Wie der Nahostkonflikt New York erreicht
Vor den Vereinten Nationen liefert sich Benjamin Netanjahu einen politischen Schlagabtausch mit dem New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani. Der Konflikt steht exemplarisch für die wachsenden Spannungen rund um Israels Kriegspolitik und ihre Folgen in den USA.
Eine Analyse
von Luzia Geier
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Luzia Geier sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informiere dich über die verschiedenen journalistischen Textarten.
Etwa bei der Hälfte seiner Rede vor den Vereinten Nationen kommt Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu auf Zohran Mamdani zu sprechen. Zu diesem Zeitpunkt haben etliche Diplomaten aus Protest den Saal verlassen, und Netanjahu hat sich durch eine Reihe feuriger Anschuldigungen gearbeitet, dabei die Hand wiederholt zur Faust geballt. Vor vielen leeren Sitzen hat er den Krieg gegen Iran verteidigt, die Siedlergewalt im Westjordanland heruntergespielt und sich bei US-Präsident Donald Trump für dessen Unterstützung bedankt.
Mit seinem Auftritt muss Netanjahu allerdings auch gegen den schwindenden Rückhalt in der US-Bevölkerung anreden. Immer mehr Amerikaner sehen die Hilfe ihres Landes für Israel kritisch, der Irankrieg hilft da nicht. Den einen geht es um Menschenrechte, den anderen um die hohen Spritpreise.
So oder so: Kurz vor den Kongresswahlen schlägt sich das in der US-Innenpolitik nieder. In New York setzten sich zuletzt drei israelkritische Kandidaten in den Vorwahlen der Demokraten durch – mit Rückendeckung des neuen Bürgermeisters, der es im vergangenen November selbst vorgemacht hat.
Mamdanis klare Haltung zu Israel
Mamdani gewann nicht nur, aber auch wegen seiner klaren Haltung zu Israel. Das Vorgehen des israelischen Militärs im Gazastreifen bezeichnet er als Völkermord. Im Wahlkampf kündigte er an, Netanjahu festnehmen zu lassen, weil ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) gegen ihn vorliegt. Später musste Mamdani allerdings zurückrudern, weil seine Macht an den Grenzen des Bürgermeisteramts endet und die USA den IStGH sowieso nicht anerkennen.
"Mr. Mamdani", wendet sich Netanjahu also an den US-Politiker. "Sie wollten mich davon abhalten, herzukommen. Sie wollten mich zum Schweigen bringen. Sie können mich nicht zum Schweigen bringen." Der israelische Ministerpräsident will daheim bald selbst eine Wahl gewinnen. Dafür nutzt seine Partei auch das Gesicht des ersten muslimischen Bürgermeisters von New York.
Tausende Kilometer von der amerikanischen Metropole entfernt prangt es auf einem Plakat an einer Autobahn in Tel Aviv, neben den Gesichtern des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, des iranischen Oberhaupts Modschtaba Chamenei und des Hisbollah-Anführers Naim Qassem. "Lasst sie nicht gewinnen", steht darauf.
Wieso er Mamdani in diese Reihe stellt, macht Netanjahu vor den Vereinten Nationen noch einmal deutlich: Er bezeichnet den Bürgermeister als Antisemiten und als jemanden, der mit der Hamas sympathisiere. Israel einen Völkermord vorzuwerfen, sei "die größte Lüge des Jahrhunderts", sagt er.
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Mamdanis Gegenangriff
Die Antwort aus dem New Yorker Rathaus kommt prompt. Am Abend vor der Rede hat Mamdani mit palästinensischen Familien aus Gaza einen Olivenbaum im Garten der Bürgermeisterresidenz gepflanzt. Das Video dazu veröffentlicht sein Team aber fast zeitgleich mit Netanjahus Rede. Wenig später heißt es in einer Erklärung, der israelische Ministerpräsident wolle seinen Völkermord an den Palästinensern reinwaschen. "Doch keine Lüge kann etwas daran ändern, dass es gegen ihn weiterhin einen Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gibt."
Was Mamdani nicht tut, ist, an einem der vielen Anti-Netanjahu-Proteste teilzunehmen, die an diesem Donnerstag an verschiedenen Orten in Manhattan stattfinden. Schon am Mittag haben Demonstranten eine Straße blockiert. Es kam zu rund 100 Festnahmen. Unter denen, die abgeführt wurden, waren neben ein paar Politikern auch die Schauspielerinnen Susan Sarandon und Hannah Einbinder.
