten zwischen Mai 2022 und Mai 2023 eine große MINT-Lücke. Da fehlten vor allem Ingenieure und Informatiker. Zwar haben aktuell weiterhin Bau- und Elektroingenieure gute Chancen, wobei auch sie etwas länger suchen müssen“, erklärt Plünnecke. Die Gründe für die extrem schwierige Situation auf dem Arbeitsmarkt seien vielfältig: „Wir haben seit drei Jahren in Deutschland Null-Wachstum. Die Industrie steht unter Anpassungsdruck und Arbeitsplätze gehen verloren. Auch im Maschinen- und Fahrzeugbau.“ Verantwortlich dafür seinen eine ganze Reihe von Krisen. Und dann zählt der Arbeitsmarktexperte zahlreiche Belastungen auf, die sich derzeit sehr negativ auf die Wirtschaft auswirken: „Die Kriege in Russland und Nahost. Gestiegene Zölle, hohe Energiepreise und Wettbewerbsverzerrungen durch China. Die Industrie in Deutschland muss Kapazitäten reduzieren, weil sie trotz guter Produkte auf wichtigen Auslandsmärkten schwächere Absatzperspektiven hat.“ Das alles habe zur Folge, dass es für Unternehmer derzeit weniger attraktiv sei, in Deutschland zu investieren. Auch wenn die Lage auf dem Arbeitsmarkt für Hochschulabsolventen derzeit schwierig sei, so ist Plünnecke gleichzeitig hoffnungsfroh, dass sich die Lage in nächster Zeit verbessert. „Diejenigen, die sich bundesweit um eine Anstellung bemühen, werden am Ende auch etwas finden“, ist er überzeugt. „Und sobald sich die internationale Lage wieder stabilisiert und die Investitionspakete der Bundesregierung in die Umsetzung kommen, werden auch wieder die Aufträge der Industrie steigen.“ Auch in der Rüstungsindustrie und im Klimaschutz würden in den nächsten Jahren Fachleute gesucht. Außerdem dürften künftig verstärkt IT-Experten benötigt werden, um Behörden zu digitalisieren. Jungen Uniabsolventen wie Onur Alici rät Plünnecke, sich mit dem Gedanken zu befassen, vielleicht Lehrkraft zu werden. „Denn gerade da werden beispielsweise Mathematiker gebraucht, die allerdings noch ein zweites Fach studieren müssten.“ Junge Leute müssen derzeit ganz offensichtlich extrem flexibel sein. Wie gesagt, Onur Alici hofft inständig, dass er beim Vorstellungsgespräch in Köln am Ende den besten Eindruck aller Bewerber hinterlassen hat und den Job bekommt. Falls nicht, gibt es da noch Plan B und auch einen Plan C. „Ich könnte noch in Hagen meinen Doktor machen. Und weil ich schon als wissenschaftliche Hilfskraft an der Uni tätig war, will ich auch eine Tätigkeit im Schuldienst nicht ausschließen – an einem Gymnasium.“ Bis er eine endgültige Entscheidung getroffen hat, wird Onur Alici aber weiterhin als Aushilfe in einem Weseler Restaurant arbeiten. Einen kompletten Wechsel in die Gastronomie kommt für ihn aber nicht infrage. Zumal es ja auch dieser Branche nicht unbedingt gut geht. Doch das ist eine andere Geschichte.