DAX +0,10 % 25.387,02 Pkt 14:14:33 MDAX +1,25 % 32.365,23 Pkt 14:14:33 Euro Stoxx 50 -0,15 % 6.272,88 Pkt 14:14:30 Dow Jones +0,96 % 52.210,08 Pkt 22:52:48 S&P 500 +0,07 % 7.413,18 Pkt 22:52:41 Nasdaq -0,82 % 24.932,08 Pkt 23:15:59 Nikkei -3,95 % 62.364,92 Pkt 08:45:03 Gold -1,15 % 4.027,60 USD 14:19:31 Silber -1,61 % 57,53 USD 14:19:25 Brent -1,39 % 87,13 USD 14:19:27 WTI -1,13 % 81,68 USD 14:19:27 Bitcoin -0,53 % 63.386,94 USD 14:29:28 EUR/USD -0,25 % 1,13660 USD 14:29:21 EUR/GBP +0,21 % 0,85530 GBP 14:29:33 EUR/CHF +0,20 % 0,93200 CHF 14:29:33 EUR/JPY -0,12 % 186,208 JPY 14:29:33

Wie Israel die amerikanischen Demokraten entzweit

Welt

Es gibt viele jüdische Viertel in New York City. Nirgendwo ist die größte Stadt Amerikas aber jüdischer als in Crown Heights in Brooklyn. Eastern Parkway / Ecke Kingston Avenue ist das Herz der Lubawitscher und anderer orthodoxer Gemeinden. Hier befinden sich die zentrale Chabad-Synagoge und der Hauptsitz der chassidischen Bewegung, einer mystischen Strömung osteuropäischen Ursprungs. An diesem heißen Julitag stehen Dutzende junge Männer vor der Synagoge, in der einst Menachem Mendel Schneerson wirkte, der „Rebbe“ der Chabad-Bewegung, der von vielen Angehörigen als Messias verehrt wurde. Die frommen Männer unterbrechen ihr Gebet für einen Schwatz. Sie tragen schwarze Hüte, weiße Hemden und Kaftane, die traditionellen schwarzen Mäntel. Die Bärte sind lang, und die Schläfenlocken kräuseln sich auf Kinnhöhe. Junge Frauen mit Perücke und Kopftuch schieben unterdessen ihre Kinderwagen durch die Kingston Avenue, wo sich jüdische Fischmärkte, koschere Imbisse, traditionelle Kleidungsausstatter und Judaika-Geschäfte befinden. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Yaacov Behrman ist außer Atem. Er unterscheidet sich von den meisten anderen frommen Männern vor der Synagoge. Zwar hat auch er einen langen, wuscheligen Bart, und sein Haupt ist mit einer Kippa bedeckt, doch trägt er eine rote Hornbrille und ein modisches rosa Hemd, das aus der Hose hängt. Behrman tippt etwas in sein Mobiltelefon und begrüßt Passanten. Nebenbei erzählt er von seinem hektischen Vormittag und den anstehenden Terminen der Woche. Er redet ohne Punkt und Komma. Bei den Demokraten verschiebt sich etwas Der Rabbiner, der in der Verwaltung der Chabad-Zentrale arbeitet, hat viele Rollen. Er legt Wert darauf, festzuhalten, dass das, was er nun erzählen wird, nichts mit seiner Arbeit als Rabbiner oder mit der Chabad-Gemeinde zu tun habe, die sich aus der Parteipolitik generell heraushält. Das, was er zu sagen habe, sage er als jüdischer New Yorker und als Demokrat. Was Behrman seit einiger Zeit Sorgen bereitet, ist eine Verschiebung in seiner Partei, in der er sich seit Jahrzehnten engagiert. Der Umgang mit dem Staat Israel ist zur zentralen Konfliktlinie geworden – zwischen linken und moderaten Demokraten und auch innerhalb des amerikanischen Judentums, dessen politische Heimat die Partei mehrheitlich ist. Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. F.A.S. jetzt lesen Im Juni hatte Zohran Mamdani, der erste muslimische Bürgermeister New Yorks und selbst erklärte demokratische Sozialist, heftig die proisraelische Interessengruppe AIPAC attackiert. Er nannte die Organisation „Monster“, die „Millionen an dunklem Geld“ verwendeten, um ein Ziel zu erreichen: ihre Macht zu erhalten, um „uns gegeneinander aufzuhetzen“. Moderate Juden in der Partei hielten Mamdani daraufhin selbst Hetze vor: Wenn man „AIPAC“ durch „Juden“ ersetze, lande man bei der ältesten antisemitischen Verschwörungstheorie. Der Streit fiel mitten in den Vorwahlkampf der Demokraten für die Zwischenwahlen im November. Seine Äußerung schadete Mamdani und den von ihm unterstützten Kandidaten in den New Yorker Kongressbezirken allerdings nicht: Drei seiner Links-außen-Kandidaten, die offen gegen Israel Wahlkampf machten, setzten sich durch und veränderten das Koordinatensystem in der New Yorker Politik. Auch Behrman äußerte sich im Vorwahlkampf und sagte, er sei „entsetzt“ über Mamdanis Worte. Er hatte nach der Wahl des Bürgermeisters im vergangenen Jahr zunächst dazu aufgerufen, ihm eine Chance zu geben. Er sei das legitime Stadtoberhaupt. Nun aber fragte er: Wie trage ein solcher Kommentar dazu bei, New York sicherer zu machen, schließlich könne man die Worte als Aufruf zur Gewalt interpretieren: „Monster will man schließlich loswerden, oder?