Wie der Vater, so der Sohn: Die Bolsonaros greifen in Brasilien wieder nach der Macht
Er ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten, eine 26 Jahre jüngere Version seines Vaters. Am Sonntag will er in dessen Fußstapfen treten: Flávio Bolsonaro, Sohn des Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, will Brasiliens neuer Staatschef werden.
Obwohl der radikale, rechtspopulistische Ex-Präsident seit knapp einem Jahr wegen eines Putschversuches im Gefängnis sitzt, ist die Familie längst nicht von der politischen Landkarte Brasiliens verschwunden.
Sein Sohn Flávio könnte sich an diesem Sonntag in der ersten Wahlrunde ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem amtierenden linken Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva liefern. Wer sind die Bolsonaros, die nun erneut nach der Macht greifen?
Jair, der inhaftierte Ex-Präsident
Der rechtspopulistische Ex-Militär Jair Bolsonaro war nie als großes politisches Talent gehandelt worden. Knapp 30 Jahre lang war er Abgeordneter, erst in Rio de Janeiro, dann im nationalen Kongress. Dabei blieb er immer unter dem Radar – bis zum Amtsenthebungsverfahren der linken Präsidentin Dilma Rousseff 2016.
„Bei der Abstimmung widmete er seine Stimme einem der Militärs, der während der Diktatur in den Siebzigerjahren an der Folterung von Rousseff beteiligt war“, sagt Rose Martins, politische Analystin der Universidade Federal do Rio de Janeiro, dem Tagesspiegel.
In diesem Moment wurde Brasiliens Öffentlichkeit auf Jair Bolsonaro aufmerksam. Zwei Jahre später gab er seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen bekannt. Es folgte ein hitziger Wahlkampf, bei dem er mit einem Messer angegriffen wurde und für viele Rechte in Brasilien zum Helden wurde.
Schnell knüpfte Bolsonaro auch enge Beziehungen zu US-Präsident Donald Trump und anderen rechtspopulistischen Politikern in der Region.
Als Präsident verteidigte er offen die Diktatur. Noch in den ersten Tagen im Amt erließ er Dekrete, die Schutzmaßnahmen für queere Menschen aushebelten und die Freigabe bisher geschützter indigener Gebiete für die Landwirtschaft erlaubten. Er machte den Kauf von Waffen auch ohne Waffenschein möglich.
Während seiner Amtszeit von 2019 bis 2023 nahm die Abholzung des Regenwaldes stark zu, die Corona-Pandemie verunglimpfte er immer wieder als Verschwörung und ergriff kaum Maßnahmen gegen das Virus. Viele Brasilianer machen ihn deshalb für den Tod von mehr als 700.000 Menschen verantwortlich.
Vor einem Jahr wurde Jair Bolsonaro für einen Putschversuch, der neben dem Sturm auf die Regierungsgebäude im Januar 2023 auch den Mord am amtierenden Präsidenten Lula vorsah, zu 27 Jahren Haft verurteilt.
Der 71-Jährige kann nicht wieder antreten – aber erkor im Dezember 2025 seinen Sohn Flávio als Nachfolger aus. „Während seiner Zeit als Präsident hat er seine Ex-Frau Rogéria und deren gemeinsame Kinder Flávio, Carlos und Eduardo überhaupt erst in die Politik gebracht“, sagt Rose Martins.
Flávio, der Präsidentschaftskandidat
Jetzt soll also sein Sohn ran. Der sieht Jair Bolsonaro nicht nur ähnlich, sondern folgt ihm darüber hinaus ideologisch: Auch der 45-jährige Flávio will die woke „Genderideologie“ bekämpfen und könnte die Abholzung des Amazonasregenwaldes wieder verstärken.
„Politisch ist Flávio zum wichtigsten Vertreter der Familie Bolsonaro in der institutionellen Politik geworden“, sagt Júlia Almeida, Politologin an der Universidade de São Paulo.
„Er ist der Sohn mit der längsten Karriere in gewählten Ämtern und derjenige, der den Dialog mit Parteien der traditionellen Rechten am systematischsten ausgebaut hat.“
Rhetorisch werde versucht, Flávio als rechtskonservativen Kandidaten zu präsentieren, sagt Maximilian Hedrich, Leiter des Brasilien-Büros der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung. „Er verzichtet in der Regel auf ein allzu populistisches Auftreten. Zentrale Narrative und wesentliche Positionen weisen jedoch deutliche Parallelen zu denen seines Vaters auf.“ Häufig werde Flávio nachgesagt, dass ihm das Charisma seines Vaters fehle.
Im Wahlkampf setzte der frühere Anwalt vor allem auf sein Kernthema Sicherheit und darauf, die organisierte Kriminalität im Land mit harter Hand bekämpfen zu wollen – aber er warb auch mit seiner Abstammung. „Hier drin ist Bolsonaro-Blut“, rief er bei einer Kundgebung im Mai und zeigte dabei auf seinen Arm.
Viele befürchten, er könnte seinen Vater nach einem Wahlsieg begnadigen.
