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Wie Betrügerinnen Russlands Kriegswirtschaft ausnutzen

Welt

Startseite Politik Die perfide Masche der „schwarzen Witwen“: Wie sie russische Soldaten nur für die Todesprämie heiraten Von: Tim Krüger Uns auf Google folgen Von Scheinheiraten mit Frontsoldaten und Sterbebett-Trauungen zu Offiziers-Syndikate: Russlands Entschädigungssystem lockt organisierte Kriminalität an. Als Maria erfuhr, dass ihr 59-jähriger Vater Yury an der ukrainischen Front gefallen war, traf sie ein doppelter Schock: Sie wusste nicht einmal, dass er sich freiwillig zur Armee gemeldet hatte. Und sie erfuhr, dass er zwei Tage vor seinem Abtransport an die Front eine ihr völlig unbekannte Frau geheiratet hatte. 22 Jahre jünger als er, nun soll sie seine gesetzliche Haupterbin sein. „Ich bin immer noch fassungslos und kann nicht begreifen, was passiert ist“, sagte Maria gegenüber dem US-Sender CNN. Die Frau, die die staatliche Kriegsentschädigung von mehr als fünf Millionen Rubel beansprucht hatte, war verschwunden. Mit ihr: die Wohnung des Vaters, verkauft, das Geld fort. Maria blieb ein Schlüssel, der nicht mehr passt. Der Fall der Petersburgerin steht stellvertretend für ein Phänomen, das in Russland zunehmend öffentliche Empörung auslöst und Strafverfolgungsbehörden vor erhebliche Herausforderungen stellt. Unter dem Begriff „schwarze Witwen“ werden Frauen zusammengefasst, die gezielt Scheinheiratsverträge mit einsatzbereiten, verwundeten oder sterbenden Soldaten eingehen, um nach deren Tod staatliche Kriegsentschädigungen einzustreichen. Was zunächst wie Einzelfälle wirkte, hat sich zu einem System organisierten Betrugs entwickelt – mit Komplizen aus dem Militärapparat, dem Gesundheitswesen und dem Immobilienmarkt. Das Millionengeschäft mit dem Tod: Russlands Entschädigungssystem als Tatmotiv Das finanzielle Fundament dieser Betrugsmasche liegt in den enormen Kompensationszahlungen, die der russische Staat den Hinterbliebenen gefallener Soldaten zusichert. Die gesetzliche Basisentschädigung für einen im Dienst getöteten Armeeangehörigen beginnt bei fünf Millionen Rubel, was etwa 53.000 Euro entspricht. Durch regionale Boni, Lebensversicherungen und Sonderzahlungen der Föderationssubjekte kann sich der Gesamtbetrag auf bis zu 15 Millionen Rubel summieren – in Einzelfällen auf ein Äquivalent von circa 158.000 Euro. In einer Immobilienmaklerin aus dem sibirischen Tomsk fand diese Kalkulation ihr zynischstes öffentliches Gesicht: Marina Orlova empfahl in einem Videopodcast unverhohlen, einen bald an die Front abkommandierten Soldaten zu heiraten. „Wenn er getötet wird, bekommst du acht Millionen Rubel“, sagte sie wohl lachend. „Viele Frauen kaufen sich so gerade günstige Wohnungen. Das ist Geschäft.“ Orlova wurde später strafrechtlich verfolgt, zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt und zur öffentlichen Entschuldigung gezwungen. Der russische Staat hat diese Dynamik unbeabsichtigt selbst befördert. Um die Rekrutierungszahlen zu steigern, setzte die Regierung per Erlass die gesetzlichen Wartefristen für Eheschließungen aus – Soldaten konnten fortan innerhalb von Stunden heiraten. Lokale Verwaltungen organisierten Massentrauungen direkt vor dem Abtransport der Rekruten an die Front, das Staatsfernsehen übertrug diese Zeremonien als patriotische Spektakel. Die Initiative war Teil von Präsident Wladimir Putins Propagierung sogenannter traditioneller Werte vor dem Hintergrund des demografischen Niedergangs Russlands. Die rechtliche Konsequenz dieser Politik: Die eingetragene Ehefrau gilt nach russischem Zivil- und Familienrecht als primäre nächste Angehörige und schlägt im Erbfall ohne Testament die Ansprüche von Eltern oder Kindern aus früheren Verbindungen. Genau diese Hierarchie nutzen die Täterinnen systematisch aus. „Schwarze Witwen“: Von der Einzeltäterin zum organisierten Verbrechensnetzwerk Die Bandbreite der dokumentierten Fälle reicht von opportunistischem Einzelhandeln bis hin zu hochgradig strukturierten kriminellen Kartellen. In ihrer einfachsten Form kontaktieren Frauen Soldaten kurz vor deren Abmarsch über soziale Netzwerke oder im Umfeld von Kasernen, vollziehen innerhalb weniger Tage eine Eheschließung und warten anschließend auf die Todesnachricht. Besonders skrupellose Ausprägungen betreffen Militärkrankenhäuser: In einem bundesweit beachteten Fall wurde eine Pflegekraft entlassen und strafrechtlich belangt, nachdem bekannt geworden war, dass sie nacheinander fünf schwerverwundete Soldaten auf dem Sterbebett geheiratet hatte – stets kurz vor deren Tod, stets mit anschließendem Antrag auf die vollen Hinterbliebenenleistungen. Im fernöstlichen Primorsky Krai deckten Ermittler ein Syndikat auf, das die kriminelle Energie auf eine neue Stufe hob. Ein Fähnrich, ein Feldwebel und eine Militärbuchhalterin sollen gezielt sozial isolierte Rekruten – darunter ehemalige Waisenhausbewohner – identifiziert, für Scheinheiraten mit Strohfrauen instrumentalisiert und anschließend auf besonders verlustreiche Frontabschnitte kommandiert haben, um die Todesentschädigungen unter sich aufzuteilen. In diesen hochgefährlichen Gebieten überleben russische Soldaten oft nicht länger als 30 Minuten. Justiz und Politik suchen nach Antworten Russische Gerichte versuchen inzwischen, missbräuchliche Ehen rückwirkend zu annullieren – vorausgesetzt, es lässt sich nachweisen, dass kein gemeinsamer Haushalt geführt wurde und die Ehe ausschließlich zum Erschleichen finanzieller Vorteile geschlossen wurde. Das unabhängige Rechercheportal Verstka dokumentierte bereits mehr als 174 Fälle, in denen Familien verstorbener Soldaten vor Gericht gegen sogenannte „unwürdige Erben“ streiten, wie die Nachrichtenplattform Dekoder zitiert.

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