Wie Griechenland über Nolans "Odyssee" diskutiert
Es kommt nicht oft vor, dass ein Ministerpräsident sich zu einem Kinofilm äußert, doch Griechenlands Regierungschef Kyriakos Mitsotakis hat vor einigen Tagen genau das getan. Er führte ein Videotelefonat mit Christopher Nolan, dem Regisseur des Films „Die Odyssee“, über den seit Wochen alle sprechen. Das Büro des Ministerpräsidenten verbreitete Bilder des Telefonats. Mitsotakis gratulierte dem Briten zur Übertragung des fast 3000 Jahre alten Epos in eine andere Kunstform und dankte ihm dafür, das Interesse an der antiken Zivilisation Griechenlands weltweit gestärkt zu haben. Produktionen wie Nolans Film verbänden das reiche kulturelle Erbe des Landes mit zeitgenössischer Kreativität, lobte der Politiker. Doch längst nicht alle griechischen Reaktionen fielen so positiv aus. Es lohnt sich, einen Blick auf die Debatte zu werfen. Zwar lässt sich daraus wenig über Nolans Film und seine bisweilen tatsächlich eigenwillige Interpretation der jahrtausendealten Vorlage lernen – dafür aber einiges über das heutige griechische Selbstverständnis und seine vielen Brüche. Rundweg ablehnend reagierte der Oppositionspolitiker Dimitris Natsios, Chef der nationalistisch-ultraorthodoxen Partei Niki (Sieg). Er regte sich darüber auf, dass der griechische Staat den Film mitfinanziert hatte. Laut Gesetz können bis zu 40 Prozent der Kosten für eine Filmproduktion vom Staat übernommen werden, wenn die Dreharbeiten in Griechenland stattfinden. Im Fall von Nolans „Odyssee“, die nur zu einem kleinen Teil in Griechenland gedreht wurde, ging es um eine Summe von etwa sechseinhalb Millionen Euro, was bei Produktionskosten von fast 220 Millionen Euro kaum ins Gewicht fällt. „Verfälschung des kulturellen Erbes“ Doch für Natsios war jeder Euro zu viel: „Der griechische Staat kann nicht die Verfälschung der ‚Odyssee‘ und unseres kulturellen Erbes finanzieren“, schimpfte der Parteichef und forderte Aufklärung, wer das Geld für eine Produktion bewilligt habe, die in seinen Worten das griechische Kulturerbe schutzlos preisgibt. Der Politiker kritisierte, die Regierung finanziere ausländische Produktionen, die ihre Bedeutung aus den herausragenden Symbolen der griechischen Identität bezögen, ohne auf „Schutzklauseln für das historische und kulturelle Gedächtnis“ zu bestehen. Das griechische Parlament müsse deshalb Einsicht in alle Gutachten, Aktenvermerke und Schriftwechsel zwischen dem Kulturministerium und der Produktionsfirma erhalten, um zu prüfen, was die Regierung vorab über Drehbuch, Besetzung und künstlerische Ausrichtung des Films wusste. Zugleich fordert Natsios, der Staat müsse die Ko-Finanzierung wegen Verletzung des griechischen kulturellen Erbes zurückfordern. Kulturministerin Lina Mendoni, eine promovierte Archäologin und klassische Philologin, verteidigte ihre Regierung mit einem Hinweis auf die Gesetzeslage: „Es gibt keinerlei politische oder ideologische Einflussnahme auf den künstlerischen Inhalt eines Werkes.“ Es sei nicht Aufgabe des Staates, einem Künstler vorzuschreiben, wie er ein Werk oder einen Mythos darzustellen habe. „Ebenso wenig darf der Staat der Kunst ästhetische oder ideologische Kriterien aufzwingen. Wir sprechen hier über einen der bedeutendsten zeitgenössischen Regisseure. Ist es wirklich ernsthaft denkbar, darüber zu diskutieren, ob der Staat Christopher Nolan zensieren soll?