Denn Flávio Bolsonaro sei nicht so farblos, wie er daherkommt, meint Rose Martins. „Er war lange ein eher unbedeutender Politiker, aber in Rio hat er mit sehr gefährlichen Personen und den Milizen verkehrt“, sagt sie. „Als Abgeordneter des Bundesstaates zeichnete er einen Auftragsmörder aus, während dieser in Haft war.“
Seit Juli ermittelt die Polizei gegen Bolsonaro wegen des Verdachts auf Geldwäsche und Korruption. Den rechten Anhängern seines Vaters scheint das egal zu sein – sie wollen wieder einen Bolsonaro an der Macht sehen.
Eduardo, der Trump-Freund
Eduardo wäre vermutlich gerne dieser Bolsonaro gewesen. Auch der drei Jahre jüngere Bruder Flávios hat politische Ambitionen. Er war Beamter der Bundespolizei und Abgeordneter für den Bundesstaat São Paulo.
Derzeit allerdings lässt Eduardo Bolsonaro dieses Amt ruhen und ist in den USA – im Exil, wie er sagt, weil er in Brasilien politisch verfolgt werde. In den Vereinigten Staaten jedenfalls hat er mächtige Verbündete.
Präsident Donald Trump wollte die brasilianische Regierung mit Sanktionen und verbalen Drohungen dazu drängen, das Gerichtsverfahren gegen Jair Bolsonaro einzustellen.
Es soll Eduardo gewesen sein, der um Unterstützung für seinen Vater geworben hatte. Nachdem das Oberste Gericht in Brasilien ihn wegen Lobbyarbeit gegen sein eigenes Land zu vier Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt hatte, bekam er in den USA eine Greencard.
„Eduardo hat sich als wichtigster internationaler Vermittler der Familie Bolsonaro etabliert“, sagt Politologin Júlia Almeida.
Er habe Kontakt zu vielen Organisationen und Führungskräften der internationalen Rechten, wurde Hauptorganisator der konservativen Konferenz CPAC in Brasilien. „Diese Position ermöglichte es ihm, als Bindeglied zwischen dem Bolsonarismus und konservativen Netzwerken im Ausland zu fungieren, insbesondere in den Vereinigten Staaten und in Lateinamerika.“
Darüber hinaus bleibt Eduardo Bolsonaro weitgehend im Hintergrund – vermutlich auf Bitten der Familie. „Er ist der radikalste Bolsonaro, und damit durchaus schädlich“, sagt die brasilianische Analystin. „Er befürwortet freien Waffenverkauf, ausländische Interventionen in Brasilien und steht in intellektuellem Austausch mit der extremen Rechten anderer Länder.“
Carlos, der Digitalstratege
Carlos, der dritte der politisch aktiven Bolsonaro-Söhne, soll inzwischen eine schwierige Beziehung zum Vater und dessen aktueller Ehefrau Michelle haben.
Aber: „Er war maßgeblich am Aufbau der digitalen Strategie beteiligt, die den Bolsonarismus zu einer nationalen politischen Kraft gemacht hat“, sagt Almeida. Bei der Wahl 2018 war der 43-Jährige demnach verantwortlich für die Kommunikation in sozialen Netzwerken.
Für Jair Bolsonaros Wahlsieg war das damals ausschlaggebend: „Der Bolsonarismus wird als weitreichendes digitales Ökosystem verstanden, das sich aus Politikern, Influencern, Aktivisten und Anhängern zusammensetzt“, erklärt die Politologin. Carlos Bolsonaro habe dieses System mit erschaffen.
In der Familie Bolsonaro hat also auch er seine klare Rolle, die seinem Bruder Flávio am Sonntag wieder zur Macht verhelfen soll.
Michelle, die Evangelikale
Zuletzt wäre da noch Jairs Ehefrau und Stiefmutter von Flávio und Eduardo, Michelle Bolsonaro. Die 44-jährige Brasilianerin ist bei konservativen Frauen beliebt und vor allem im evangelikalen Milieu verankert. Die ultrakonservative Kirche ist die am schnellsten wachsende im Land, inzwischen gehört ihr mehr als jeder Vierte an.
„Im Gegensatz zu Jairs Kindern bekennt sich Michelle öffentlich zu ihrem evangelikalen Glauben, und ihre politische Sprache ist stark von religiösen Bezügen geprägt“, sagt Júlia Almeida. In den sozialen Medien mobilisiert sie mit Bibelsprüchen und Kochrezepten, unterlegt mit rechten Sprüchen. Gerade bei Wählerinnen, bei denen es Jair Bolsonaro immer schwer hatte, kann sie mit ihrer sanfteren, weniger radikalen Art punkten.
„Dies verleiht ihr eine Funktion, die keiner von Bolsonaros Söhnen in gleicher Weise ausüben kann“, sagt die Politologin.
Michelle Bolsonaro werden eigene politische Ambitionen nachgesagt. In der Diskussion um die Nachfolge Ende vergangenen Jahres spielte sie allerdings kaum eine Rolle. Trotzdem steht sie bis heute eng an der Seite ihres Mannes.