“ Daraufhin erhielt Behrman anonyme Todesdrohungen. Die Verschiebung im Koordinatensystem ist nicht allein bei den Demokraten und ihren Anhängern zu beobachten. In beiden politischen Lagern hat sich die Meinung über den Staat Israel, Washingtons engsten Verbündeten im Nahen Osten, in den vergangenen drei Jahren deutlich verschlechtert. Vor dem Gazakrieg sahen zwei Drittel der Amerikaner Israel positiv. Inzwischen tut dies laut einer Umfrage des PEW Research Institute noch knapp die Hälfte. Die Rechts-außen-Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sehen gar 62 Prozent der Befragten negativ. Die Folgen zeigen sich bei Republikanern wie Demokraten In der Politik bleibt die Entwicklung links wie rechts nicht ohne Folgen. Unter Republikanern gewinnen Leute wie der einflussreiche politische Kommentator Tucker Carlson an Zustimmung, die spätestens seit dem Irankrieg mit Trump gebrochen haben und dem Narrativ Vorschub leisten, Amerika lasse seine Außenpolitik von Israel bestimmen. Auf der anderen Seite befeuert der Antizionismus den Linksruck der Demokraten. Mögliche Präsidentschaftskandidaten, die sich für 2028 in Stellung bringen, müssen das zur Kenntnis nehmen: Josh Shapiro, der Gouverneur von Pennsylvania, und Rahm Emanuel, der Vertraute Barack Obamas und frühere Bürgermeister Chicagos, gingen jüngst auf vorsichtige Distanz zu Israel. Beide sind Juden – und wissen, dass eine proisraelische Haltung ihren Ambitionen schaden würde. Um zu begreifen, was bei den Demokraten los ist, muss man sich nur anschauen, was im zehnten Kongressbezirk New Yorks passiert. Der Wahlkreis umfasst Lower Manhattan und Teile des westlichen Brooklyns. Es ist ein besonders jüdischer Bezirk in einer Stadt, in der der jüdische Bevölkerungsanteil etwa zwölf Prozent beträgt. Lange wurde der Wahlkreis von jüdischen Demokraten vertreten: Chuck Schumer, der Minderheitsführer im Senat, war hier Abgeordneter, bevor er in die zweite Kongresskammer wechselte. Auch Jerry Nadler vertrat den zehnten Bezirk einige Jahre. 2022 wurde Dan Goldman gewählt, ein Anwalt aus Washington, der sich einen Namen in der Partei gemacht hatte, weil er als Kongressmitarbeiter die Demokraten im ersten Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump beriet. Seit Beginn des Gazakrieges befand sich Goldman in dem Dilemma, in dem sich auch Joe Biden und Kamala Harris im Wahljahr 2024 befanden: Zwar kritisierte er den verheerenden Krieg Netanjahus, weigerte sich aber, diesem Völkermord vorzuwerfen. Mamdanis Leute, die daran arbeiten, Vertreter des demokratisch-sozialistischen Flügels in der Partei durchzusetzen, machten Goldman als einen der Abgeordneten aus, die man in den Vorwahlen erfolgreich von links attackieren könne. Herausgefordert wurde er durch Brad Lander, oberster Rechnungsprüfer der Stadt New York und langjähriges Mitglied der „Democratic Socialists of America“ – beziehungsweise ehemaliges Mitglied, doch dazu später mehr. Lander ist wie Goldman in einem jüdischen Elternhaus aufgewachsen. Anders als Goldman trat er aber für eine Neubestimmung der amerikanisch-israelischen Beziehungen ein. Er forderte die Biden-Regierung auf, der zunehmend autoritären Regierung Israels nicht mehr länger einen „Blankoscheck“ auszustellen. Auch verlangte er von Demokraten, nicht mehr AIPAC zu gehorchen. Ein Sieg wie ein Fanal Die Frage, ob man Spendengeld von der Organisation annimmt, brachte Goldmann in den Vorwahlen in Bedrängnis. Lander hingegen brüstete sich damit, niemals Geld von AIPAC angenommen zu haben. Er sagte auch, dass man Antizionist sein könne, ohne antisemitisch zu sein, und er bezeichnet sich als liberalen Zionisten, der für ein Bündnis mit Antizionisten wirbt. Schließlich seien auch viele Juden Antizionisten. Am Ende setzte sich Lander mit 65 Prozent gegen Goldman durch. Das war ein Fanal. Yaacov Behrman ist enttäuscht von Lander. Beide sind seit vielen Jahren befreundet. Eine Freundschaft, die auf den ersten Blick überrascht: der orthodoxe Rabbiner und der linke Israelkritiker. Behrman hat aber nie ausschließlich in der homogenen Blase der Lubawitscher gelebt. Seine