“, fragte die Ministerin. Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. F.A.S. jetzt lesen Natsios ist eine Randerscheinung in der griechischen Politik. Im Athener Parlament hat seine Partei nur zehn von 300 Sitzen, bei der Europawahl kam sie auf kaum 4,4 Prozent. Doch auch mächtigere Politiker äußerten Unmut über Nolans Film. Gesundheitsminister Adonis Georgiadis, ein wortgewaltiger und lautstarker Rechtsaußen von Mitsotakis’ konservativer Regierungspartei Nea Dimokratia, sagte, Nolan sei „zu weit gegangen“. Georgiadis kritisierte besonders Nolans Regieeinfall, die mythische Gestalt der Helena von der schwarzen Schauspielerin Lupita Nyong’o spielen zu lassen. Helena, in der Sage die schönste Frau ihrer Zeit, deren Entführung den Trojanischen Krieg auslöste – eine Schwarze? Das empörte Georgiadis und viele andere Rechtgläubige – schließlich werde Helena bei Homer im altgriechischen Original als „weißarmig“ beschrieben. Das ließe sich zwar auch als Umschreibung einer adeligen Herkunft lesen – doch wenn der Dichter eine schwarze Helena hätte haben wollen, hätte er die Hautfarbe dann nicht eigens hervorgehoben, wie bei Eurybates, einem Diener von Odysseus? „Chris Nolan hat Homer geschändet“ Über den heißt es, hier zitiert nach der 1781 erschienenen deutschen Übersetzung von Johann Heinrich Voß: „Bucklicht war er und schwarz sein Gesicht und lockicht sein Haupthaar.“ Aber über Helena stehe eben nichts dergleichen bei Homer, rügen nicht nur Nolans griechische Kritiker. Elon Musk drückte auf seiner Plattform X aus, was ähnlich auch in griechischen Debatten geäußert wurde: „Chris Nolan hat Homer geschändet und ist auf Knien gekrochen, nur um die für einen Oscar nötigen woken Regeln zu erfüllen. Was für ein Wurm.“ Weitere Einwände kommen aus dem akademischen Milieu Griechenlands. Hier wird unter anderem behauptet, der britische Regisseur habe den Geist der griechischen Antike nicht erfasst. Ein Beispiel lieferte die Historikerin Polyvia Parara, die auf antike griechische Dichtung und Politik spezialisiert ist. Die gebürtige Athenerin, die in der griechischen Hauptstadt auch ihren Abschluss erwarb, behauptete in einem Aufsatz, Nolan habe die Bedeutung von Homers Werk „um mindestens 85 Prozent“ verändert. Wie man das wohl berechnet? Nolans Odysseus sei jedenfalls „eine herabgewürdigte Version des homerischen Helden“, monierte Parara und begründete das unter anderem mit der Antikriegsbotschaft des Films. Die Odyssee von Nolan sei „nicht bloß eine freie filmische Adaption von Homers Epos, sondern eine Neuinterpretation, die von den Denkkategorien der westlichen Moderne geprägt ist“. So werde aus dem homerischen Helden ein traumatisiertes, von Schuldgefühlen geplagtes Individuum, das zwar zu den Sensibilitäten der zeitgenössischen westlichen Kultur passe, mit den Werten der alten Griechen aber nichts gemein habe. Den grüblerischen Film-Odysseus, der von Erinnerungen an die Verbrechen nach der Eroberung Trojas geplagt wird, gibt es in Homers Text so tatsächlich nicht. Dort nennt Odysseus sich, wiederum nach der Übersetzung von Voß, einen „Städtevernichter“ und billigt sich Ruhm als Angehöriger eines Volkes zu, das „viele Völker vertilgt hat“. Der Kolumnist Aris Alexandris wies in der Athener Zeitung „Kathimerini“ auf das Offenkundige hin: Homers Epik repräsentiert nun einmal nicht die im historischen Maßstab erst seit gestern oder bestenfalls