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Wie konnte Christa Pike zwei Todesspritzen überleben?

Welt

Christa Pike hat einen Hinrichtungsversuch überlebt – zumindest scheint das bislang zu gelten. Bis zum Sonntag habe die 50-Jährige noch immer nicht das Bewusstsein zurückerlangt, berichteten ihre Anwälte am Wochenende. Nach zwei Infusionen mit einem tödlichen Medikament am vergangenen Mittwoch war sie in Tennessee lebend auf eine Intensivstation verlegt worden. Dort musste sie künstlich beatmet werden. Wie ist der gescheiterte Hinrichtungsversuch zu erklären? Das lässt sich bis jetzt über die Exekution und ihre Hintergründe in Erfahrung bringen:

Wie wurde die Hinrichtung durchgeführt?

Ende der 1970er Jahre wurden Barbiturate wie das bei Pike verwendete Pentobarbital in den USA als Tötungsmethode eingeführt. Sie sollten andere, angeblich brutalere Verfahren wie den elektrischen Stuhl ablösen. Die Mittel wirken hemmend auf weite Teile des Nervensystems. Das bedeutet, sie versetzen Menschen langsam in den Schlaf, bevor die tödliche Wirkung eintritt.

Wird dann eine bestimmte Dosis überschritten, hemmen die Barbiturate zusätzlich die Hirnregionen, die für den Atemantrieb zuständig sind. Mangels entsprechender Befehle beginnen die Lungen dann, die Arbeit einzustellen. Der Betroffene erstickt. Diese Eigenschaften der Barbiturate sind auch der massgebliche Grund, warum die Arzneimittel in vielen Staaten bei assistierten Suiziden eingesetzt werden, unter anderem von Exit in der Schweiz.

Werden Barbiturate auch als Medikamente verwendet?

Barbiturate wurden ursprünglich in Tablettenform als Schlafmittel entwickelt. Als solche werden sie inzwischen nicht mehr verschrieben. Der Grund ist nicht nur die erhöhte Gefahr von versehentlichen oder absichtlichen Vergiftungen, sondern auch das starke Suchtpotenzial der Barbiturate: Wer sie über längere Zeit nimmt, kann davon abhängig werden. Dennoch werden die Wirkstoffe auch heute noch von Ärzten eingesetzt, beispielsweise als Epilepsiemittel oder sehr selten zur Einleitung von Narkosen.

Warum haben die Mittel bei Christa Pike nicht wie vorgesehen gewirkt?

Es gibt schon länger Zweifel an der Hinrichtungsmethode. Schon in der Vergangenheit sind immer wieder Fälle aufgetreten, bei denen Exekutionen mit den Medikamenten abgebrochen wurden. Erst im Mai geschah das im Staat Tennessee, dem Gliedstaat, in dem nun auch Pike sterben sollte. Dem Überlebenden gewährte der Gouverneur anschliessend ein Jahr Strafaufschub. Um Barbiturate in ausreichenden Dosen und ausreichender Geschwindigkeit in den Körper zu bekommen, müssen die Medikamente direkt in die Venen geleitet werden.

Um das zu ermöglichen, werden den Delinquenten Infusionskanülen in die Venen geschoben – in der Regel an den Armen. Menschen haben aber sehr unterschiedliche Venen. Beim einen sind sie schmal, klein und kaum zu sehen, das heisst man kann schnell daneben stechen, oder die Gefässe können kaputtgehen. Beim anderen verstecken sie sich unter dicken Schichten von Fettgewebe. Bei Drogensüchtigen sind sie oft vernarbt, bei manchen älteren Personen wiederum brüchig.

Wenn bis anhin eine solche Hinrichtung abgebrochen wurde, dann aus dem Grund, dass es dem Personal nicht gelang, Nadeln in passende Venen zu schieben. Laut der Auskunft des Death Penalty Information Center, einer Nonprofit-Organisation, die Todesurteile protokolliert, ist Christa Pike jedoch der erste Fall, bei dem die verurteilte Person trotz Medikamentengabe überlebte. Das liege wahrscheinlich daran, dass die Infusionsnadeln nicht richtig gelegt worden seien, sagen Fachleute. Also dass sie von den Verantwortlichen nicht in die Adern, sondern daneben oder hindurch gestochen wurden. Die giftige Flüssigkeit floss deshalb ins Gewebe.

Für die Richtigkeit dieser Theorie gibt es mehrere Indizien: Laut den Anwälten der Verurteilten gelang es dem Personal erst nach einer Stunde und im siebten Versuch, eine Kanüle zu legen. Das spricht entweder für sehr kleine oder sehr versteckte Gefässe. Schon früher, so die Anwälte, hätten Ärzte Probleme gehabt, bei Pike eine passende Vene zu finden, auch das deutet in diese Richtung.

Ein weiteres Indiz: Menschen, die der Exekution beiwohnten, berichten laut der amerikanischen Zeitung «New York Times», Pike selbst habe während der Einleitung des Pentobarbitals über ein Brennen und Stechen im Arm geklagt. Ärzte deuten das als Zeichen dafür, dass das Medikament tatsächlich ins Gewebe geflossen ist und dort schmerzhafte chemische Verbrennungen verursacht hat. Es handelt sich um eine stark alkalische Flüssigkeit. Laut der amerikanischen Zeitung «Washington Post» waren Pikes Arme bei der Einlieferung ins Krankenhaus geschwollen, entzündet und blasig, das ist ein weiterer passender Hinweis.

Es hätte eine Alternative gegeben. Sogenannte zentrale Venenkatheter erlauben auch bei vielen Patienten mit unauffindbaren Gefässen die Gabe von Medikamenten über Infusionen. Die Katheter werden – meist gesteuert über Ultraschallbilder – in grössere, tiefere Gefässe gelegt, beispielsweise am Hals. Aber das ist nicht nur aufwendiger, sondern erfordert zudem kompetenteres Personal und mehr Kooperation beim Verurteilten.

Gäbe es noch alternative Erklärungen für Pikes Überleben?

Reguläre Pharmaunternehmen weigern sich inzwischen, Produkte für Hinrichtungen zu liefern. Die Gliedstaaten lassen sich deshalb die Barbiturate von Chemieunternehmen oder Apotheken zusammenmischen – womöglich ist dabei etwas schiefgelaufen. Fest steht auf jeden Fall: Im Gehirn von Christa Pike ist Pentobarbital angekommen und hat dort eine unvollständige Atemlähmung ausgelöst. Die Ohnmacht und die Beatmungstherapie belegen, dass ihre Lungen teilweise die Arbeit einstellten. Pikes Körper wurde also zumindest vorübergehend nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt.

Welche Folgen könnte der Hinrichtungsversuch für Christa Pike haben?

Stephen Ferrell, einer von Christa Pikes Anwälten, klingt wenig optimistisch. Es könnte sein, so sagte er am Sonntag dem amerikanischen Nachrichtensender CNN, dass sich seine Klientin niemals vollständig erholen werde und körperliche Schäden zurückblieben. Tatsächlich kann eine vorübergehende Sauerstoffunterversorgung des Gehirns zu Folgeproblemen wie Koordinations-, Wahrnehmungs- oder Gedächtnisstörungen führen. Manchmal sind sie nur vorübergehend, aber auch ein Koma ist möglich. Bislang kenne niemand die Prognose, so Ferrell. Auch deshalb sei es momentan unmöglich, Aussagen über Pikes zukünftiges Schicksal zu machen.

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