DAX -0,35 % 26.299,74 Pkt 18:00:00 MDAX +0,12 % 32.264,86 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +0,18 % 6.545,47 Pkt 18:00:00 Dow Jones +0,09 % 53.839,99 Pkt 22:39:34 S&P 500 +0,92 % 7.798,99 Pkt 22:35:03 Nasdaq +1,35 % 26.803,03 Pkt 23:15:59 Nikkei +0,74 % 68.814,82 Pkt 03:59:30 Gold -0,83 % 4.372,20 USD 04:04:34 Silber -2,39 % 63,99 USD 04:04:31 Brent -2,70 % 86,58 USD 04:03:56 WTI -2,94 % 80,82 USD 04:04:28 Bitcoin +0,08 % 63.467,04 USD 04:14:33 EUR/USD +0,08 % 1,15390 USD 04:14:24 EUR/GBP +0,14 % 0,85510 GBP 04:14:35 EUR/CHF +0,16 % 0,93890 CHF 04:14:35 EUR/JPY +0,13 % 183,916 JPY 04:14:36

Wie der "Cyrano-Effekt" das Online-Dating ruiniert

Technologie

Beim Online-Dating nutzen Menschen zunehmend die Hilfe von KI. Forschende haben untersucht: Warum tun sie das? Und was macht das mit den Empfängern? Theaterfreunde kennen die Szene aus Edmond Rostands Cyrano de Bergerac: "Ich bräuchte Wortgewandtheit", flüstert der körperlich attraktive Christian, während er unter dem Balkon seiner Angebeteten Roxane steht und unfähig ist, passende Worte an sie zu richten. Im Dunkeln verborgen beruhigt ihn der Dichter Cyrano: "Ich leih' dir meine." Und so flirtet Christians Körper mit den Worten Cyranos mit Roxane. Aber auch wer noch nie im Theater war, könnte eine vergleichbare Szene schon erlebt haben. Denn viele Menschen nutzen durch Dating-Apps eine Art modernen Cyrano: Sie lassen sich ihre Worte von Sprachmodellen, also einer Künstlichen Intelligenz wie ChatGPT, formulieren. In der US-Umfrage "Singles in America" vom Kinsey-Institut und der Dating-Plattform Match unter 5.000 Personen gab 2025 jede vierte an, KI fürs Dating zu nutzen. Unter aktiv Datenden waren es sogar zwei von fünf Personen. Und dem Norton Cyber Safety Insight Report 2025 zufolge glaubten drei von fünf Dating-App-Nutzern, schon mit einem Menschen gechattet zu haben, der KI zum Schreiben nutzte. Lennart Ante forscht als Professor an der Bremer Constructor University zur Wirkung von Technologien auf die Gesellschaft. Er hat nun diesen sogenannten "Cyrano-Effekt" untersucht und darüber im Fachjournal "Telematics and Informatics" berichtet. Ante wollte wissen, was Menschen in diesen Situationen empfinden. Für seine Studie führte er 45 Interviews mit Menschen aus den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich, Kanada und Teilen Europas. 23 hatten selbst KI genutzt, 22 vermuteten oder wussten, dass eine gematchte Person KI für Chats mit ihnen eingesetzt hatte. KI-Nutzer sehen sich oft nicht als Betrüger Dabei stieß Ante auf ein Paradoxon. Viele KI-Nutzer verstanden sich keineswegs als Betrüger. Sie beschrieben die Technik vielmehr als Übersetzungshilfe zwischen ihrem Inneren und dem Bildschirm. "Ich bin eigentlich lustig oder interessant, aber ich kann das schriftlich schlecht ausdrücken", fasst der Forscher eine typische Begründung zusammen. Für schüchterne Menschen, Nicht-Muttersprachler oder Menschen mit sozialer Unsicherheit könne KI wie eine "sprachliche Prothese" funktionieren. Ein Teilnehmer nannte die KI sogar ein "Medikament gegen soziale Ängste in Textform": Nicht die KI-Fassung sei unecht, sondern der verkrampfte Chat ohne Hilfe. Daneben fand Ante eine pragmatische Gruppe. Für diese Menschen sind Dating-Apps ein ermüdender Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Die KI formuliert Gesprächseröffnungen, hält Gespräche am Laufen und spart Zeit. "Moralisch problematisch wird es genau dort, wo aus Unterstützung eine ausgelagerte Persönlichkeit entsteht", sagt Ante. Eine Rechtschreibkorrektur oder das Glätten eines eigenen Gedankens hält er für vergleichsweise unproblematisch. Anders sei es, wenn die KI Humor, emotionale Reaktionen, Nachfragen oder ganze Gespräche übernehme. "Dann reagiert das Gegenüber nicht mehr auf die Person, sondern auf eine algorithmisch optimierte Version dieser Person." Betroffene fühlen sich getäuscht Was die einen als Hilfe erleben, empfinden die anderen als Täuschung. Empfänger in Antes Studie beschrieben zu perfekte Grammatik, allgemeine Komplimente und auffällig sauber gebaute Fragen als Warnsignale. Eine Teilnehmerin sagte: "Echte Menschen sind ein bisschen chaotisch, wenn sie schreiben. Sie benutzen Slang, sie machen Tippfehler." Eine andere klagte: "Ich habe das Gefühl, ich muss eine forensische Linguistin sein, nur um mich auf der Dating-Plattform