vorgestern akzeptierten Werte unserer Zeit. Alexandris spottete darüber, wie man davon schockiert sein könne, dass das Konzept der Geschlechtergleichheit vor 27 Jahrhunderten noch nicht Homers Thema war. Die Unfähigkeit, die „Odyssee“ aus ihrer Entstehungszeit heraus anzunehmen, sei „Symptom einer Kultur des hohlen Moralisierens“, so der Autor. Historische Unstimmigkeiten: Darth Vader in der Antike Eine weitere Phalanx der Kritiker bilden die Faktenfüchse, die nach historischen Unstimmigkeiten fahnden. Tatsächlich gibt es da einiges zu finden in Nolans Film. Da ist etwa das mehr an den „Krieg der Sterne“ und Darth Vader als an antike Muster erinnernde Phantasiekostüm des Feldherrn Agamemnon. Oder ein Satz von Odysseus, der im Film von der „Bronzezeit“ spricht, was fast schon komisch ist. Denn natürlich wussten die Menschen der Bronzezeit nicht, dass sie in einer Epoche lebten, die viele Jahrhunderte später einmal so genannt werden würde. Wie auch die Neandertaler nicht ahnten, dass sie Neandertaler waren – schon deshalb nicht, weil der deutsche Kirchenlieddichter Joachim Neander erst 1650 geboren wurde. Und selbst der konnte nicht wissen, dass das Tal bei Düsseldorf, in das er sich zum Schreiben zurückzog, lange nach seinem Tod nach ihm benannt werden und noch später Schauplatz von Knochenfunden sein würde, die einer Menschenart seinen Namen gaben. Mit Odysseus ist es ähnlich. Die Sage spielt zur Zeit des Trojanischen Krieges, wurde aber erst Jahrhunderte nach der Zeit aufgeschrieben, auf die dieses mythische Ereignis datiert ist. Und ob es einen Dichter namens Homer überhaupt gab, ist nicht sicher. Womöglich ist der vermeintliche Erfinder von Odysseus seinerseits eine Erfindung, nachdem fahrende Sänger die Sagen über Jahrhunderte hinweg mündlich überliefert hatten, bevor sie erstmals aufgeschrieben wurden. Man könnte also auch fragen: Wer war Homer – und wenn ja, wie viele? Und was bedeutet Faktentreue eigentlich in der Welt von Mythen und Märchen? Würde man auch eine Sindbad-Verfilmung auf historische Genauigkeit prüfen? Sind nicht Verfilmungen historischer Stoffe immer Adaptionen – und nicht maßstabsgetreue Kopien des Originals, wie sie reiche Römer von griechischen Statuen anfertigen ließen, um ihre Villen damit zu schmücken? Auch neigen Menschen nun einmal dazu, in eine bestimmte Epoche hineingeboren zu werden und diese aus dem Krähwinkel ihrer Zeit zu betrachten. Es wird behauptet, sogar dekonstruktivistisch geschulte heutige Akademiker bildeten keine Ausnahme zu dieser Regel. Einäugige Anschuldigungen In der griechischen Debatte kam außer dem Vorwurf der mangelnden Nähe zum Original auch die Frage der Vollständigkeit auf. Nolans Film dauert fast drei Stunden, aber selbst in dieser Zeit lässt sich natürlich nur ein Bruchteil der „Odyssee“ erzählen. Nolans Kritiker (nicht nur die griechischen) haben in den vergangenen Wochen aufgelistet, was alles fehle in seiner Version. Das korinthenzählerische Nörgeln über Auslassungen und Kürzungen kennt man auch von anderen Literaturverfilmungen. Und zugegeben: Einige besonders einprägsame Details des Originals fehlen wirklich. Der bekannteste von Odysseus’ berühmten Tricks, die List mit dem Trojanischen Pferd (in der Übersetzung von Voß ist von einem „gezimmerten Ross“ die Rede), kommt zwar vor. Die Geschichte spielt im Film sogar eine viel größere Rolle als bei Homer, der sie nur