Eltern waren Hippies, wie er sagt, die in den Siebzigerjahren durch Indien und Afghanistan reisten. Ihre Sinnsuche endete aber nicht bei Bhagwan oder der Hare-Krishna-Bewegung, sondern bei Chabad. Behrman, der mit seiner Frau drei Kinder hat, hatte also immer Kontakt zur säkularen Welt. Grund für seine Enttäuschung über Lander sind die Leute, mit denen dieser sich heute umgibt, die „Democratic Socialists of America“ (DSA). Am 8. Oktober 2023, einen Tag nach dem barbarischen Angriff der Hamas auf Israel, unterstützen die DSA eine Versammlung mit mehr als tausend propalästinensischen Demonstranten auf dem Times Square, wo etwa skandiert wurde: Wegen der israelischen „Besatzung“ sei „Widerstand gerechtfertigt“. Infolgedessen verließ Lander zwar die DSA, aber in den Vorwahlen trat er gemeinsam mit Leuten auf, die an dieser Demonstration teilgenommen hatten. Behrman sagt, obwohl Lander den DSA nicht mehr angehöre, laufe er doch auf deren Ticket. Polizei muss Demonstranten trennen Szenenwechsel: Am Dag Hammarskjöld Plaza vor dem Hauptquartier der Vereinten Nationen in Manhattan versammeln sich rund sechzig propalästinensische Demonstranten. Unter ihnen sind auch Leute von der „Jewish Voice for Peace“, einer einflussreichen antizionistischen Organisation, die von New Yorks Bürgermeister unterstützt wird. Eigentlich hatte sich Itamar Ben-Gvir, der rechtsextreme israelische Minister für nationale Sicherheit, in New York angekündigt. Obwohl er sein Erscheinen bei den UN absagte, kommen die Aktivisten auf dem Platz zusammen. Später wollen sie eine Petition bei der New Yorker Justizministerin einreichen, in der sie aufgefordert wird, einen Haftbefehl gegen Ben-Gvir zu prüfen, dem die Aktivisten mögliche Kriegsverbrechen gegen New Yorker palästinensischer Herkunft vorwerfen. Die Drohung, israelische Politiker zu verhaften, ist zum Teil des politischen Kampfes geworden. Mamdani hatte im Bürgermeisterwahlkampf im vergangenen Jahr angekündigt, Netanjahu verhaften zu lassen, sollte er zur Generalversammlung der Vereinten Nationen kommen. Nun musste er freilich eingestehen, dass ihm dazu die Kompetenzen fehlen. Aus dem Pro-Israel-Flügel der Partei hieß es danach höhnisch: Mamdani sei Bürgermeister – er solle sich um die Schlaglöcher und die Müllabfuhr in New York kümmern. Wenige Meter von den antizionistischen Demonstranten entfernt versammelt sich eine kleine Gegendemonstration proisraelischer Aktivisten. Es kommt zu einem Wortgefecht einer Frau von der „Jewish Voice for Peace“ und einer Frau mit Israelflagge: „Zionismus ist Terrorismus“, ruft die Antizionistin. – „Antizionismus ist Terrorismus“, entgegnet die proisraelische Demonstrantin. – „Seit wann unterstützen Juden Völkermord?“ – „Oh ja, wer hat denn am 7. Oktober ein Massaker verübt?“ – „Es gab einen 6. Oktober.“ Es schaukelt sich hoch. „Starke Juden leben länger“, sagt die Frau mit der Israelflagge. Und: „Du bist ein nützlicher Idiot der Hamas.“ Die Frau von der „Jewish Voice for Peace“ wird nun ausfällig: „Du bist ein verdammtes Arschloch.“ Die Polizei schiebt Gitter zwischen beide Gruppen. Jay Saper, eine nonbinäre Person, die die New Yorker Gliederung der „Jewish Voice for Peace“ leitet und die Demo mitorganisiert hat, schaut zufrieden auf die Aktivisten; viele von ihnen tragen die Kufiya und schwingen die Palästinenserflagge. Als die Gegendemonstranten verschwunden sind, lächelt Saper und sagt: „Wir protestieren nicht nur. Wir verändern die Politik in New York und in Amerika.“ In der Demokratischen Partei vollziehe sich gerade ein Wandel. Saper, in einer jüdischen Familie in Michigan aufgewachsen, aber schon seit vielen Jahren in New York, Jiddisch-Übersetzer und propalästinensischer Aktivist, sieht sich in der Tradition der Bürgerrechtsbewegung. Viele amerikanische Juden setzten sich in den Sechzigerjahren für die Gleichstellung der Schwarzen ein. Die Synagoge der Großmutter habe sich für die „Freedom Riders“ engagiert, die mit Bussen in die Südstaaten fuhren, um sich für die Umsetzung der Urteile des Obersten Gerichts zur Abschaffung der Rassentrennung einzusetzen. „Unsere Arbeit basiert auf jüdischen Werten“, sagt Saper und wehrt sich so gegen den Vorwurf der Nestbeschmutzung.

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