WHO gibt neue Demenz-Empfehlungen raus: "Wissen heute mehr denn je"
Fast jede zweite Erkrankung vermeidbar Demenz und Alzheimer vorbeugen: WHO gibt neue Empfehlungen Von Lynn Zimmermann 17.07.2026 - 13:55 UhrLesedauer: 3 Min. Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! Demenz gilt als unheilbar. Doch die neuen WHO-Leitlinien zeigen nun noch umfassender, welche Maßnahmen das Gehirn langfristig schützen können – und welche verbreiteten Annahmen unbelegt sind. Weltweit leben mehr als 57 Millionen Menschen mit Demenz. Und jedes Jahr kommen fast zehn Millionen Neuerkrankungen hinzu. Die Alzheimer-Krankheit ist dabei mit einem Anteil von 60 bis 70 Prozent die häufigste Form. Und weil die Erkrankungen bislang immer noch unheilbar sind, ist eine Prävention essenziell. Aus diesem Grund hat die WHO ihre Leitlinie zur Vorbeugung von geistigem Abbau und Demenz mit den neuesten Erkenntnissen aus der Wissenschaft aktualisiert. Demnach lassen sich bis zu 45 Prozent des Demenzrisikos auf beeinflussbare Faktoren zurückführen – etwa Rauchen, Bewegungsmangel, Bluthochdruck oder soziale Isolation. Ziel der neuen Empfehlungen ist es, diese Risiken möglichst früh im Leben zu verringern. Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO, erklärt in einer Pressemeldung: "Wir wissen heute mehr denn je darüber, was das Demenzrisiko beeinflusst, und diese Leitlinien setzen dieses Wissen in die Praxis um." Demenz beginnt oft Jahrzehnte vor den ersten Symptomen Eine Demenz entsteht nicht plötzlich, sondern entwickelt sich meist über viele Jahre. Dabei schädigen verschiedene Gewohnheiten, aber auch Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes das Gehirn. Betroffene verlieren nach und nach ihr Gedächtnis, ihre Denkfähigkeit und ihre Selbstständigkeit. Anders als häufig angenommen, gehört Demenz nicht zwangsläufig zum normalen Altern. Das empfiehlt die WHO jetzt Wichtig: Viele Empfehlungen aus der ersten Leitlinie von 2019 bleiben bestehen. Neu hinzugekommen sind jedoch mehrere Bereiche, für die inzwischen genügend wissenschaftliche Belege vorliegen. Zu den wichtigsten Empfehlungen gehören weiterhin: regelmäßig körperlich aktiv sein nicht rauchen Alkohol möglichst reduzieren sich ausgewogen ernähren geistig aktiv bleiben, etwa durch Lesen, Rätsel oder neue Lerninhalte soziale Kontakte pflegen und Einsamkeit vermeiden Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht und erhöhte Cholesterinwerte konsequent behandeln Hörgeräte bei Hörverlust nutzen Belastung durch Luftverschmutzung möglichst verringern Ringe und Knötchen: Was die Augen über Cholesterinwerte verraten Ähnlich wirksam wie Sport? Ätherisches Öl hilft bei Bluthochdruck Was sich gegenüber 2019 geändert hat Die überarbeitete Leitlinie enthält mehrere wichtige Neuerungen. Erstmals empfiehlt die WHO ausdrücklich geistige Anregung im Alltag. Dazu zählen nicht nur spezielle Gedächtnistrainings, sondern auch alltägliche Aktivitäten wie Lesen, Rätsel- oder Gesellschaftsspiele oder das Erlernen neuer Fähigkeiten. Auch soziale Aktivitäten erhalten nun erstmals eine eigene Empfehlung, nachdem dafür inzwischen mehr wissenschaftliche Daten vorliegen. Neu aufgenommen wurde außerdem Luftverschmutzung als Risikofaktor. Die WHO empfiehlt, die Belastung durch Feinstaub und andere Schadstoffe möglichst zu reduzieren, weil sie offenbar ebenfalls zum Demenzrisiko beiträgt. Neu ist zudem die Empfehlung, mehrere Maßnahmen miteinander zu kombinieren. Das bedeutet: Statt nur einen Risikofaktor anzugehen, sollen Bewegung, Ernährung, geistige Aktivität und die Behandlung von Erkrankungen gemeinsam verbessert werden. Für diesen ganzheitlichen Ansatz sieht die WHO inzwischen die überzeugendste wissenschaftliche Grundlage. Loading... Embed Das sind die Top-Fragen des Tages: Diese Faktoren haben es nicht in die Empfehlungen geschafft Nicht jeder bekannte Risikofaktor findet sich als konkrete Empfehlung in den neuen WHO-Leitlinien wieder. Oft gibt es zwar Hinweise auf einen Zusammenhang mit Demenz, aber noch keine ausreichenden Studien, die zeigen, dass eine gezielte Behandlung das Demenzrisiko tatsächlich senkt. Schlaf: Guter Schlaf ist wichtig für die Gesundheit des Gehirns. Schlechter oder zu kurzer Schlaf wird seit Jahren mit einem höheren Demenzrisiko in Verbindung gebracht. Dennoch empfiehlt die WHO derzeit keine spezielle Behandlung von Schlafstörungen. Depression: Auch Depressionen gelten als möglicher Risikofaktor für Demenz. Menschen mit einer Depression sollten selbstverständlich behandelt werden. Ob diese Behandlung das spätere Demenzrisiko senkt, lässt sich nach Ansicht der WHO bisher jedoch nicht belegen. Welche Symptome als Demenz-Vorboten gelten, erfahren Sie hier. Sehstörungen: Eine unbehandelte Sehschwäche könnte ebenfalls das Demenzrisiko erhöhen. Bislang gibt es aber keine ausreichenden Belege dafür, dass Brillen, Operationen oder andere Behandlungen das Risiko für Demenz tatsächlich verringern. Schlaganfall und Schädel-Hirn-Verletzungen: Beide gelten als wichtige Risikofaktoren für spätere geistige Einschränkungen. Für spezielle Therapien mit dem Ziel, Demenz zu verhindern, sieht die WHO derzeit jedoch ebenfalls keine ausreichende Evidenz. Hormontherapie in den Wechseljahren: Immer wieder wird diskutiert, ob eine Hormontherapie nach den Wechseljahren das Gehirn schützen könnte. Die WHO spricht hierfür jedoch keine Empfehlung aus. Wovon die WHO abrät Nicht alles, was häufig zur Vorbeugung beworben wird, überzeugt wissenschaftlich. Deshalb rät die WHO gesunden Menschen ohne nachgewiesenen Mangel nicht dazu, Vitamin-B- oder Vitamin-E-Präparate, Omega-3-Fettsäuren oder Multivitamine zur Demenzvorbeugung einzunehmen. Für einen Nutzen gebe es bislang keine ausreichenden Belege. Mögliche Nachteile könnten zudem nicht ausgeschlossen werden.