Wie bestimmte Hertha-Fanartikel für eine Kurven-Diskussion sorgen
Vielleicht läuft es in dieser Saison für Hertha BSC einfach zu gut. Auch nach acht Spieltagen belegt das Team den ersten Tabellenplatz der zweiten Fußball-Bundesliga. Beim 0:0 in Kiel ließ die "Alte Dame" zwar erstmals Punkte liegen, weiterhin ungeschlagen ist sie aber dennoch. Der vielfach von den Fans besungene Traum von "100 Punkten" lebt.
Die fußballerischen Baustellen bei Hertha BSC sind bislang überschaubar.
Und trotzdem liegt mal wieder etwas in der Berliner Luft. In diesem Fall: Kritik aus der Kurve. Im "Kurvenecho", einem gedruckten, mehrseitigen Faltblatt, das die "Harlekins Berlin '98" – die größte und älteste Ultra-Gruppe von Hertha – bei jedem Liga-Heimspiel kostenlos vor der Ostkurve verteilen, äußerte sich die aktive Fanszene im Rahmen des Duells gegen Fürth am 11. Oktober zu inoffiziellen Hertha-Fanartikeln.
Demnach würden "Menschen ohne Zugehörigkeitsgefühl zu unserer Kurve" diverse Produkte über Online-Shops vertreiben, "die einen auf Ostkurve machen - und wahrscheinlich mithilfe von KI produziert werden". Jenen Leuten gehe es "um den eigenen Gewinn", darüber hinaus würden sie auch die Kurve und Fankultur ausnutzen, hieß es – neben einem Boykottaufruf ("Kauf dort nicht nochmal") – weiter.
Die ersten Reaktionen der Kritisierten ließen nicht lange auf sich warten: "Kurvenstoff" kündigte etwa am 15. Oktober an, aufgrund "der jüngsten Ereignisse […] alle Produkte mit Hertha-Bezug aus unserem Shop zu nehmen" [Instagram]. Die Betreiber hätten "großen Respekt vor dem, was gerade in den schwierigen vergangenen Jahren rund um Hertha entstanden" sei. Und: "Auch wir wollten mit unseren Designs einen kleinen Teil dazu beitragen." Dabei könne, unter Berücksichtigung der Kosten für Produktion und Vertrieb, keine Rede sein von einem "Geschäft, mit dem wir uns die Taschen vollmachen". Weiterhin schilderte "Kurvenstoff" in seinem Statement, es habe Beleidigungen und Drohungen gegeben – auch Personen gegenüber, die Kleidung aus ihrem Shop trugen.
Auf rbb|24-Anfrage teilten die Betreiber von "1892supply" mit, dass die Kritik der Ultras "zum Teil" ursächlich für die Schließung ihres Shops gewesen sei. "Aus unserer Sicht können die Ultras nicht bestimmen, wer was verkauft. Hertha gehört nicht nur den Ultras, sondern allen Fans. Wir nehmen niemandem seinen Platz weg." Zumal sie mit dem Verkauf ihrer Artikel "kaum Gewinn" erzielt hätten.
Anders reagierte der von der aktiven Fanszene kritisierte Fanclub "United Colors of Hertha (UCOH)" – nämlich zunächst überhaupt nicht. "UCOH" wurde im Jahr 2011 unter anderem vom Berliner Rapper und DJ Harris gegründet und setzt sich seither für Toleranz, gegen Rassismus und Diskriminierung jeglicher Art ein. Der Fanclub verzichtete zunächst auf eine öffentliche Stellungnahme – sah sich am vergangenen Mittwoch dann aber doch dazu veranlasst. Aus Gründen: In der Nacht zum 20. Oktober wurde die Fensterscheibe des Ladengeschäfts "Kleidermachenbeute" in Berlin-Wilmersdorf mit einem Pflasterstein eingeworfen.
Wer konkret hinter dieser Tat steckt und ob es einen Zusammenhang zu den Vorwürfen der Ultras gibt, ist offen. "Kleidermachenbeute" ist ein familiengeführter Betrieb, der vor allem im Teamsport tätig ist, über seinen Online-Shop unter anderem aber auch die "UCOH"-Textilien vertreibt. "Liebes Kurvenecho, euer anonym verfasstes, in weiten Teilen verkürzt und falsch dargestelltes Flugblatt hat Früchte getragen", schrieb der Fanclub zusammen mit "Kleidermachenbeute" in einem offenen Brief [Instagram].
"Die Anschuldigungen im Flugblatt wiegen schwer: Gier, Bereicherung, Schädigung des Vereins. Generell spenden wir alle Erlöse aus unseren Kollektionen für gute Zwecke. […] Eine Spende für den Hertha BSC e.V. ist on the way", hieß es in der Stellungnahme des Hertha-Fanclubs. "Der Vorwurf der Bereicherung steht somit außer Frage."