Proteste und angespannte Stimmung
Die größte der Demonstrationen beginnt, als Netanjahu das UN-Gebäude längst verlassen hat. Am späten Nachmittag sammeln sich geschätzt mehrere Tausend Leute am Bryant Park in Midtown, um von dort aus durch die New Yorker Häuserschluchten zu den Vereinten Nationen zu marschieren. An manchen Straßenecken kommt es teils zu heftigen verbalen Auseinandersetzungen.
Einzelne Gegendemonstranten haben sich mit Israel-Flaggen entlang der Route postiert und machen mitunter lautstark auf sich aufmerksam. Die New Yorker Polizei hat alle Hände voll zu tun. "Marschiert einfach weiter", ruft ein Beamter mit Megafon in Richtung der palästinasolidarischen Demonstranten, von denen sich einige dann trotzdem in die direkte Konfrontation begeben. "Lasst euch davon nicht ablenken, lauft einfach weiter." Wie viele Beamte genau im Einsatz seien, wisse er nicht, sagt ein anderer Polizist. Es seien aber ziemlich viele.
Etwas abseits der Protestroute beobachtet Mark Levy das Geschehen. Der 21-Jährige trägt Kippa und erzählt, deshalb manchmal angefeindet zu werden. "Die pro-palästinensischen Demonstranten interessieren sich nicht für jüdisches Leben", sagt er. "Sie hassen Israel so sehr, dass es ihnen egal ist, auf wessen Kosten das geht."
Am 7. Oktober 2023 war Levy in Jerusalem. Seitdem hat sich für ihn auch das Leben in seiner Heimatstadt New York verändert. "In meiner Synagoge in Brooklyn stehen an den Hohen Feiertagen jetzt Scharfschützen auf dem Dach", sagt Levy. "Draußen steht die Polizei, überall sind Absperrungen. Um reinzukommen, müssen wir durch Metalldetektoren." Polizei habe es vor der Synagoge zwar schon immer gegeben, die strengen Kontrollen aber seien neu. Den neuen Bürgermeister bezeichnet Levy als "Bedrohung für die jüdische Gemeinschaft".
Geteilte Sichtweise in jüdischer Gemeinschaft
Auch Kathryn Grody ist jüdische New Yorkerin, aber sie sieht das Ganze völlig anders. Netanjahu verübe in ihrem Namen "unsäglichen Wahnsinn", sagt die 79-Jährige, die beim Protest gegen den israelischen Politiker mitmacht. Anders als Levy hält sie große Stücke auf Mamdani. Sie und ihr Ehemann, der Schauspieler Mandy Patinkin, gehörten im Wahlkampf zu dessen prominenten Unterstützern. Im Dezember 2025 feierten sie mit ihm Hanukkah, bei seiner Amtseinführung Anfang Januar sang Patinkin den Klassiker "Somewhere Over The Rainbow" mit einem Schülerchor. "Er ist ein wunderbarer Mensch", sagt Grody über Mamdani.
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Sie wünscht sich mehr Mitgefühl für die palästinensischen Menschen. "Wir können das Entsetzen über den 7. Oktober teilen und das Entsetzen über alles, was seitdem geschehen ist, und sagen: Hört mit all dem auf." Dass New Yorker Jüdinnen und Juden so unterschiedlich auf Mamdani und auf Israel blicken, gehört für Grody allerdings auch zum Leben in der Metropole dazu. "Das hier ist ein Schmelztiegel", sagt sie. "Wir waren immer stolz darauf, dass wir – immerhin acht Millionen Menschen – irgendwie trotzdem alle recht gut miteinander auskommen."
Einen durch und durch pragmatischen Umgang mit diesem Schmelztiegel hat Micky. Inmitten des Protestzugs, der sich über die Third Avenue bewegt, schiebt er seinen kleinen Verkaufswagen mit Anti-Trump-Ansteckern und Palästina-Flaggen vor sich her. Immer wieder bleiben Leute stehen, Dollarnoten wechseln den Besitzer. Das Gleiche macht er auch bei MAGA-Kundgebungen, erzählt der Mittsechziger – dort verkauft er dann Trump-Fanartikel. Geschäft ist Geschäft. Am Ende sind es eben immer noch die USA.