Hinge zu unterhalten. Es ist anstrengend." Denn tatsächlich können KIs inzwischen täuschend echt Menschen imitieren. Ante findet diesen KI-Einsatz problematischer als ein weichgezeichnetes Foto oder eine geschönte Angabe zur Körpergröße: "KI-generierte Kommunikation betrifft den Kern des Kennenlernens: die Worte, die Aufmerksamkeit, die Reaktion auf persönliche Offenheit." Wer sich öffnet und später erfährt, dass die Antwort von einer Maschine stammt, kann sich deshalb besonders getäuscht fühlen. Dass schon der Hinweis auf KI das Vertrauen beschädigen kann, zeigte bereits im Jahr 2021 ein Experiment der australischen Forscher Yihan Wu und Ryan Kelly. Ihren Studienteilnehmern legten sie Dating-Profile vor, von denen einige den Angaben zufolge mittels KI erstellt worden waren. Die KI-Zuschreibung machte ein Profil nicht signifikant weniger attraktiv – seinen Verfasser aber weniger vertrauenswürdig. In einer anderen Untersuchung der US-Forschenden Meryem Barkallah und Doug Zytko aus diesem Jahr ließen einige Online-Datende sogar attraktive Persönlichkeiten erzeugen, die wenig mit ihrer tatsächlichen Identität zu tun hatten. Transparent machten sie die technische Hilfe nur selten. Die Forschenden diskutieren in ihrer Studie das Nicht-Offenlegen der KI-Nutzung sogar als Risikofaktor im Kontext sexueller Gewalt. Denn so entstehen Dates ohne informierte Zustimmung. Mehr erste Dates dank KI – die ganz schnell enden So tragisch wie Rostands Theaterstück endet, findet oft auch ein KI-gestützter Flirt ein plötzliches Ende. Ante nennt diesen Moment den "Persona-to-Person Leap" – den Sprung von der künstlich optimierten Online-Persona zur echten Person aus Fleisch und Blut. Ein Studienteilnehmer brachte das Problem auf den Punkt: "Du kannst ChatGPT nicht mit zum Date nehmen." Vor einem Treffen habe er die Chats noch einmal gelesen und versucht, sich auf seine künstlich verbesserte Version vorzubereiten. "Es ist wie für eine Prüfung zu büffeln, nur dass der Prüfungsstoff diese falsche Version von dir selbst ist." KI produziert womöglich mehr erste Dates – aber auch Erwartungen, die sich am Tisch im Café nicht erfüllen. "Für KI-Nutzer kann das enormen Druck erzeugen, weil sie wissen, dass sie ohne KI vielleicht nicht so wirken wie im Chat", sagt Ante. Für die Empfänger sei das oft irritierend oder enttäuschend. "Wenn eine Persönlichkeit im echten Gespräch nicht erkennbar wird, wirkt das Date wie ein Fehltreffer, selbst wenn die Person an sich sympathisch ist." Empfehlungen der Redaktion Haushalte: Diese Stadt ist Deutschlands Single-Hochburg Streit im Urlaub: Das sind die häufigsten Gründe Wenn Verliebtheit zur Obsession wird: Was ist Limerenz? Wenn KI, dann transparent Ein Verbot von KI in Dating-Apps hält der Forscher für ebenso unrealistisch wie eine Kennzeichnung: Wo beginnt KI-Nutzung – bei der Rechtschreibkorrektur oder erst beim komplett generierten Chat? Transparenz könnte helfen, aber Menschen mit Sprachbarrieren oder Kommunikationsängsten auch stigmatisieren. Wer KI in Dating-Apps nutzt, solle sie als Schreibcoach behandeln, nicht als Ghostwriter, sagt Ante: erst selbst denken, dann sprachlich helfen lassen. Und wer misstrauisch werde, könne humorvoll nachfragen – die Antwort verrate manchmal sehr viel. Doch die persönliche Meinung des Experten fällt strenger aus: Bei sehr persönlichen und emotionalen Themen wie dem Dating solle man KI möglichst gar nicht einsetzen. "Ich halte das für moralisch fragwürdig." Zumal, wie Ante es formuliert: "Wenn alle KI nutzen, unterhalten sich nur noch zwei KIs miteinander." Über RiffReporter Dieser Beitrag stammt vom Journalismusportal RiffReporter. Auf riffreporter.de berichten rund 100 unabhängige JournalistInnen gemeinsam zu Aktuellem und Hintergründen. Die RiffReporter wurden für ihr Angebot mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Verwendete Quellen Webseite von Singles in America sciencedirect.com: The Cyrano effect: LLM-assisted impression management and authenticity in online dating ACM Digital Library: Online Dating Meets Artificial Intelligence: How the Perception of Algorithmically Generated Profile Text Impacts Attractiveness and Trust ACM Digital Library: Transparent Hearts: Balancing Privacy and Trust in AI-Generated Self-Presentation for Online Dating © RiffReporter

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