streift. Doch die zweitbekannteste List des Odysseus fällt im Film ganz weg. Es ist der Dialog mit dem menschenfressenden Zyklopen Polyphemos, in dem Odysseus, gefangen in der Höhle des Ungeheuers, auf dessen Frage nach seinem Namen antwortet, er heiße „Niemand“. Das rettet ihm und seinen Gefährten das Leben, nachdem es ihnen gelungen ist, dem schlafenden Zyklopen das Auge auszustechen. Auf dessen Schmerzensschreie hin kommen die anderen Zyklopen zwar vor die Höhle des Polyphemos gelaufen, ziehen aber wieder ab, als der brüllt, „Niemand“ habe ihn so arg zugerichtet. Doch ist das Fehlen solcher Szenen in Nolans Film ein Grund für den Vorwurf, der Regisseur habe die griechische Antike nicht verstanden? Oder sind solche Anschuldigungen nicht ähnlich einäugig (und am Ende sogar blind) für das Wesen des Erzählens wie der von Odysseus geblendete Zyklop? Zumal wenn sie von Griechen kommen, die ebenso wenig wie die meisten Ausländer in der Lage sind, die „Odyssee“ im Original zu lesen? Dazu unterscheidet sich die überlieferte Urfassung nämlich zu stark vom heutigen Griechisch. Das Verhältnis der heutigen Griechen zu ihren vermeintlichen Vorfahren in der Antike ist nicht nur sprachlich kompliziert. Eigentlich muss, wer dieses Verhältnis verstehen will, nicht nach Athen, Sparta, Olympia oder Marathon reisen, sondern nach Sachsen-Anhalt. Denn von dort, aus der Kleinstadt Stendal, wo ihm ein Museum gewidmet ist, stammte Johann Joachim Winckelmann. Der Mann, der das von trefflichen Helden, weißem Marmor, edler Einfalt und stiller Größe wimmelnde antike Griechenland erfunden hat. So sagt es der 1935 geborene griechische Essayist und Aphoristiker Nikos Dimou, der mit seinen Büchern „Die Deutschen sind an allem schuld“ und vor allem mit dem Werk „Vom Unglück, Grieche zu sein“ moderne Klassiker der griechischen Literatur schuf. „Die alten Griechen, wie sie in unserem Denken heute präsent sind, sind eine Erfindung der Deutschen. Die Deutschen haben das ideale Altgriechenland erfunden und der übrigen Welt geschenkt“, sagte Dimou schon vor vielen Jahren in einem Interview mit dieser Zeitung. Er erinnerte an Lord Byron, den englischen Dichter und Griechenlandschwärmer, der ein Verehrer Goethes war, der wiederum Winckelmann verehrte. Und Winckelmann stand mit seinen Schriften an der Spitze des Griechen-Hypes seiner Zeit. „All diese deutschen, französischen und britischen Philhellenen kamen danach hierher und redeten der Bevölkerung ein, sie seien die größte Nation der Welt, Nachfahren von Aristoteles und Plato. So wurde das Ego der Griechen etwas zu groß für ihr Land“, sagt Dimou, der seinen Landsleuten einen doppelten Minderwertigkeitskomplex unterstellt: „Der eine in der Zeit – den Vorfahren gegenüber. Der andere im Raum – den ,Europäern‘ gegenüber.“ Das ist zugespitzt, denn natürlich gibt es viele zeitgenössische Griechen, die eine abgeklärte Beziehung zur griechischen Antike haben. Doch andere verlieren sich tatsächlich immer noch in Mythen und Abstammungsphantasien, wie einige Exzesse der griechischen Debatte über Nolans Film und manche These über den vermeintlich einzig richtigen Umgang mit Homer zeigen. Evgenia Makrygianni, Professorin für die Literatur der griechischen Antike an der Universität Athen, brachte unlängst in der „New York Times“ auf den Punkt, worum es dabei eigentlich geht: „Homer selbst verändert sich nicht – seine Leser tun es.“