Auf Anfrage von rbb|24 teilte "UCOH" außerdem mit, dass die "Reaktionen im Netz" seit der Veröffentlichung des "Kurvenechos" fast ausschließlich positiv ausgefallen seien. "Einerseits von Fans, die unsere Klamotten lieben und unsere Spendenaktionen begrüßen, aber auch von vielen Kurvengängern, die sich nicht vorschreiben lassen wollen, was sie zu tragen haben. Bis auf einige wenige Unkenrufe und einen marginalen Followerschwund ging die Kritik im 'Kurvenecho' bis Dienstagnacht relativ geräuschlos an uns vorbei."
Dann fühlte sich aber, so "UCOH" weiter, "mutmaßlich angestachelt von den haltlosen Anschuldigungen im 'Kurvenecho', wohl jemand berufen, ein gewalttätiges Zeichen der Einschüchterung zu setzen, während im Keller Trikots für unser am Samstag stattfindendes Charity-Event bedruckt wurden, bei dem wir Kinder mit 500 Trikots beschenken." Eine Aktion, die "UCOH" bereits seit dem Spätsommer geplant und angekündigt hatte.
"Hier wird natürlich eine rote Linie überschritten, von der wir hoffen, dass diese konsequent aufgearbeitet wird", so "UCOH" weiter. Vertreter des Fanclubs wollen künftig selbst "proaktiv und dialogbereit auf die Verfasser des 'Kurvenechos' zugehen, um erneut deutlich zu machen, dass die Erlöse unserer Kollektionen zurück in karitative Projekte fließen und keine Bereicherung stattfindet."
Bleibt noch die große Frage, wie eigentlich der Verein selbst die Thematik einordnet. "Hertha BSC nimmt die Diskussion wahr und begrüßt grundsätzlich, dass sich Fans kontrovers mit Themen rund um ihren Verein auseinandersetzen", teilte der Klub auf rbb|24-Anfrage mit. "Uns ist bewusst, dass selbst gestaltete Fanartikel für viele Menschen Ausdruck ihrer Verbundenheit mit dem Verein und ein Teil der lebendigen Fankultur sind. Gleichzeitig respektieren wir unterschiedliche Perspektiven auf dieses vielschichtige Thema."
David Geßner, der als Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht sowie für Gewerblichen Rechtsschutz in Berlin tätig ist, sagte dazu im Gespräch mit rbb|24: "Man muss sagen, dass auch für die Kurve und Fanszene insgesamt Urheber- und Markenrechte gelten, die zu respektieren sind. Die Frage ist also, ob die Fanszene selbst Marken- und Urheberrechte von Hertha BSC verletzten könnte, wenn sie Fanartikel vertreibt."
In diesem Zusammenhang sei fraglich, "ob die Ostkurve selbst entsprechende Lizenzen hat oder ob das Ganze nur von Hertha BSC geduldet wird. Für eine Duldung spricht erstmal recht viel. Trotzdem sollte man das berücksichtigen. Denn wenn die Ostkurve andere Leute dafür kritisiert, Merch zu vertreiben, stellt sich die Frage, ob sie selbst sauber marken- und urheberrechtlich agiert."
Übrigens sei für die Beantwortung der Frage, ob eine Urheber- oder Markenrechtsverletzung vorliegt, irrelevant, ob für die Klamotten- oder Aufkleber-Designs auch auf Künstliche Intelligenz zurückgegriffen wurde oder nicht. "Entscheidend ist der Output – egal ob mit Hilfe von KI oder ohne KI."
Zwar sei die im "Kurvenecho" vorgetragene Kritik, Anwalt Geßner zufolge, "aus moralischen Gründen verständlich – wenn über Jahre viel Kraft investiert wurde und andere, die vermeintlich nichts mit der Fanszene am Hut haben, sich möglicherweise bereichern wollen." Aber: "Man muss jedoch bei allem Ärger im Blick behalten, wie man sich in diesem Fall über Dritte öffentlich äußert. Meinungsäußerungen sind in der Regel – bis zur Grenze der Schmähkritik – zulässig. Unwahre Tatsachenbehauptungen dürfen jedoch nicht verbreitet werden. Und der, der etwas äußert, muss am Ende die Wahrheit der Dinge, die er äußert, beweisen." Man müsse also aufpassen, "was man in seiner Rage schreibt".
Aus Fan-Forscher-Sicht sei der Vorstoß der Ultras ein Ausdruck ihrer "'Macht', sich zumindest im öffentlichen Diskurs Gehör zu verschaffen", wie es die beiden Sportwissenschaftler Kristoff Reichel und Christian Brandt, die an der Universität Bayreuth zu Themen der Fan- und Sportökonomie forschen, auf rbb|24-Anfrage formulierten.